Kultur | 14.05.2015

Nur kein Stillstand

Text von David Bucheli | Bilder von zVg/Warner Bros.)
"Mad Max: Fury Road" ist pures cineastisches Benzin: energiegeladen, raffiniert und hochexplosiv!
"Keep movin'": Mad Max (Tom Hardy) in Aktion. (
Bild: zVg/Warner Bros.)

„Keep movin'“ lautet der einzige Ratschlag des Titelhelden an seine Verbündeten, als sie ihn einmal alleine in der Ödnis zurücklassen sollen: immer in Bewegung bleiben.

In der postapokalyptischen Wüstenwelt von „Mad Max: Fury Road“ bedeutet Rasen Leben, oder zumindest Überleben. Seit dem Umweltkollaps scheint der ganze Planet von einer öden Dreckkruste überzogen, motorisierte Barbaren heizen mit überzüchteten Muscle Cars durch die Dünen.

Ihre wahnwitzigen Vehikel sind zusammengeflickt aus den Wrackteilen der untergegangenen Zivilisation, jetzt dienen sie als fahrende Kriegsmaschinen im Kampf um lebensnotwendige Ressourcen.

Highway durch die Hölle

Alles ist knapp in Regisseur George Millers irrer Zukunftsvision: Zeit, Wasser, Benzin, Munition, Nachwuchs. Kultführer und Warlord Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) hält sich einen ganzen Harem, um den Fortbestand seiner Ahnenreihe sicherzustellen. Als die Imperatrix Furiosa (Charlize Theron) mit einem Tanklaster voller Benzin und Bräute durchbrennt, schickt Joe eine PS-starke Armada von selbstmörderischen Strassen-Kriegern hinterher. Unfreiwillig mit dabei: der versklavte Ex-Polizist Max Rockatansky (Tom Hardy), der als lebende Gallionsfigur herhalten muss.

Es ist der Auftakt einer zweistündigen Verfolgungsjagd, die sich kaum Verschnaufpausen gönnt. In der flächigen Einöde der postnuklearen Wüste gibt es kein Versteck, keinen Stillstand, kein Ankommen, sondern bestenfalls ein Entkommen. Max kann sich aus seiner misslichen Lage befreien und schliesst sich den Gejagten an.

Phantasmatischer Fluchtpunkt ist das gelobte „Grüne Land“, doch der Weg führt geradewegs durch die Hölle des mobilen Schlachtfelds. Dabei zelebrieren die Verfolger den Krieg als eine einzige monströse Show: Während für Immortan Joes Kamikaze-Kommando selbst der Märtyrertod einer Stunt-Logik des maximalen Spektakels gehorcht, sorgen fahrende Kriegstrommeln und ein hysterischer Heavy Metal-Rocker mit seinem Gitarren/Flammenwerfer-Hybrid für den passenden martialischen Klangteppich.

Rohes Kino

In rasanten Schnitten und infernalisch grellen Farben pumpt George Miller diese aberwitzige Dystopie auf die Leinwand und entfacht einen Flächenbrand von einem Film, dessen kinetische Energie sich im Kinosaal dauerexplodierend entlädt.

Vor lauter Bildgewalt könnten einem die wunderbar obszönen Details entgehen, die Millers radikale Vision wie eine fratzenhafte Karikatur mit der tagesaktuellen Wirklichkeit kurzschliesst: In aller stilisierten Überzeichnung erinnern die rasenden Wüstenarmeen doch frappant an die gegenwärtigen Schreckensbilder des IS, das Repertoire umkämpfter Rohstoffe wurde im Vergleich zu den früheren Mad Max-Filmen von Öl um Wasser, Waffen und (Jung-)Frauen erweitert.

Das konsequente Weiterspinnen gegenwärtiger politischer und ökonomischer Tendenzen gehörte immer schon zur Prämisse des Mad Max-Universums: Atomkrieg und Ölkrise bildeten die Basis der ersten drei Filme mit Mel Gibson in der Hauptrolle (1979, 1981 und 1985), nun wird das Referenzsystem nochmals explosionsartig erweitert um Nahost-, Öko- und Feminismus-Fragen.

Mit Charlize Therons Furiosa hat der Mad Max-Kosmos zudem eine weibliche Hauptfigur gewonnen, die dem neu von Tom Hardy verkörperten Titelhelden mehr als ebenbürtig ist. Denn während Mad Max nur zufällig zwischen die fahrenden Fronten gerät, ist Furiosa die treibende Kraft, die den Film zur Höchstgeschwindigkeit peitscht. Auch für sie gilt das Diktat der ständigen Bewegung, die schliesslich die Essenz des Kinos selbst ist: „Keep movin'“. Insofern ist „Mad Max: Fury Road“ Kino in seiner rohesten Form. Alles, nur kein Stillstand.