Kultur | 07.05.2015

Kreide und Explosionen

Text von Clara A'Campo | Bilder von Boris Nikitin)
Im Rahmen der Basler Dokumentartage performen Ariane Andereggen und Ted Gaier das Stück "Rohstoff - Eine Verarbeitung". Im Detail nehmen sie den globalen Rohstoffhandel auseinander, und verdeutlichen das Ausmass der durch ihn verursachten Schäden. Ihre Botschaft lautet unmissverständlich: Tut etwas!
Ariane Andereggen in Aktion. (
Bild: Boris Nikitin)

“Ich bin der Rohstoff.”

So beginnt Ariane Andereggen die Performance. Sie steht im Foyer des Schauspielhauses auf einer winzigen Bühne. Ted Gaier begleitet sie musikalisch, mit einem Mini-Synthesizer steht er am Bühnenrand. Quer zu ihnen sitzen die rund dreissig Zuschauer in einer langen Stuhlreihe. Richten sie ihren Blick geradeaus, können sie durch die Fensterfronten herein spähende Strassenpassanten beobachten. Blicken sie zur Seite, sehen sie das Künstler-Duo Gaier und Andereggen.

 

Diesen merkt man die jahrzehntelange Erfahrung vom ersten Augenblick an. Beide haben eine typische Theaterstimme – sehr wohlklingend, sehr klar artikulierend. Und sicherlich mangelt es ihnen nicht an Selbstironie. Im Laufe der Performance greift Ted Gaier in die paar wenigen Synthesizer-Tasten, als gehörten sie zu einer Orgel. Ariane Andereggen kramt in ihren Notizblättern, als wären es Seiten von Diderots encyclopédie.

 

Groteske Ungerechtigkeit

Die Performance setzt sich zusammen aus Science Slam und dichterischem Monolog, Soundeinlagen und Imitationen von Kraftwerk-Songs, Videoeinblendungen und Tonabspielungen. Inhaltlich geht es um Umweltdesaster, Arm-Reich-Kontraste, Menschenrechtsmissachtung – leicht könnte man sich angesichts dieser aufwühlenden Thematik in schäumende Empörung hineinsteigern. Doch das Duo wahrt Distanz zu den tiefschürfenden Themen.

 

In ihrer Performance steht das Groteske des Weltrohstoffhandels im Vordergrund. So schreiend ungerecht scheint alles vor sich zu gehen – man ist schier fassungslos. Wie können Grosskonzerne mit ihren intuitiv kriminellen Methoden auch noch davon kommen? Die Performer antworten: “Es funktioniert, weil es niemand versteht.”

Auch sie durchschauen es offensichtlich nicht ganz, denn für sie gilt: “Der Rohstoffhandel ist undurchsichtig wie Kaulquappensuppe.”

 

Trotzdem verwenden sie gut neunzig Minuten darauf, dem Publikum globale Zusammenhänge zu erklären. Sie führen die Zuschauer in einen zwei Stockwerke hohen Lagerraum hinab. Dort lehnt eine dicht beschriebene Tafel an der Wand, vor der sich die Zuschauer halbkreisförmig anordnen. Auf Gummibällen, Klappstühlen oder auf dem Boden sitzend blicken sie auf ein Chaos aus Kreide.

 

Aufruf zum Handeln

Sollen sie da überhaupt etwas verstehen? Was von der Performance bleibt, sind keinesfalls systemtheoretische Erleuchtungen. Dafür starke Bilder. Videos von Explosionen in der Wüste, durch die das Rohmaterial zerkleinert wird. Auf die Betonwand als bewegte Bilder projiziert, verursachen sie Anspannung und trockenen Mund. Die Luft im Lagerraum scheint staubgesättigt und ungesund. Es muss etwas getan werden, das ist klar.

 

Endlich kommen wohl auch die Performer zu dieser Ansicht. Mit Demo-Schildern marschieren sie zurück ins Foyer. Das Publikum folgt ihnen und nimmt noch einmal auf den Stühlen Platz. Andereggen und Gaier steigen auf die Bühne. Sie sprechen die Themen “Geld spenden” und “gemeinsam sind wir stärker” an.

“Danke, das war’s”, heisst es dann plötzlich. Wunderbar unprätentiös ist ihr Abgang, die Zuschauer erheben sich und treten hinaus. Sie werden Einiges zu verarbeiten haben.