Gesellschaft | 17.04.2015

Neunundvierzigster Brief aus Deutschland

Unter Freunden rutscht einem Kritik viel leichter raus. Gut so, dachten sich unsere Kollegen von Eine Zeitung und beschlossen kurzerhand, der Schweiz das kollegiale "Du" anzubieten.
Ist in freundschaftlichem Anflug: Die freundliche Brieftaube von nebenan. (
Bild: Katharina Good)

Hallo liebe Schweizer,

 

heute ist es soweit: Nach nunmehr über einem Jahr, in dem Ihr Land mittlerweile Woche für Woche Briefe aus Deutschland erhält, ist es an der Zeit, unser Verhältnis auf eine neue Ebene zu heben. Deshalb freuen wir uns, Ihnen heute offiziell das “Du” anzubieten. Wir halten uns dabei an die alte Tradition, dass dieser Schritt vom Älteren an den Jüngeren erfolgt. Alles andere wäre unhöflich.

 

Also du liebe Schweiz, Wir sind Deutschland. Du kannst uns von nun an liebevoll BRD, Bundesrepublik, Deutschi oder Nachbarländle nennen.

 

Wir glauben, dass diese von nun an engere Beziehung auch dazu führt, dass wir lockerer miteinander umgehen und auch vor unangenehmeren Themen nicht mehr zurückschrecken. Bisher trauten wir uns an gewisse brisantere Themen einfach nicht heran. Dafür war das Verhältnis unserer beider Länder noch zu distanziert. Aber jetzt, lieber Freund, ist es anders.

 

Man muss auch nicht mehr so förmlich sein. Das fällt uns selbst ja auch immer etwas schwer. Wir können unsere Briefe zukünftig mit einem kumpelhaften “Heyho, was geht?” beginnen, ohne dass das irgendwie seltsam rüberkommt. Und wir müssen auch keine Scheu mehr haben, kleine Fehler und Makel Ihres, Entschuldigung, DEINES Landes anzusprechen.

 

Wir haben uns in der Vergangenheit oft sehr schwer getan, so freundlich wie nur möglich zu formulieren, was uns an der Schweiz missfällt. Da wurde unnötig herumpalavert und wir mussten wirklich genau aufpassen, wie wir unser Anliegen ausdrücken.

 

Aber jetzt ist das alles viel einfacher. Jetzt, wo wir Kumpels sind, trauen wir uns Ihnen, wir meinen Dir, offen ins Gesicht zu sagen: Hey Schweiz, Du bist hässlich und viel zu klein.

 

Das geht einfach so über die Tastatur und ist gar nicht mehr unangenehm.

 

Überhaupt ändert sich der Tonfall spürbar. Du kannst uns nun alles schreiben, aber bitte auf Hochdeutsch.

 

Nun denn, kommen wir zum Thema: wir feiern mittlerweile das einjährige Jubiläum dieser Briefreihe. Wusstest Du, dass wir schon drei Preise dafür bekommen haben? Ein Verein, in Salzburg beheimatet, hat uns zum Beispiel ausgezeichnet und für unsere Anstrengungen in der Völkerverständigung gelobt. Weil wir den Fokus auf den gemeinsamen Feind Österreichs und Deutschlands lenken und damit von unseren gegenseitigen Unzulänglichkeiten ablenken, wie es in der Begründung heißt. Wir haben auch eine Freifahrt in einem Reisebus gewonnen; damit können wir uns mal gratis das Salzburger Land ansehen.

 

Und Du so? Was für Preise hast Du bekommen? Bestimmt keinen für den schönsten Strand oder für die schönsten Frauen.

 

Wow, unter Freunden geht so was ganz einfach zu schreiben! Aber hey, nur Spaß, verstehste doch, oder? Aber mal im Ernst: Du hast Mundgeruch. Das ist uns schon öfter aufgefallen.

 

Nein, nur Spaß, wir sehen Dich ja selten. Aber wirklich jetzt mal: Du musst was an Deiner Form ändern. So sieht doch kein Land aus! Du lässt Dich gehen! Der Reichtum, all die Freizeit, Du hast alles, was man braucht – da wird man schnell faul. Ein Rat unter Freunden: Häng mal nicht so viel rum. Beweg Dich. Ganz wichtig: Hör mit dem Alkohol auf.

 

Lass uns doch demnächst mal treffen und von Angesicht zu Angesicht plaudern, wie man bei uns so schön sagt.

 

 

Machs gut, Freund.

 

Bis nächste Woche.

 

Dein Deutschland