Kultur | 29.04.2015

Mut zum Scheitern

Text von Auline Sánchez | Bilder von zvg/Auawirleben)
Das Theaterfestival "Auawirleben" will die Besucher dazu animieren, die Gesellschaft und ihre Probleme wahrzunehmen. Die Stücke gehen in die Tiefe und wollen der Gegenwartsgesellschaft Paroli bieten.
Am Berner Theaterfestival "Auawirleben" werden unkonventionelle, zeitgenössische Theaterstücke gezeigt. (
Bild: zvg/Auawirleben)

“Leave the winning team.” Gegen den Strom schwimmen. Mutig sein. Der Vorsatz ist das Motto der aktuellen Ausgabe von “Auawirleben”, dem wichtigsten Festival für zeitgenössisches Theaterschaffen in der Schweiz. Die Tage werden in Bern Stücke gezeigt, die formal oder inhaltlich einen anderen Weg zum Erfolg wagen, diesen aber nicht garantieren.

 

Wie die Leiterin des “Auawirleben” Nicolette Kretz betont, haben die Themen der Stücke jeweils einen gemeinsamen Nenner in Bezug zu einem aktuellen Thema. “Diese werden unterschiedlich dargelegt und treffen somit an einem inhaltlichen Punkt zusammen.” Dieses Jahr wollen Kretz und die Theaterschaffenden die Besucher dazu animieren, die Gesellschaft und deren Probleme wahrzunehmen.

 

Der Schauspieler im Besucher

Das Stück “Sirens” der belgischen Theatergruppe Ontroerend Goed thematisiert den Feminismus in der heutigen Zeit. Dabei erzählen sechs Frauen von ihren Konflikten, aber auch von den Schönheiten, eine Frau zu sein.

 

In Fight Night, einem anderen Stück am “Auawirleben”, thematisieren Ontroerend Goed die Tücken der direkten Demokratie. Dabei schlüpft das Publikum in die Rolle der Jury, der sich fünf Kandidaten präsentieren. Diese versuchen allein mit Charme und Rhetorik zu triumphieren. Dies ist nur eines vieler Stücke im Programm, welches das Publikum aktiviert.

 

Im Projekt “Reindeer Safari” der Gruppe Other Spaces sind die Zuschauer selber die Schauspieler. Auf einer Wanderung auf dem Berner Hausberg Gurten bewegt sich das Publikum in Form von Tieren durch die Landschaft. Damit will die Produktionsleitung das Zusammenleben von Mensch und Tier in der heutigen Gesellschaft thematisieren.

 

Kunst als Schauspiel

Ob solche Kunstformen in ein Theaterfestival passen, ist der Leiterin Nicolette Kretz nicht wichtig. Auch sie selbst identifiziert sich mit dem Motto “Leave the winning team” und probiert mutig neue Formen aus, die keinen Erfolg garantieren. “Wir wagen neue Namen und deren formellen wie auch inhaltlich speziellen Ideen.”

 

Damit erreichten sie eine grosse Bandbreite. “Auawirleben” habe in den letzten 33 Jahren eine Stammbesucherzahl aufgebaut, die dem Kulturanlass Vertrauen entgegen brächte. Es würden dadurch auch Kunstformen besucht, die gegen den Strom anschwimmen. Durch die erfolgsgarantierenden Produktionen können solche Versuche ermöglicht werden.

 

Das alte Neue

Die Gesellschaftskritik im Theater ist nichts Neues. Für Kretz gibt es auch heute noch kein Theater ohne politische oder gesellschaftliche Botschaft. “Auf der Bühne steht immer jemand, der seine Anliegen mitteilt und gehört werden will. Das alleine ist politisch.”

 

Auch diese Form der Meinungsvertretung auf der Bühne ist keine neue Technik im Theater. Am “Auawirleben” führt eine neue Generation von Schauspielern diese Tradition fort, nur dass sie die aktuellen Themen auch mit neuen Techniken inszenieren. Durch die zunehmende politische Polarisierung ist die Erwähnung der gesellschaftlichen Konflikte deshalb umso wichtiger und gewinnt im Theater an Platz und Aktualität.

 

Kritik für die Kleinsten

Neben vielen neuen Stücken befindet sich auch der bekannte Kinderheld Räuber Hotzenplotz im Programm. Die Berliner Theatergruppe hat die Geschichte im Stück “Showcase beat le mot” als kritisches Stück inszeniert. Dort stellen sich die Fragen, ob die Guten nicht eigentlich böse sind und die Bösen zu dumm, um gut zu sein. Zudem beschäftigt sich Räuber Hotzenplotz mit der Güte der Polizei. “Auawirleben” bietet also gar Gesellschaftskritik für die Kleinsten.

 

“Auawirleben” 1. – 10. Mai 2015 in Bern


Passend zum Motto können Tickets für Personen gekauft werden, die sich den Eintritt nicht leisten können. Tickets und mehr dazu unter www.auawirleben.ch.