Gesellschaft | 29.05.2015

Falsche Erwartungen an die Liebe?

Text von Jana Neuenschwander | Bilder von WD /pixelio.de)
Wir kennen heute nicht nur unser Privatleben, sondern vermeintlich auch das von vielen anderen. Personen aus der Fiktion und solche, die auf Social Media ihr Leben offenherzig teilen, zeigen uns, wie das Glück aussieht. Dies generiert Erwartungen, die wir zum Teil kaum erreichen können.
Eine/r allein kann gar nicht alle Erwartungen erfüllen. Ein Essay über die Liebe im Social-Media Zeitalter. (
Bild: WD /pixelio.de)

Jeder Mensch möchte glücklich sein. Doch eigentlich ist Glück nur ein kurzfristiges, intensives Gefühl, welches oft von äusseren Ereignissen abhängig ist. In meinen Augen sollte man daher vor allem der Zufriedenheit Beachtung schenken, denn Zufriedenheit ist beständiger und – noch wichtiger – kommt von innen, was sie beeinflussbar macht. Zufriedenheit entsteht, wenn die Realität mit den Erwartungen einer Person übereinstimmt. Der naheliegende Schritt wäre es also, bei Unzufriedenheit das eigene Leben so zu verändern, dass es den Erwartungen entspricht. Das ist leichter gesagt als getan: Was, wenn gewisse Erwartungen schlicht nicht erfüllt werden können?

 

Ursprung der Erwartungen

Erwartungen sind die Prognosen einer vermuteten Zukunft. Diese Prognosen entstehen, weil uns entweder etwas versprochen wurde oder weil wir eine mögliche Zukunft bei anderen gesehen haben, die wir auch für uns wollen. Die so entstandenen Erwartungen können sich sowohl an uns selbst und unsere Lebensumstände wie auch an andere wie beispielsweise den Partner/die Partnerin richten.

 

Das Problem dabei ist, dass Erwartungen oft unbewusst entstehen und deshalb auch selten hinterfragt werden. Gerade in Hinblick auf die Liebe gibt es unzählige Vorbilder, mit denen wir täglich konfrontiert werden und die zu Erwartungsbildung führen. Einerseits sind da die (Traum-)Paare, mit denen wir in Filmen, Büchern, Serien und Werbung konfrontiert werden. Andererseits erhalten wir dank Social Media mehr Einblicke in das Privatleben anderer als jemals zuvor.

 

Ob nun aus Fiktion oder „Realität“, viele der Beziehungen weisen Aspekte auf, welche unseren Bedürfnissen entsprechen und die wir uns auch im eigenen Leben wünschen. Dadurch entsteht ein Bündel von Ansprüchen, die wir an die soziale Rolle „Partner/in“ richten.

 

Eine/r für alles?

Ich wage aber die Behauptung aufzustellen, dass ein Mensch allein gar nicht alle Ansprüche seines Gegenübers erfüllen kann, zumal diese oft auch widersprüchlich sind. Wer also erwartet, dass sich der Partner bzw. die Partnerin aller Bedürfnisse der eignen Person annimmt, wird zwangsläufig unzufrieden, was für eine Beziehung ein schlechtes Fundament ist.

 

Dass ein Mensch alleine nicht alle Bedürfnisse erfüllen kann, ist aber keine traurige Feststellung – im Gegenteil. Denn diese Erkenntnis führt dazu, dass auch den anderen Menschen im Leben ein bewusst hoher Stellenwert eingeräumt wird. Menschen wie eine beste Freundin, die für jede Gefühlslage die richtigen Worte findet. Menschen wie einer Schwester, die sich für dieselben Filme begeistern kann. Menschen wie gute Freunde, die bei einem gemütlichen Abendessen ewig sitzen bleiben und diskutieren.

 

Zufriedenheit im Backstage-Bereich

Es geht aber nicht darum, eine Beziehung ohne Erwartungen oder Ansprüche an den anderen zu führen, sondern darum, die richtigen Ansprüche zu finden. Es gibt ein Zitat vom Pastor Steven Furtick, das ein typisch menschliches Problem beschreibt und gerade in Social Media-Zeiten aktuell ist: „Der Grund warum wir mit Unsicherheit kämpfen ist, dass wir unseren Backstage-Bereich mit der Bühnenshow aller anderen vergleichen“.Genau wie ein Grossteil der Erwartungen an uns selbst, entstehen auch viele Erwartungen an eine Beziehung durch den Vergleich mit dem, was wir bei anderen zu sehen glauben. Für eine gesunde Erwartungsbildung ist es daher unvermeidlich, dass die „Bühnenshow“ anderer kritisch hinterfragt und so weit wie möglich ausgeblendet wird.

 

Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, welche Merkmale für uns selbst den Kern einer Liebesbeziehung ausmachen. Für mich persönlich sind es unter anderem gegenseitigen Respekt, Vertrauen, das Gefühl geliebt zu werden und nicht zuletzt auch Freundschaft. Eine Erfüllung dieser individuellen Erwartungen an eine Beziehung ist nicht selbstverständlich und daher unglaublich wertvoll. In diesem Bewusstsein werden wir auch nicht unzufrieden, wenn wir ins Scheinwerferlicht anderer Beziehungen schauen.