Kultur | 18.05.2015

Wo Poesie und Fantasie zusammenfliessen

Text von Raphaela Gmür | Bilder von zvg/Jonas Reolon)
Die Welt der Sprache ist ihr Zuhause: Mit ihren selbst geschriebenen Texten im Gepäck tingelt Lara Stoll quer durch die Schweiz. In diesem Jahr feiert die wohl bekannteste und mehrfach ausgezeichnete Poetry Slam-Künstlerin ihr zehnjähriges Bühnenjubiläum. Tink.ch traf die 28-jährige Wortakrobatin und Filmstudentin zum persönlichen Gespräch.
Das Multitalent Lara Stoll erobert die Schweiz. (
Bild: zvg/Jonas Reolon)

Feierabendstimmung, die sich kurz vor sechs Uhr abends im Zürcher Hauptbahnhof spürbar bemerkbar macht: Menschen hetzen kreuz und quer durch die Bahnhofshalle, sind in Eile. Mitten im Gemenge, in einen graufarbenen Wollmantel gehüllt, steht, ruhig und gelassen, keine Geringere als Lara Stoll. Sie gilt in der Poetry Slam Szene als Pionierin.

 

Hinaus in die grosse, weite Welt

Lara Stolls Terminkalender ist straff. Mit ihrem Solo-Programm tourt die Exil-Thurgauerin quer durch die Schweiz: Sie tritt unter anderem in Bibliotheken, Kleintheatern, Firmen und Buchhandlungen auf – und ist sehr gefragt. Ihre Darbietungen auf der Bühne wirken ausgesprochen imposant; sie besticht mit ihren ausgefallenen Texten und erzählt Geschichten aus dem Leben, die mit einer Prise schwarzem Humor gespickt sind. Beim Schreiben lasse sie sich von Geschehenem und Gefühltem inspirieren, so die Slammerin.

 

Zugegeben – Lara Stoll abseits der Bühne zu treffen, sorgt für einen gewissen Überraschungseffekt. Als sie wartend unter der grossen Bahnhofsuhr beim Zücher Hauptbahnhof steht, ist sie – für einen Augenblick – unter der Menschenmasse kaum zu erkennen. Klein und unscheinbar steht sie da, ihr blondes, schulterlanges Haar verleiht ihrem Äusseren eine gewisse Besonderheit, gar einen Wiedererkennungswert. In einem Strassencafe, welches etwas abseits der Zürcher Bahnhofstrasse liegt, gibt die Slam Künstlerin geduldig Auskunft über ihr Leben und ihr Schaffen als Slam Poetin. Während des Gesprächs unterstreicht sie ihre Worte mit ruhigen Handbewegungen.

 

Im Sog von Lara Stolls Geschichten

Auch wenn das Multitalent abseits der Bühne eher zierlich, zurückhaltend und ruhig wirkt – auf der Bühne sprudeln die Texte nur so aus ihr heraus. Das Publikum vermag sie mit ihren Texten und ihrem Auftritt stets mitzureissen. “Es geht darum, diese Energie während des Auftretens auf das Publikum zu übertragen”, erzählt Lara Stoll. Wie ein gigantisches Feuerwerk, welches – umgeben von einer unüberhörbaren Geräuschkulisse – den nächtlichen Himmel in ein farbiges Lichtspiel verwandelt, wirkt Lara Stoll, wenn sie auf der Bühne ihre Texte zum Besten gibt.

 

Nebst ihren ideenreichen Texten überrascht sie das Publikum auch in Lautstärke und Tempo. Das ist es, was die Zuschauenden packt. Durch diese Vielfältigkeit erweckt sie ihre Texte zum Leben. In den vergangenen Jahren hat die Poetry-Slammerin mit ihrem Können etliche Siege davongetragen. Im September 2010 gewinnt das Energiebündel die erste Slam-Poetry Schweizermeisterschaft und im Dezember desselben Jahres die ersten Europameisterschaften in Reims, Frankreich. Für ihr kulturelles Schaffen wurde Stoll im darauffolgenden Jahr mit dem Thurgauer Kulturpreis geehrt.

 

Bereits als Kind und Jugendliche zog es die auf dem Lande aufgewachsene Lara Stoll auf die Bühne; bevor sie den Poetry-Slam entdeckte, hatte sie im Laientheater gespielt. Als junge Erwachsene siedelte sie vom beschaulichen Rheinklingen nach Winterthur. Heute lebt sie im Zentrum von Zürich. Seit 2011 studiert sie Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre Freizeit ist genau so bunt durchmischt, wie ihr Bühnenprogramm; nebst Studium und Poetry-Slam trifft sie sich mit Freunden, verbringt Zeit mit der Familie, spielt in einer Punkband und geht immer mal wieder gerne ins Kino.

 

Ihre Klassiker im Gepäck

Mit dem Text, worin sie erklärt, weshalb sie manchmal gerne ein John Deere Traktor 7810 Powershift mit Gewichten in der Fronthydraulik wäre, kann sich Lara Stoll vor rund 10 Jahren in der Poetry Slam Szene etablieren. Auch in ihrem aktuellen Programm findet sich jeder irgendwo in einem ihrer Texte wieder.

 

Ihre Geschichten sind, auch wenn beim Poetry Slam der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, realitätsbezogen und authentisch. So gelingt es einem als Zuschauer, dem Alltag zu entfliehen. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Bei jedem ihrer Texte gelingt ihr der Spagat zwischen einer eigenen Fantasiewelt, in der sie selbst Löffel, Gabel und Messer vermenschlicht, und dem wahren Leben. Die beiden Texte “John Deere Traktor 7810” sowie “Das Besteck und ich” setzte sie vor einigen Jahren in Eigenregie als Film um.

 

Zu ihren bekanntesten Texten gehört auch der sogenannte “Schnarch-Text”: Darin ahmt sie, verblüffend echt, verschiedene Tonlagen eines schnarchenden männlichen Wesens nach und verpackt das Ganze in eine wunderbar ausgeschmückte und facettenreiche Geschichte. Gekrönt wurde ihr fulminanter Erfolg mit ihrer Debüt CD “Die unglaubliche Reise der total verrückten Lara”, worauf viele ihrer Texte festgehalten wurden.

 

Was ist Poetry Slam?


Bei Poetry Slam handelt es sich um einen Dichterwettstreit, wobei Menschen mit ihren selbst geschriebenen Texten vor Publikum auftreten. Es geht darum, den geschriebenen Zeilen auf der Bühne Ausdruck zu verleihen; die Texte zum Leben zu erwecken und das Publikum zu überzeugen. Dabei darf der Dichter keinerlei Requisiten, Kostüme oder Musikinstrumente einsetzen und muss die Zeitlimite einhalten.