Kultur | 23.04.2015

Öffentlicher Diskurs um die Dokumentarkünste

Text von Olivia Borer | Bilder von Robin Trachsel
Daniel Binswanger führt die Zuhörerinnen und Zuhörer der Podiumsdiskussion im Rahmen der zweiten Basler Dokumentartage durch die weite Welt der dokumentarischen Künste und versucht mithilfe der geladenen Gäste den Trend um die Dokumentarkünste zu erklären und die Konstruktion von Öffentlichkeit aufzudecken.
Im Gespräch über zerbrochene Beziehungen: Olinka ViŠ¡tica und Daniel Binswanger. (
Bild: Robin Trachsel

„It’s about keeping the question alive“, sagt Rabih Mroué. Der Künstler und Theaterregisseur aus dem Mittleren Osten ist mit seiner Performance Riding on a Cloud an den diesjährigen Dokumentartagen vertreten.

Der Libanese spricht vom „collective memory“, in dem die wahre Gewalt von Geschichten und Erinnerungen liegen würden. Niemand könne vergessen, was er willentlich vergessen wolle.

Mroué bezieht sich mit dieser Aussage auf den Bürgerkrieg in Beirut und seine damit verbundenen Kriegserlebnisse, die in seinen Theateraufführungen Eingang finden.

 

Das Recht auf Erinnerung

Ein gemeinschaftliches Gedächtnis entsteht auch im „Museum of Broken Relationships“, das mitunter von Olinka Vištica gegründet wurde und nun Halt in Basel macht.

Die Sammlung erzählt Geschichten, die durch das Zerbrechen einer Beziehung zwischen den betroffenen Menschen und einem bestimmten Objekt entstehen.

Die Trennung zweier Menschen würde hierbei nicht romantisiert, sondern in den Räumen der Ausstellung öffentlich erfahrbar gemacht werden.

Diese greifbare Darstellung vom Ende einer Beziehung steht der Kommunikationsstruktur innerhalb sozialer Netzwerke entgegen, die das Scheitern von Beziehungen aus dem Gedächtnis und der Fotogalerie zu löschen versucht oder das private Liebesglück plakativ zur Schau stellt.

 

Entgegen diesem positivistischen Darstellungsdrang sollen Traurigkeit und Einsamkeit in der Ausstellung des „Museum of Broken Relationships“ bewusst thematisiert werden dürfen. ViŠ¡tica dazu: „We wanted to have the right to remember.“

 

Was macht die dokumentarischen Künste aus?

Daniel Binswanger wird konkret und fragt den Professor für Philosophie, Ludger Schwarte, nach einer Theorie zum Erfolg der dokumentarischen Künste.

Dieser lässt sich jedoch nicht auf ein allgemeingültiges Dogma festnageln.

Stattdessen verweist er etwas ausschweifend auf die Bedeutung des Interesses am Naturalismus, die Möglichkeit zu visualisieren und die vielfältigen Darstellungsformen innerhalb der dokumentarischen Künste, die deren Faszination begründen würden.

 

Expertentum versus Dilettantismus

Diese eher unpräzisen Erklärungsversuche des Philosophen lassen den Dokumentarkünsten einen weiten Spielraum zu deren Auslegung offen.

Boris Nikitin wird spezifischer. Er betont den mitwirkenden Charakter, der es auch Nicht-Experten und Dilettanten erlaube, die Produktionsmittel dokumentarischer Arbeiten zu übernehmen.

Der Gründer der Basler Dokumentartage schätzt diese Emanzipation des Amateurismus und die Kunst, präzise wahre Geschichten erzählen zu können.

 

Die Konstruktion und Produktion von Öffentlichkeit – das zeigte sich an diesem Abend – nimmt vielseitige Formen an und lässt sich gerade im Feld der dokumentarischen Künste nicht eingrenzen oder bestimmen.

So bleibt es jedem selbst überlassen, Wirklichkeit, Kunst und Öffentlichkeit in einen für sich stimmigen Zusammenhang zu setzen.

 

Die Ausstellung „Museum of Broken Relationships“ ist noch bis am 30.08.2015 im Historischen Museum in Basel zu sehen.