Kultur | 04.04.2015

Die befleckte Jungfrau von Tauris

Text von Kathiana Meyer | Bilder von Caspar Urban Weber)
Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris" gilt als formvollendeter Höhepunkt der Weimarer Klassik. Anstelle von Klassik präsentiert das Theater Neumarkt in Zürich unter der Regie von Joachim Schloemer allerdings eine teils geschmacklose Parodie.
Die Sängerinnen im 60er-Jahre-Look sind leider omnipräsent. (
Bild: Caspar Urban Weber)

Dem Opfertod knapp entronnen sitzt Iphigenie, Spross des Tantaliden-Geschlechts, auf der Insel Tauris fest, wo sie – die makellose Griechin – unter Barbaren leben muss. Genau besehen herrscht aber verkehrte Welt: Während Iphigenie zwar nicht mit Schwertern, dafür aber mit Worten barbarisch in Herzen sticht, zeugt das geduldige und verständnisvolle Benehmen des Barbarenkönigs Thoas von wahrer Tugendhaftigkeit.

 

Die „Barbaren“ tragen zudem weisse Mäntel und Brillen, als wären sie gerade einem Chemielabor entstiegen. Die Brillen putzen sie mit Feuchttüchern, die – wie könnte es anders sein – ebenfalls weiss sind. Die klassizistischen Säulen im Hintergrund (Bühnenbild: Jo Schramm) beseitigen alle Zweifel: Bei diesen Barbaren handelt es sich in Wahrheit um humanistische Aufklärer.

 

Die wahren Barbaren sind nicht auf der Bühne

Dass die Inszenierung auf solche Ambivalenzen hinweist, zeugt von einer genauen Lektüre von Goethes Text. Doch wie auch der Rest des Stücks wird dieses Feingefühl früher oder später durch alberne Parodie vernichtet: Dem scheinbaren Barbaren ihren überbordenden Humanismus aufdrängend, will Iphigenie nicht von Thoas weichen, ehe dieser ihr nicht einen freundlichen Abschiedsgruss gewährt hat.

 

Unerbittlich schlingt sie sich um ihn und lässt erst los, als der genervte Thoas schliesslich ein „Lebt wohl!“ herauspresst. Auch bei Goethe ist dies ambivalent: Iphigenie als Vertreterin der gewaltfreien Vernunft zwingt dem unglücklich verliebten Thoas ihre Prinzipien auf. Doch ein Wink auf diese Ambivalenz reicht Schloemer hier nicht, er erschlägt uns lieber mit dem Zaunpfahl. Am Ende ist wohl jeder Zuschauer mit Thoas einverstanden: „Hau einfach ab!“, zischt er die karikierte Iphigenie an und spricht dem Zuschauer aus der Seele. Der Figur der Iphigenie wird man damit nicht gerecht.

 

Goethe würde sich im Grabe umdrehen

Nicht nur an Anstand und Feingefühl, auch an Geschmack mangelt es den Griechen in dieser Inszenierung: So ist Orest in einen schwarzen Dress mit goldenem Kettenmuster gezwängt, an dessen Kapuze zu allem Unglück noch rote Strass-Steinchen eingelassen sind (Kostüme: Nicole von Graevenitz).

 

Ebenso befremdend ist der Auftritt von Orests Freund Pylades, der von zwei ineinander verschlungenen Frauen gemimt wird (Yanna Rüger, Janet Rothe): Was will uns die Inszenierung hier mitteilen? Leidet Pylades an Schizophrenie? Oder ist er lesbisch? Den möglichen Deutungen sind bezüglich Abstrusität keine Grenzen gesetzt.

 

Nicht zu überbieten, denkt man hier noch, doch da greift Iphigenie zu einem Kraut, das gepafft drogenähnliche Wirkungen erzielt. Iphigenie – Sinnbild der Tugend und Vernunft – brabbelt daraufhin wirres Zeugs, während sie sich lasziv am Boden räkelt. Man ist sprachlos.

 

Das stückweise trotz allem berührende Spiel von Thoas (Martin Butzke), Iphigenie (Sabine Waibel) und Orest (Maximilian Kraus) wird immer wieder durch nervigen Klamauk durchbrochen: Anstelle des antiken Chors treten drei Sängerinnen im 60er-Jahre-Look auf und berieseln uns mit Nonsense: „Don’t fear it, you like it.“ Während der antike Chor Hintergründe erläutert oder Warnungen ausspricht, ist dieser moderne Chor in seiner Banalität bloss ein Ärgernis.

 

Für sich genommen wären die eingängigen Melodien eine angenehme Berieselung, doch als Kommentar auf Goethes Drama kann man nur den Kopf schütteln: Was will uns dieser Chor sagen? Dass Iphigenie nicht mehr in die heutige Welt passt, weil die heutige Welt sich nur für enge Glitzerkleidchen, nicht aber für humanistische Ideale interessiert? Als Reflexion auf die heutige Gesellschaft wäre dies ein intelligenter Beitrag, würde nicht gerade diese Inszenierung selbst diese glitzernde Oberflächlichkeit zelebrieren.

 

Wo ist der Notausgang?

Einen seltenen Lacher heimst das Stück ein, als der vor der überschwänglichen Iphigenie flüchtende Orest in die vollbesetzte Kleiderstange taumelt und dabei die Sängerinnen aufscheucht. Das ist lustig, zugleich aber auch geschmacklos: Die Wiedererkennung (Anagnorisis), Höhepunkt der klassischen Tragödie, wird mit einem billigen Witz verhunzt. Schnippend fallen die glitzernden Sängerinnen ein: „Run, run, run!“ – Ein Ratschlag an den Zuschauer?

 

Statt den Abend aufzulockern, ziehen die Lieder die Haupthandlung ins Lächerliche. Unerträglich wird dies, wenn ein verzweifelter Thoas umtanzt von der Sängerin im engen Dress schliesslich auch noch die Hüften schwingt. Ein bisschen mehr Achtung vor Goethe, dem das Äffische bekanntlich ein Graus war, wäre hier angebracht gewesen.

 

Übeltäter agieren im Dunkeln

Der Bezug auf die aktuelle Finanzkrise darf natürlich nicht fehlen: So wird zum Schluss eine „Allianz der Schuldigen in Europa“ vorgeschlagen. Ebenfalls in Anklang an die heutige Politik veranschaulicht uns dieser Abend jedoch vielmehr Folgendes: Nicht die Akteure auf der Bühne sind die Schuldigen, die wahren Übeltäter ziehen im Hintergrund die Fäden.