01.04.2015

Politische Krise in der Ostukraine

Das ukrainische Volk musste im letzten Jahr viel zittern, denn es ging in der Ostukraine nicht rosig zu. Viele haben verschiedene Ängste, doch im Endeffekt vertreten alle die gleiche Meinung: Hände weg von der Ukraine.
Lenin-Denkmal im Osten der Ukraine. (
Bild: Olga Meier-Sander / pixelio.de)

Vera D. ist 74 Jahre alt und lebt seit über fünfzig Jahren in der Hafenstadt Mariupol. Diese Stadt liegt anderthalb Autostunden von Donezk entfernt und damit im Kriegsgebiet. Vera wuchs in einem kleinen Dorf in der Westukraine auf und träumte schon damals vom Grossstadtleben. Als sie ihren Traum verwirklichen konnte, genoss sie alles, was ihr die Stadt gab. Das wunderschöne Meer, die reifen Früchte, der Sommer und die Leute – sie verliebte sich sofort in die Stadt. Doch seit mehr als einem Jahr herrscht Krieg in der Gegend und es habe sich alles verändert, denn Mariupol ist eine attraktive Hafenstadt für die Separatisten, weil es durch den Anschluss ans Wasser den Transport vereinfacht.

 

 

Das böse Land

Die momentane Lage sei alarmierend und sehr kritisch: “Man lebt praktisch auf dünnem Eis”, sagt Vera. Die ukrainischen Medien gäben viele wahre Informationen preis und alles entspreche der Wahrheit. “Den lokalen Sendern kann man noch mehr vertrauen”, erläutert Vera. Doch die russischen Sender treiben eine grosse Propaganda. Die Ukraine sei ein böses Land und bringe die eigenen Landsleute um.

 

Die Wirtschaft leidet unter dem Konflikt. Die Preise sind extrem gestiegen, die Löhne sind immer noch gleich tief. “Das Leben ist sehr teuer geworden. Vor allem die Miete, die Heizung und der Strom sind fast unbezahlbar”, sagt Vera.

Deshalb verlieren die Leute  langsam die Hoffnung. Sie wissen nicht einmal, auf was sie hoffen sollen, denn die Zukunft sieht momentan düster aus. Vera ist aber ganz klar pro-Ukraine: “Ich bin hier geboren, hörte ukrainische Wiegenlieder, brachte hier Kinder zur Welt und hier werde ich auch sterben. Es ist meine Heimat.”

 

 

Die Angst wächst

Vieles habe sich verändert. Man hat Angst, auf der Strasse erschossen zu werden. Veras grösste Angst ist, dass Mariupol von den Separatisten erobert wird und somit ihr Ein und Alles weg ist. “Ich hoffe immer noch, dass der Krieg bald zu Ende ist und meine Kinder mich ohne Gefahr besuchen können. Dafür bete ich jeden Tag zu Gott”, erzählt Vera. Auch an das Wegziehen habe sie schon gedacht. Aber sie sei sich nicht sicher, denn nach dem ständigem Hin und Her würde man leicht die Nerven verlieren. Viele Bekannte gingen für zwei bis drei Monate weg und kamen wieder zurück. Genau wie Vera, denn sie verbrachte den Herbst in Zürich.

 

 

Die finanzielle Schwäche

Jana P. ist 19 Jahre alt und ist in Mariupol geboren. Im Sommer 2013 schloss sie das Gymnasium erfolgreich ab und studiert in der Stadt Odessa. In den Ferien kommt sie wieder zurück nach Mariupol. Obwohl sie momentan nicht oft im Mariupol ist, spürt sie die politische Spannung zwischen den Separatisten und der Ukraine. Die Lage sehe sehr fraglich aus und man habe auch Angst vor der Zukunft, erzählt Jana. Die Preise seien überall gestiegen -nicht nur im Osten der Ukraine. Die Krise betrifft im wirtschaftlichen Zusammenhang das ganze Land. “Wir jungen Leute haben es schon immer schwer gehabt, was das Finanzielle betrifft. Jedoch jetzt wird es immer schlimmer, seit die Separatisten unsere Heimat stören”, sagt Jana.

 

“Ferien in Russland kann ich vergessen, so auch den schönen, ungestörten Sommer am Strand in Mariupol”,berichtet Jana. Doch sie steht hinter ihrem Land: “Es macht mich traurig zu sehen, wie es unserer Stadt geht. Diese Situation ist mir fremd, weil Mariupol als eine der ruhigsten Städte in der Ostukraine galt.”

 

 

Die Zukunft erhofft Frieden

Janas Alltag hat sich geändert, denn sie verfolgt stündlich über das Web die zentralen Nachrichten. Sie muss mit der Angst leben, dass ihre Heimatstadt bald nicht mehr existieren wird. «Ich arbeite neben der Schule, weil ich meine Eltern unterstützen muss. Ich kann nicht einfach hier ruhig in Odessa sitzen und warten, bis alles gut kommt«, sagt Jana. Trotzdem hat sie noch Hoffnung, denn dies ist das einzige, was ihr übrig bleibt. “Jetzt weiss ich, wie wichtig Frieden ist. Man schätzt viele Sachen zu wenig und realisiert es erst, wenn es zu spät ist.” Für die Zukunft wünscht sich Jana, dass ihre Eltern sie besuchen können, ohne in Lebensbedrohung zu sein.