Kultur | 19.05.2015

Bad ohne Wasser

Text von Sonja Gambon | Bilder von Sonja Gambon)
Im ehemaligen Hallenbad Luzern kann man essen, trinken, kreativ arbeiten, tanzen und kulturelle Veranstaltungen geniessen. Möglich wurde dies durch ein Zwischennutzungsprojekt, das das Bad in eine Kulturstätte umfunktioniert hat. Eine Reportage über das einzigartige Hallenbad ohne Wasser im Pool.
Blick auf den Bartresen im Neubad Luzern: Wo einst Badegäste verkehrten, werden heuer Getränke ausgeschenkt und kulturelle Projekte realisiert. (
Bild: Sonja Gambon)

Ein mächtiger Betonklotz im für die 70er Jahre typischen Baustil kommt mir entgegen, als ich auf das Neubad zu schlendere. Beim Näherkommen sieht dieses schon freundlicher aus: Überall vor dem Eingang stehen Blumentöpfe, Fähnchen, bunte Tische, viele kreative Plakate sowie eine grosse, bizarre Skulptur.

 

Beim Eintreten in das etwas dunkle Gebäude werde ich von der Barmitarbeiterin herzlich begrüsst, bekomme gleich einen Kaffee spendiert und wir finden schnell ins Gespräch. Währenddessen warte ich auf meinen eigentlichen Gesprächspartner, Betriebschef Dominic Chenaux. Sie fragt mich, ob ich öfters im Neubad bin, was ich bejahe, und wir plaudern ein wenig über die kleine Oase an der Bireggstrasse in Luzern.

 

Doch das Neubad ist nicht nur ein in eine Bar umfunktioniertes Hallenbad, sondern noch viel mehr, wie mir Chenaux anschliessend erklärt: „Grundsätzlich ist es ein Hallenbad, einfach ohne Wasser. Es beinhaltet heute aber mehrere Geschäftsfelder. Da hätten wir mal den Vorplatz und das Bistro als Empfang und Herzstück des Hauses. Rechts vom Bistro befindet sich eine Galerie, die noch an Gewicht gewinnen wird. Dann, wenn man weiter nach hinten geht, kommt man in den Atelier-Bereich mit 100 Prozent Auslastung, wo verschiedene Firmen, aber auch NGO’s, Vereine und Private sich einmieten.“ Ganz schön vielfältig also!

 

Chaos bieten Platz für Kreativität

Doch das ist nicht alles – weiter gibt’s einen Co-Working-Bereich, ein Fotolabor, ein Fotostudio, andere Ateliers und natürlich den grossen Pool, der zu jedem Schwimmbad gehört. In dem finden, wie Chenaux weiter erzählt, alle grossen Veranstaltungen statt. Der Pool kann auch für eigene Veranstaltungen gemietet werden. Ausserhalb des Bades gibt es ein weiteres Projekt, den Neugarten, ein Urban Gardening Projekt, das sich auf dem Hintergarten und den umliegenden Verkehrsinseln findet.

 

Und der wichtigste Ort, das ist jener der Ideen, des Know-Hows und der Erfahrungen: in den Köpfen des Netzwerkes, wo alles zusammengetragen und entwickelt wird. Das ist laut dem Betriebschef das Ziel: „Ein kulturell-kreatives-Wirtschaftshaus, welches nicht einer alleine konzipiert und programmiert. Was da drin läuft, soll auch hier drin entstehen.“ Wer sich jetzt ein kunterbuntes, geordnetes Chaos mit viel Platz für Kreativität und Anlässe jeder möglicher Art vorstellt, liegt genau richtig!

 

Keine Subventionen

Dennoch ist nicht alles so rosig, wie es scheinen mag. Da das Neubad ursprünglich nicht für anderweitige Aktivitäten gedacht war, fallen infrastrukturelle Mängel an, die viele Kosten verursachen. „Da wir einen Selbstdeckungsgrad von 100 Prozent haben, zahlen wir alleine für den Unterhalt rund 170’000 Franken im Jahr“, erklärt Chenaux. Doch Subventionen oder Kulturförderung für das Projekt gebe es keine.

 

Sie seien zwar stark vernetzt in der Luzerner Kulturszene, wo man sich auch mal gegenseitig aushelfe. Auch betrieben sie politisches Lobbying über Quartier- und Wirtschaftsvereine, aber Geld erhielten sie keines von der Stadt Luzern, führt Chenaux weiter aus. „Die Stadt verzichtet zwar auf eine Miete, dafür müssen wir aber alle Kosten selber übernehmen.“ Dies ist schweizweit ein Einzelfall – nirgendwo sonst lässt sich ein Kulturhaus dieser Grösse finden, das sich vollkommen selbst finanzieren muss.

 

„Was für eine Kultur wollt Ihr?“

Dieses Problem rührt aber eigentlich aus einer ganz anderen Ecke. Entscheidend für die Geldgeber sei nicht der Nutzen für die Einwohner, sondern der Nutzen für jene, die am meisten Geld bringen – die Touristen. „Kultur wird eingesetzt als Marketing-Instrument und Touristenmagnet“, erklärt Chenaux weiter. Ein bestes Beispiel hierfür ist das KKL, das bekannte, riesige Kultur- und Kongresszentrum direkt am See in Luzern, das viel Geld bekommt, aber durch internationale Festivals und Publikum auch viel einnimmt.

 

Erst vor kurzem war es das erste Mal einer Luzerner Band möglich, in diesen Räumlichkeiten aufzutreten. Ist diese Trennung der kulturellen Räumlichkeiten ein Manko, eine bewusste Strategie, eine Bereicherung? Chenaux selbst will darüber nicht urteilen. Für ihn stellt sich eben die Frage, was die Gesellschaft, die Bevölkerung einer Stadt unter Kultur versteht und welche Kultur man leben will. Dies sei gerade in der Schweiz ein Problem, wo sich die Bevölkerung diese Fragen gar nicht stellen wolle. Sie weigere sich, zu sehen, dass da noch mehr ist oder sein könnte als Museen, grosse Theater und Konzertsäle.

 

Vielleicht ist es ja gerade das, was das Neubad zu einer Oase der Luzerner macht: Es ist ihr Ort, den sie sich selbst aufgebaut haben, in dem sie mitwirken können, in dem eben alles ein bisschen dreckiger und lärmiger ist. Ein Raum für Ideen, ein Ort der Selbstverwirklichung. Ein Schwimmbad ohne Wasser, in dem der Köpfler vom Sprungbrett etwas mehr Mut braucht, aber einen auch, oder gerade deshalb, jung fühlen und mit Stolz erfüllen lässt.