Kultur | 15.05.2015

Auch ich will die schweren Kisten heben

Text von Auline Sánchez | Bilder von zvg/ Auawirleben)
Im Theatersaal sind hauptsächlich Frauen zu sehen. Das Stück Sirens thematisiert Feminismus und Sexismus auf komische und doch ernsthafte Weise. Ein Theater voller Ironie, wo keine sein sollte, aber doch nötig ist, um nicht weinend aus dem Saal zu laufen.
Das Theaterstück "Sirens" im Wechsel zwischen Ernst und Scherz. (
Bild: zvg/ Auawirleben)

Zu Beginn des Theaters ist es dunkel im Raum. Der schnelle Marsch von Stöckelschuhen bricht die Stille. Lauter Frauenatem übernimmt die Unruhe. Stöhnen, Lachen, Schreien, Ächzen. Das Licht geht an. Sechs Frauen stehen in Abendkleidern im Halbkreis und blicken auf ihre Textbücher.

 

Unerwartet beginnen die Frauen zu singen. Schrecklich falsch und unverständlich, bis die Ohren schmerzen. So sitzt man da und fühlt sich inmitten eines weiblichen Gehirns gefangen. Alles ist unklar, unlogisch, bloss Oberflächlichkeit – genauso das weibliche Gehirn. Wenn sie denn eins haben, die Frauen. So sprechen die Schauspielerinnen in Sirens. Voller Witz wo keiner sein sollte. Doch liessen sie den Witz weg, gäbe es kein Schmunzeln im Publikum. Die Themen sind ernst.

 

Sechs Frauen, eine Botschaft

Sirens ist eins der gesellschaftskritischen Stücke am Theaterfestival Auawirleben. Die belgische Theatergruppe Ontroerend Goed thematisiert mit ihrem diesjährigen Auftritt den Feminismus und Sexismus in der Gesellschaft. Mit ihrer Ironie und doch voller Ernsthaftigkeit schaffen es die Schauspielerinnen, ihre Botschaften klar zu vermitteln.

 

Sie erzählen von täglichen Demütigungen auf Grund ihres Geschlechts. Von Erwartungen anderer, aber auch von den Erwartungen an sich selbst. Von Erwartungen, die die Frau ohne ein Wimpernzucken zu erfüllen hat. Ob Karriere, Schönheit, Sex, Köpfchen oder Familie, die Frau hat stets alles mit Leichtigkeit zu bewältigen.

 

Hübsch und schlau!

Die Schauspielerinnen erzählen von Aussagen und Vorwürfen die sie täglich hören. Teilweise stehen sie bloss vor ihren Textbüchern und rattern ihre Botschaften runter. Diese werden dann jedoch mit schauspielerischen Elementen vermischt. Dadurch wird das Stück lebendig, Bilder werden geschaffen. „Ich habe mal eine Frau getroffen, die ist hübsch und schlau zugleich, das muss man sich mal vorstellen. Meine Tochter hat kürzlich ein Magazin aussuchen wollen, das für Jungs war; es hatte Autos darauf.“

 

Als normal gelten minderwertige Sprüche, oft in Witzen verpackt. Man(n) meint diese Sprüche ja schliesslich nie ernst- nimmt die Frau als gleichwertiges Gegenüber wahr.

 

„Ich stehe zwar auf Highheels, meine Frau trägt jedoch immer flache Schuhe, sonst wäre sie grösser als ich.“ Oder: „Wenn Frauen schlecht gelaunt sind, haben sie ihre Periode.“ Voller Ernst werden diese Zeilen vorgetragen, die Stimmen zittern fast. „Weshalb bluten Frauen überhaupt einmal Monat?- Weil sie es verdient haben!“

 

Bloss nicht menschlich sein

Die Frauen stimmen plötzlich eine schöne Melodie ein, die vollen Stimmen füllen den Raum. Stets singend verrenken sie sich, nehmen unbequeme Posen ein. Beine Breit, Rippen raus, Lippen schmollen. Ein komischerweise bekanntes Bild- von Modemagazinen und Werbeplakaten kaum zu unterscheiden. Bloss haben diese Frauen hier mehr als nur Rippen. Hinter den Frauen, an der Bühnenwand, erscheinen erst unklare Schatten. Bis die Bilder erkennbar werden, dauert es nicht lange.

 

Sich liebende Paare oder gar Orgien verstören die Schauspielerinnen. Sie imitieren männliche Masturbation. Lange tun sie dies, bis sie endlich aufschreien. Das Stück wird gebrochen, die Frauen stehen wieder seriös vor ihren Textbüchern. Sie ahmen Werbung für Kosmetikprodukte nach. Körperlotion gegen schwabbelige Bäuche für nur 43 Euro. Gesichtscreme gegen alternde Haut für nur 37 Euro. Hauptsache man sieht nicht, dass wir Menschen sind.

 

Mein Kopf ist voll

„I hate Cameron Diaz. I hate Natalie Portman. Pippa Middelton is a cow. Katy Perry is a cow. All of them are cows.“ Wieder zurück im weiblichen Gehirn sitzend, hören wir laut Gedanken. Die Frauen sind aufgebracht, sie weinen und schreien und schlagen um sich. Gedanken, welche die Frauen jeden Tag, jeden Abend und jede Nacht haben. Oder haben müssen, um überhaupt eine gute Frau zu sein.

 

Ich werde immer schwächer sein. Was soll ich zu meinem Date anziehen? Macht mich diese Hose dick? Bin ich dick? Ich sollte mehr Sport machen. Wie soll ich ihm sagen, dass ich keine Lust habe? Wie sage ich ihm, dass ich will? Höre ich das Herzchen von meinem Sohn schlagen? Ob er genug warm hat? Am Wochenende muss ich putzen. Morgen beginne ich eine neue Diät. «My head is full!-, schreien sie auf.

 

Anders sein

Der Höhepunkt des Stückes ist vorbei. Die Emotionen legen sich zwar nicht, jedoch die Form. Ab nun bleiben die Frauen ruhig, sie beherrschen sich. Wie man es von ihnen erwartet. «Benutz mich. Ich will deine Frau sein, deine Königin. Ich will das. Ich will sexy für dich sein. Für dich ein Kind gebären. Ich sortiere deine Socken mein Schatz, koche für dich. Ich öffne meine Beine für dich, wann immer du es willst.«

 

Das Licht auf der Bühne ist nun ganz präzise auf die einzelnen Köpfe der Frauen gerichtet. Alles andere steht im Dunkeln. Abwechselnd und teilweise gleichzeitig sprechen sie ihren weiteren Text vor.

 

Der Mann sucht die Frau aus, die Frau fügt sich. Die Frau kann froh sein, hat ein Mann sie ausgesucht. Sie kann froh sein, dass er für dieselbe Arbeit mehr Geld verdient und sie mit diesem Gewinn zum Essen einladen kann. Das ist männlich. Frauen müssen schön sein wollen. Frauen wollen schön sein. Immer.

 

Wollen durchs Alter schöner werden. Wollen, dass ihrem Mann die Organgenhaut gefällt, wenn sie ihr nicht mal selbst gefällt. Wollen weniger auf andere schauen. Frauen wollen ein Vorbild sein, und dies nicht nur für andere Frauen. Sondern für Männer.

 

Frauen wollen selbst Bilder aufhängen. Selbst schwere Kisten tragen. Wollen stärker sein. Frauen wollen nicht anders sein. Frauen fühlen sich nicht anders. Und doch sind sie es.