Mut zum Scheitern

“Leave the winning team.” Gegen den Strom schwimmen. Mutig sein. Der Vorsatz ist das Motto der aktuellen Ausgabe von “Auawirleben”, dem wichtigsten Festival für zeitgenössisches Theaterschaffen in der Schweiz. Die Tage werden in Bern Stücke gezeigt, die formal oder inhaltlich einen anderen Weg zum Erfolg wagen, diesen aber nicht garantieren.

 

Wie die Leiterin des “Auawirleben” Nicolette Kretz betont, haben die Themen der Stücke jeweils einen gemeinsamen Nenner in Bezug zu einem aktuellen Thema. “Diese werden unterschiedlich dargelegt und treffen somit an einem inhaltlichen Punkt zusammen.” Dieses Jahr wollen Kretz und die Theaterschaffenden die Besucher dazu animieren, die Gesellschaft und deren Probleme wahrzunehmen.

 

Der Schauspieler im Besucher

Das Stück “Sirens” der belgischen Theatergruppe Ontroerend Goed thematisiert den Feminismus in der heutigen Zeit. Dabei erzählen sechs Frauen von ihren Konflikten, aber auch von den Schönheiten, eine Frau zu sein.

 

In Fight Night, einem anderen Stück am “Auawirleben”, thematisieren Ontroerend Goed die Tücken der direkten Demokratie. Dabei schlüpft das Publikum in die Rolle der Jury, der sich fünf Kandidaten präsentieren. Diese versuchen allein mit Charme und Rhetorik zu triumphieren. Dies ist nur eines vieler Stücke im Programm, welches das Publikum aktiviert.

 

Im Projekt “Reindeer Safari” der Gruppe Other Spaces sind die Zuschauer selber die Schauspieler. Auf einer Wanderung auf dem Berner Hausberg Gurten bewegt sich das Publikum in Form von Tieren durch die Landschaft. Damit will die Produktionsleitung das Zusammenleben von Mensch und Tier in der heutigen Gesellschaft thematisieren.

 

Kunst als Schauspiel

Ob solche Kunstformen in ein Theaterfestival passen, ist der Leiterin Nicolette Kretz nicht wichtig. Auch sie selbst identifiziert sich mit dem Motto “Leave the winning team” und probiert mutig neue Formen aus, die keinen Erfolg garantieren. “Wir wagen neue Namen und deren formellen wie auch inhaltlich speziellen Ideen.”

 

Damit erreichten sie eine grosse Bandbreite. “Auawirleben” habe in den letzten 33 Jahren eine Stammbesucherzahl aufgebaut, die dem Kulturanlass Vertrauen entgegen brächte. Es würden dadurch auch Kunstformen besucht, die gegen den Strom anschwimmen. Durch die erfolgsgarantierenden Produktionen können solche Versuche ermöglicht werden.

 

Das alte Neue

Die Gesellschaftskritik im Theater ist nichts Neues. Für Kretz gibt es auch heute noch kein Theater ohne politische oder gesellschaftliche Botschaft. “Auf der Bühne steht immer jemand, der seine Anliegen mitteilt und gehört werden will. Das alleine ist politisch.”

 

Auch diese Form der Meinungsvertretung auf der Bühne ist keine neue Technik im Theater. Am “Auawirleben” führt eine neue Generation von Schauspielern diese Tradition fort, nur dass sie die aktuellen Themen auch mit neuen Techniken inszenieren. Durch die zunehmende politische Polarisierung ist die Erwähnung der gesellschaftlichen Konflikte deshalb umso wichtiger und gewinnt im Theater an Platz und Aktualität.

 

Kritik für die Kleinsten

Neben vielen neuen Stücken befindet sich auch der bekannte Kinderheld Räuber Hotzenplotz im Programm. Die Berliner Theatergruppe hat die Geschichte im Stück “Showcase beat le mot” als kritisches Stück inszeniert. Dort stellen sich die Fragen, ob die Guten nicht eigentlich böse sind und die Bösen zu dumm, um gut zu sein. Zudem beschäftigt sich Räuber Hotzenplotz mit der Güte der Polizei. “Auawirleben” bietet also gar Gesellschaftskritik für die Kleinsten.

 

“Auawirleben” 1. – 10. Mai 2015 in Bern


Passend zum Motto können Tickets für Personen gekauft werden, die sich den Eintritt nicht leisten können. Tickets und mehr dazu unter www.auawirleben.ch.

Ein sprachliches Feuerwerk

U20-Finale: Donnerstag, 16.04.2015

Mehrere Hundert Zuschauende strömen in die Halle des Schiffbaus. Vorfreude und Anspannung liegen in der Luft.

Die Slam Poeten nutzen die letzte Gelegenheit, um ihren Text nochmals einzuüben. Sichtlich angespannt, den Text mit festem Griff in den Händen haltend, marschiert der eine oder andere Slammer hin und her.

Um 20 Uhr fällt der Startschuss mit der Kategorie U20. Durch den Abend führen die Moderatoren Daniela Dill und Bas Böttcher. Zu Beginn des Wortspektakels erklärt Dill die Regeln.

Über das Weiterkommen entscheidet die Jury. In einem Testlauf, der zur Einstimmung des Publikums gilt, gibt der Moderator selbst in der Rolle als sogenanntes „Opferlamm“ einen seiner Texte zum Besten.

 

Nach der Bewertung seines Auftritts merkt Böttcher scherzhaft an: “Wir kennen die Namen der Jury-Mitglieder. Ina, ich weiss, du hast mir nur eine Sieben gegeben (mit Betonung auf die letzte Silbe)”.

Im ersten Durchlauf können sich Jonas Balmer (BE), Olga Schmitz (TG), Sarah Altenaichinger (BS) und Hannes Schraner (ZH) gegen die restlichen vier Mitstreiter durchsetzen. Mit ihrem Text, dessen Szenario sich in Berlin abspielt, gewinnt Olga Lakritz in der Kategorie U20.

 

Teamfinale: Freitag, 17.04.2015

Etrit Hasler und Patrick Armbruster moderieren gekonnt.

Acht Teams, bestehend aus jeweils zwei bis drei Teilnehmenden, treten in dieser Kategorie gegeneinander an.

Die Auftritte der einzelnen Teams wirken dynamisch und facettenreich. Die Entscheidung zwischen dem Team “Interrobang” (Valerio Moser und Manuel Diener) sowie dem Team “Das helvetische Dreieck” fällt äusserst knapp aus.

 

Am Ende tragen Dominik Muheim und Sven Hirsbrunner den Sieg davon. Sie beeindrucken durch eine Beatbox- Einlage und überzeugen das Publikum mit ihren verschachtelten, skurrilen, laut und schnell gesprochenen Texten.

 

Einzelfinale: Samstag, 18.04.2015

Philipp Reichling und Simon Chen führen durch das Einzelfinale in der restlos ausverkauften Halle des Schiffbaus. Was sich wie ein roter Faden durch diese drei Tage, an denen die Besten der Besten aus dem Bereich des Poetry Slams gekürt werden, zieht, ist die Interaktion zwischen den Poeten, den Moderatoren und dem Publikum.

 

Es scheint, als würden die dicken Mauern des Schiffbaus an diesen für die Poeten bedeutsamen und entscheidenden Tagen alle an diesem Ereignis Teilnehmenden in sich schützend zusammenhalten und eins werden zu lassen.

Neun Poeten, darunter eine Frau, treten im Einzelfinale gegeneinander an. Die Reihenfolge wird durch das Los bestimmt.

Als Zuschauer ist es deutlich spürbar, dass die Finalisten mit Begeisterung und Freude auftreten. Was zählt ist der Moment.

 

Am Ende liefern sich der Titelverteidiger Christoph Simon und Remo Zumstein ein spannendes Stechen. Vor der Verkündung der Entscheidung erklärt Reichling, welcher Gewinn den Sieger erwartet: “Wir möchten gerne wissen, wer heute Abend diesen eingetopften Apfelbaum mit nach Hause nehmen kann, um ihn einzupflanzen. Das entsprechende Wasser zum Giessen, einen Whisky, gibt es auch noch dazu”.

 

Die Entscheidung durch den Beifall des Publikums ist nicht eindeutig genug, um einen Sieger zu küren. Die Spannung hält bis zum Schluss. Die auserwählte Jury ist gebeten, anhand der Zahlen eins oder zwei, die jeweils für einen der beiden Slam Poeten festgelegt wurde, den Sieger zu bestimmen.

Mit vier zu drei Stimmen holt Christoph Simonzum zweiten Mal in Folge den Sieg im Einzelfinale der Poetry Schweizermeisterschaft 2015.

 

Was während seinen Auftritten überrascht, ist seine nahezu immer gleichbleibende Tonlage. Mit seinen Texten, die vollgespickt mit schwarzem Humor sind, punktet der zurückhaltend wirkende Schweizermeister und sorgt für einen gewissen Überraschungseffekt.

 

Fünfzigster Brief aus Deutschland

Hallo Schweiz,

 

Ihr seid also das glücklichste Volk der Welt, was? Ihr habt also Dänemark vom Thron gestoßen, wie? Habt Ihr eine Vorstellung davon, wie sich die Dänen nun fühlen, hä?

Wisst ihr selber eigentlich, dass ihr glücklich seid oder habt ihr das auch bloß aus den Medien erfahren, wie der Rest der Welt?

Wie fühlt man sich so, wenn man glücklich ist? Wir kennen dieses Gefühl nicht. Wir sind Deutsche.

 

Nun denn, wie auch immer, wir gratulieren euch zum großen Glück und sehen ein, dass wir offenbar nicht länger gebraucht werden. Aus diesem Grunde überlassen wir euch die nächsten drei Wochen euch selbst. Wollen wir doch mal sehen, ob ihr dann Mitte Mai noch immer so glücklich seid!

 

Mal im Ernst: unsere Arbeit scheint getan. Dies ist der 50. Brief an Euch. Offenbar haben unsere Belehrungen und unsere Strenge Früchte getragen. Seit über einem Jahr haben wir Euch Woche für Woche gesagt, was Ihr ändern müsst. Nun werden wir mal sehen wie Ihr alleine zurecht kommt, ob dieses Glücksgefühl nur von kurzer Dauer ist oder ob Ihr uns doch wieder braucht.

 

Okay, jetzt aber wirklich im Ernst: wir machen Urlaub. Bei uns beginnt der Sommer ja bekanntlich früher als bei Euch, und nun steht er unmittelbar bevor. Morgen schon wird einer von uns weit, weit weg reisen. Und der andere bleibt, wo er ist, weil es Zuhause doch am schönsten ist. Das Ding ist nur: wir haben versäumt, es der Redaktion von Tink.ch rechtzeitig mitzuteilen. Aus diesem Grund kam diese Studie mit dem glücklichsten Land der Welt gerade zur rechten Zeit.

 

Ehrlich gesagt, wir glauben nicht an diese Studie. Wir wurden gar nicht gefragt. Nicht ein Mal hat uns jemand gefragt, ob wir glücklich sind. Kennt Ihr jemanden, der gefragt wurde?

 

Na, ist ja auch egal. Der nächste Brief kommt dann also am 22. Mai. Bis dahin sind wir aber grundsätzlich in Gedanken bei euch.

 

 

Herzlichst,

 

Euer Urlaubsland Nummer 1.

Öffentlicher Diskurs um die Dokumentarkünste

“It’s about keeping the question alive”, sagt Rabih Mroué. Der Künstler und Theaterregisseur aus dem Mittleren Osten ist mit seiner Performance Riding on a Cloud an den diesjährigen Dokumentartagen vertreten.

Der Libanese spricht vom “collective memory”, in dem die wahre Gewalt von Geschichten und Erinnerungen liegen würden. Niemand könne vergessen, was er willentlich vergessen wolle.

Mroué bezieht sich mit dieser Aussage auf den Bürgerkrieg in Beirut und seine damit verbundenen Kriegserlebnisse, die in seinen Theateraufführungen Eingang finden.

 

Das Recht auf Erinnerung

Ein gemeinschaftliches Gedächtnis entsteht auch im “Museum of Broken Relationships”, das mitunter von Olinka Vištica gegründet wurde und nun Halt in Basel macht.

Die Sammlung erzählt Geschichten, die durch das Zerbrechen einer Beziehung zwischen den betroffenen Menschen und einem bestimmten Objekt entstehen.

Die Trennung zweier Menschen würde hierbei nicht romantisiert, sondern in den Räumen der Ausstellung öffentlich erfahrbar gemacht werden.

Diese greifbare Darstellung vom Ende einer Beziehung steht der Kommunikationsstruktur innerhalb sozialer Netzwerke entgegen, die das Scheitern von Beziehungen aus dem Gedächtnis und der Fotogalerie zu löschen versucht oder das private Liebesglück plakativ zur Schau stellt.

 

Entgegen diesem positivistischen Darstellungsdrang sollen Traurigkeit und Einsamkeit in der Ausstellung des “Museum of Broken Relationships” bewusst thematisiert werden dürfen. ViŠ¡tica dazu: “We wanted to have the right to remember.”

 

Was macht die dokumentarischen Künste aus?

Daniel Binswanger wird konkret und fragt den Professor für Philosophie, Ludger Schwarte, nach einer Theorie zum Erfolg der dokumentarischen Künste.

Dieser lässt sich jedoch nicht auf ein allgemeingültiges Dogma festnageln.

Stattdessen verweist er etwas ausschweifend auf die Bedeutung des Interesses am Naturalismus, die Möglichkeit zu visualisieren und die vielfältigen Darstellungsformen innerhalb der dokumentarischen Künste, die deren Faszination begründen würden.

 

Expertentum versus Dilettantismus

Diese eher unpräzisen Erklärungsversuche des Philosophen lassen den Dokumentarkünsten einen weiten Spielraum zu deren Auslegung offen.

Boris Nikitin wird spezifischer. Er betont den mitwirkenden Charakter, der es auch Nicht-Experten und Dilettanten erlaube, die Produktionsmittel dokumentarischer Arbeiten zu übernehmen.

Der Gründer der Basler Dokumentartage schätzt diese Emanzipation des Amateurismus und die Kunst, präzise wahre Geschichten erzählen zu können.

 

Die Konstruktion und Produktion von Öffentlichkeit – das zeigte sich an diesem Abend – nimmt vielseitige Formen an und lässt sich gerade im Feld der dokumentarischen Künste nicht eingrenzen oder bestimmen.

So bleibt es jedem selbst überlassen, Wirklichkeit, Kunst und Öffentlichkeit in einen für sich stimmigen Zusammenhang zu setzen.

 

Die Ausstellung “Museum of Broken Relationships” ist noch bis am 30.08.2015 im Historischen Museum in Basel zu sehen.

 

Ein Stück Trennungsschmerz

In den hohen und dunklen Räumen der Patriziervilla befinden sich vom 17. April bis zum 30. August 2015 viele gebrochene Herzen und deren Geschichten. Unterschiedliche Objekte zeigen den Zuschauern die Trennungen anderer. Die Auswahl reicht von Geldschein über Axt, Plüschtier oder Foto bis hin zum Gemälde des eigenen Geschlechtsorgans.

 

Mit einigen Stücken kann man sich vielleicht selbst identifizieren, einige sind eher düster, manche heiter. Zum Beispiel ein Bild der jungen Kniebrüder und die damit verbundene, nicht erfüllte Jugendliebe zu einem der Zirkusartisten. Gesammelt wurden die Objekte auf der ganzen Welt – nun sind auch 38 Basler Stücke hinzugekommen.

 

Schmerz verarbeiten

Die verantwortlichen Künstler Olinka ViŠ¡tica und DraŠ¾en GrubiŠ¡ić haben ihre Arbeit mit sich selbst begonnen. Die beiden waren vor vielen Jahren ein Paar und wählten ein Objekt, das ihre Trennung auf den Punkt bringt.

Ihre Idee war es, die Beziehung bewusst in Erinnerung zu halten und nicht aufgrund des schmerzlichen Endes auch die schönen Momente zu verdrängen oder gar zu vergessen.

Ein Aufziehhase symbolisiert für sie beide ihre Trennung, wie DraŠ¾en verrät. Dieses Urstück bleibt dem Basler Publikum leider vorenthalten. Das Tier wurde der Kollektion entnommen. Was als Objekt der beiden im weitesten Sinne bleibt, ist die Idee der Ausstellung.

 

Schwierige Suche

Die Stücke, die von Menschen aus Basel gespendet wurden, sind dank Beschriftung gut erkennbar.

Benedikt Wyss, Co-Kurator der Ausstellung, hätte sich mehr Geschichten und Objekte aus Basel gewünscht, nur sei die Resonanz trotz der gut platzierten Werbung gering gewesen. Wyss klopfte schliesslich bei Bekannten an. Sogar seine Mutter musste dran glauben, wie er erzählt.

 

Viele schlugen eine Spende aus, weil sie ihre eigenen Trennungen als zu unspektakulär und nicht interessant genug für eine Ausstellung empfanden.

Andere waren mit der Ausformulierung ihrer Geschichte oder ihres symbolischen Gegenstands schlicht überfordert. Dabei macht gerade die Diversität der Ausstellungsobjekte und deren Erklärung den Charme des “Museums of Broken Relationships” aus. Sie ist Beweis dafür, wie unterschiedlich wir Menschen lieben und uns trennen.

 

Die dazugehörigen selbst verfassten Texte, die die gewählten Gegenstände erklären, wurden kaum redigiert und gespendet werden konnte alles, was man eben individuell mit einer zerbrochenen Beziehung verbindet.

Auch wenn die Ausstellung in Basel bereits steht, geht die Suche nach neuen Objekten immer weiter.

Es könnte sein, dass sich viele Menschen durch den Besuch animiert fühlen, weitere Gegenstände zu spenden.

Die Künstler würden sich über neue lustige, traurige, spannende oder auch unspektakuläre Geschichten und Ausstellungsstücke aus der Schweiz freuen.

Neunundvierzigster Brief aus Deutschland

Hallo liebe Schweizer,

 

heute ist es soweit: Nach nunmehr über einem Jahr, in dem Ihr Land mittlerweile Woche für Woche Briefe aus Deutschland erhält, ist es an der Zeit, unser Verhältnis auf eine neue Ebene zu heben. Deshalb freuen wir uns, Ihnen heute offiziell das “Du” anzubieten. Wir halten uns dabei an die alte Tradition, dass dieser Schritt vom Älteren an den Jüngeren erfolgt. Alles andere wäre unhöflich.

 

Also du liebe Schweiz, Wir sind Deutschland. Du kannst uns von nun an liebevoll BRD, Bundesrepublik, Deutschi oder Nachbarländle nennen.

 

Wir glauben, dass diese von nun an engere Beziehung auch dazu führt, dass wir lockerer miteinander umgehen und auch vor unangenehmeren Themen nicht mehr zurückschrecken. Bisher trauten wir uns an gewisse brisantere Themen einfach nicht heran. Dafür war das Verhältnis unserer beider Länder noch zu distanziert. Aber jetzt, lieber Freund, ist es anders.

 

Man muss auch nicht mehr so förmlich sein. Das fällt uns selbst ja auch immer etwas schwer. Wir können unsere Briefe zukünftig mit einem kumpelhaften “Heyho, was geht?” beginnen, ohne dass das irgendwie seltsam rüberkommt. Und wir müssen auch keine Scheu mehr haben, kleine Fehler und Makel Ihres, Entschuldigung, DEINES Landes anzusprechen.

 

Wir haben uns in der Vergangenheit oft sehr schwer getan, so freundlich wie nur möglich zu formulieren, was uns an der Schweiz missfällt. Da wurde unnötig herumpalavert und wir mussten wirklich genau aufpassen, wie wir unser Anliegen ausdrücken.

 

Aber jetzt ist das alles viel einfacher. Jetzt, wo wir Kumpels sind, trauen wir uns Ihnen, wir meinen Dir, offen ins Gesicht zu sagen: Hey Schweiz, Du bist hässlich und viel zu klein.

 

Das geht einfach so über die Tastatur und ist gar nicht mehr unangenehm.

 

Überhaupt ändert sich der Tonfall spürbar. Du kannst uns nun alles schreiben, aber bitte auf Hochdeutsch.

 

Nun denn, kommen wir zum Thema: wir feiern mittlerweile das einjährige Jubiläum dieser Briefreihe. Wusstest Du, dass wir schon drei Preise dafür bekommen haben? Ein Verein, in Salzburg beheimatet, hat uns zum Beispiel ausgezeichnet und für unsere Anstrengungen in der Völkerverständigung gelobt. Weil wir den Fokus auf den gemeinsamen Feind Österreichs und Deutschlands lenken und damit von unseren gegenseitigen Unzulänglichkeiten ablenken, wie es in der Begründung heißt. Wir haben auch eine Freifahrt in einem Reisebus gewonnen; damit können wir uns mal gratis das Salzburger Land ansehen.

 

Und Du so? Was für Preise hast Du bekommen? Bestimmt keinen für den schönsten Strand oder für die schönsten Frauen.

 

Wow, unter Freunden geht so was ganz einfach zu schreiben! Aber hey, nur Spaß, verstehste doch, oder? Aber mal im Ernst: Du hast Mundgeruch. Das ist uns schon öfter aufgefallen.

 

Nein, nur Spaß, wir sehen Dich ja selten. Aber wirklich jetzt mal: Du musst was an Deiner Form ändern. So sieht doch kein Land aus! Du lässt Dich gehen! Der Reichtum, all die Freizeit, Du hast alles, was man braucht – da wird man schnell faul. Ein Rat unter Freunden: Häng mal nicht so viel rum. Beweg Dich. Ganz wichtig: Hör mit dem Alkohol auf.

 

Lass uns doch demnächst mal treffen und von Angesicht zu Angesicht plaudern, wie man bei uns so schön sagt.

 

 

Machs gut, Freund.

 

Bis nächste Woche.

 

Dein Deutschland

Pflanzliche Ernährung als Allheilmittel?

Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere seien empfindungsfähig. Das erklärten die Vertreter von Sentience Politics an einer Medienkonferenz am vergangenen Dienstag im Zürcher Volkshaus. Die politische Gruppe will den gesellschaftlichen Diskurs über den Konsum von tierischen Produkten fördern.

 

Die Gründe liegen laut der Organisation auf der Hand: “Über Tierprodukte können mehrere globale Themen angegangen werden”, sagt Philipp Ryf, Projektleiter von Sentience Politik. Denn einer der wichtigsten Faktoren, der zum Klimawandel beiträgt, sei die Ernährung. Laut einer Studie des Bundes wird fast ein Drittel aller Treibhausgase durch sie verursacht.

 

Transparenz-Petition

Darum lancierte Sentience Politics eine Petition, die vom Bundesrat mehr Transparenz über die Herstellung von tierischen Produkten und deren Folgen fordert. Unterstützt wird dieses Anliegen auch von den beiden grünen Nationalräten Aline Trede und Balthasar Glättli.

 

Für den Anbau der Futtermittel, die in der Schweiz an die Nutztiere verfüttert werden, brauche es beinahe eine zweite Schweiz, so Glättli. “Wer von einem Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent spricht, vergisst in seiner Rechnung die Produktion des importierten Tierfutters.”

 

Mit dem grossen Bedarf an Landfläche einhergeht ein massiver Wassereinsatz. Während für ein Kilogramm Rindfleisch circa 15’000 Liter Wasser an grauer Energie in der Produktion benötigt werden, braucht es für dieselbe Menge Weizen weniger als einen Zehntel des Wassers. Problematisch ist die Verfütterung von Agrarerzeugnissen an Nutztieren auch darum, weil diese dann den hungerleidenden Menschen in der dritten Welt fehlen.

 

Mehr Information gefordert

Doch in der Politik und in der Gesellschaft ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen. Nur selten werde im Zusammenhang mit Umweltthemen über die Ernährung diskutiert, obwohl die Herstellung von Tierprodukten laut mehreren Studien eine, wenn nicht sogar die Hauptursache des Klimawandels sei, monierten die Vertreter von Scentience Politics.

 

Auch wisse ein Grossteil der Bevölkerung nicht über die Tierhaltungsbestimmungen in der Schweiz bescheid. Drei Vierteln sei demnach nicht bewusst, dass die Haltung von Mastschweinen ohne jeden Auslauf und ohne Einstreu gesetzeskonform sei, und dies, obwohl der Bund laut Tierschutzgesetz für die Information der Öffentlichkeit zu sorgen hat.

 

Fleischproduktion sei Tierquälerei

Dasselbe Gesetz definiert Tierquälerei als unnötige Schädigung von Tieren. Für Adriano Mannino, Mit-Initiant von Sentience Politics, ist diese Definition Wasser auf den Mühlen der Vorhaben der Denkfabrik: “Es steht ausser Frage, dass die Fleischproduktion Tiere leiden lässt und tödlich schädigt.” Weil der Konsum von Fleischwaren unnötig sei, wie dies Vegetarier vorlebten, sei auch die Fleischproduktion unnötig und folglich tierquälerisch.

 

Kritisiert wurde an der Medienkonferenz zudem die Tatsache, dass heuer zahlreiche Subventionsgelder zugunsten der Nutztierhaltung fliessen. In der Petition richtet sich daher die Frage an den Bundesrat, ob dies nicht in eklatantem Widerspruch zu den gesetzten Nachhaltigkeitszielen des Bundes stehe. Zudem wollen die Petitionäre wissen, inwiefern die Förderung der pflanzlichen Ernährung zu Erreichung ebendieser Ziele beitragen kann.

 

Städtische Initiative

Die Petition auf nationaler Ebene ist nicht die erste politische Kampagne der Organisation. Zusammen mit den Jungen Grünen Zürich will Sentience Politics in Zürich dasselbe versuchen, was bereits in Basel auf Zustimmung stiess: eine städtische Initiative.

 

Darin wird die Ausweitung des Ernährungsangebots auf pflanzliche Produkte und die fundierte Information der Bevölkerung über die Konsequenzen der Nutztierhaltung gefordert. Neu soll so in Verpflegungseinrichtungen mit mehr als einem Menu mindestens eine vegane Alternative angeboten werden.

 

“Echte Wahlfreiheit”

Die in der Initiative geforderten Punkte sind aus Sicht von Meret Schneider, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Zürich, dringend nötig: “Es braucht definitiv eine Reduktion des Tierproduktekonsums.” Hierfür müsse das Angebot an pflanzlichen Alternativen ausgeweitet werden.

 

“Wir wollen echte Wahlfreiheit.” Aktuell sei dies teils nicht möglich, da in Mensen und Restaurant oftmals kein vegetarisches oder veganes Menu angeboten werde. Die Initiative soll noch im April lanciert werden. Bis dann lässt sich bereits die Petition unterzeichnen: www.sentience.ch/politik/transparenz-petition

Boxen zur Aggressionsbewältigung

Nicht weit vom Loryplatz in Bern befindet sich mit “Boxen zur Bildung” ein besonderer Boxkeller. Hier trainiert Pascal Brawand nämlich einerseits Jugendliche, die eine Ausbildung machen, aber auch solche, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden. Dank der Zusammenarbeit mit der Berufsschule und dem Unisport können die Jugendlichen kostengünstig das Boxen erlernen.

 

Pascal hat soeben das Training beendet, das er an diesem Samstagmorgen geleitet hat. Mit gekreuzten Beinen sitzt er auf einem Plastikstuhl und nippt an seinem Kaffee. Brawand ist ein Mann mittleren Alters mit intensivem Blick, kleiner Statur und wachen Augen. Sein Dreitagebart und sein Pferdeschwanz sind immer in Bewegung.

Immer wieder lockert er das Gespräch mit einem heiteren Scherz auf. Er strahlt Selbstsicherheit aus. Jeder Boxer, der die Umkleidekabine frisch geduscht verlässt, verabschiedet sich per Händedruck von ihm. Nicht immer wurde ihm so viel Respekt entgegengebracht, erzählt er.

 

Entdeckung des Boxsports

Pascal wächst auf, ohne seinen leiblichen Vater zu kennen. Als er gerade in die Pubertät kommt, hat die Mutter einen Partner, der gerne eine Vaterrolle für ihn übernehmen würde. Weil der Junge ihn jedoch nur zögerlich anerkennt, fängt er an, Pascal verbal zu beleidigen, später schlägt er ihn sogar.

Als Pascals Selbstwertgefühl an einem Tiefpunkt angelangt ist, sieht er den Film Rocky und ist begeistert. “Boxen war damals die Antwort”, meint er heute. In der Boxschule Charly Bühler, eine der renommiertesten Boxschulen der Schweiz, trainiert er ab jetzt oft.

 

Auch später, als er eine Lehre zum Maurer absolviert, besucht er das Training regelmässig; es wird seine Leidenschaft. Er wird erst Jugendschweizermeister und 1989 sogar Elite-Schweizermeister.

Im Jahr 1997, nach über 40 Elite-Boxkämpfen, muss sich Pascal entscheiden, ob er eine Profikarriere beginnen will. Doch im gleichen Jahr lernt er seine zukünftige Frau kennen, mit der er bis heute glücklich zusammenlebt, die Prioritäten verschieben sich somit. Nach einem letzten Kampf verabschiedet sich Brawand vom Boxkeller. Zwei Jahre wird er ihn nicht mehr betreten.

 

Erste Trainererfahrungen

Nachdem er die Welt bereist hat, wird er von Max Hebeisen, einem ehemaligen erfolgreichen Berufsboxer angefragt, ob er ab und zu ein Training in der Boxschule Charly Bühler leiten wolle. Überrascht von diesem Angebot nimmt Brawand an und setzt so den Grundstein für seine Trainerkarriere. Nach zehn Jahren werden jedoch die Differenzen mit Max Hebeisen, der an schwerer Demenz erkrankt, zu gross, ihre Wege trennen sich.

 

Doch Brawand ist jetzt in der Lage, selbstständig Trainings zu leiten, insbesondere mit Jugendlichen. An der Güterstrasse wird ein grosser Raum frei, in dem er vorerst nur für Leute mit Aggressionsproblemen arbeitet.

Wegen seiner Jugendarbeit werden auch der Berufsschulsport und der Unisport auf ihn aufmerksam. “Ohne diese Institutionen gäbe es `Boxen zur Bildung´ heute nicht”, meint Brawand dazu.

Einige Jahre arbeitet Pascal sogar regelmässig im Thorberg, um mit den Insassen zu trainieren, ihre Emotionen in Schach zu halten. “Die Leute im Gefängnis müssen ein Ziel haben, sonst überleben sie nicht”, ist Pascal überzeugt.

 

Gewalt in der Gesellschaft

Für die zunehmende Jugendgewalt  sieht Pascal verschiedene Gründe. So denkt er zum Beispiel, dass die Welt früher einfacher war: Klare Rollenverteilung, klare Strukturen. Die Gesellschaft könne leider auch nicht alles “was an Werten nicht oder falsch vermittelt wurde”, abfedern. Somit sind die Eltern seiner Meinung nach mitverantwortlich.

 

Doch ist es wirklich eine gute Idee, Menschen mit Gewaltproblemen auch noch eine Kampfsportart beizubringen?

“Ich trainiere keinen, der nichts lernen will. Die Person muss betroffen sein und erkennen, dass ihr Leben den Bach heruntergeht”, meint der Boxtrainer bestimmt. Jemand wie der “Fall Carlos” habe bei ihm keinen Platz, denn er erkenne offensichtlich seine Notlage nicht, also könne man ihm nichts beibringen.

Wie Pascal konkret mit den Jugendlichen arbeitet, erklärt er bildhaft an einem Beispiel: “Wenn ein Lehrling keine Kritik annehmen kann, dann heisst das Mittel nicht Angriff, sondern Verteidigung. Dann kann das Nervensystem nicht zwischen den Situationen unterscheiden”, erklärt Pascal.

 

Das heisst, er schickt den Jugendlichen in den Ring und dieser muss dann, statt immer sofort zurückzuschlagen, die Schläge in Ruhe parieren. “Auf diese Weise lernt das Nervensystem Schritt für Schritt, Druck auszuhalten”, begründet Pascal. Das Wichtigste sei, “die Jugendlichen zu akzeptieren, wie sie sind, so dass sie sich nicht verstellen müssen.”

 

Schlussendlich sei auch die Suche nach den wahren Problemen wichtig, diese könne man in Gesprächen meistens schnell herausfinden. Mit diesen Methoden hat der Trainer nach eigenen Angaben schon viele Erfolge erzielen können. Die Unterstützung dieser Menschen ist ihm hierbei wichtiger als das Boxen an sich.

Für die Zukunft wünscht sich Brawand trotzdem, dass “Boxen zur Bildung” in Bern eine gewichtigere Rolle spielen soll. Er möchte eng mit anderen Klubs zusammenarbeiten, um später als Manager Profiboxer betreuen zu können.

 

 

 

 

Facebook und die ständigen Diskussionen um die Privatsphäre

Dank Facebook ist ein riesiges Netz aus Personen auf der ganzen Welt entstanden. Es werden täglich Unmengen von Bildern, Links, Beiträge und Nachrichten ausgetauscht. Ein weiterer Schritt zum “Global Village” ist getan und es scheint, als seien der Kommunikation keine Grenzen mehr gesetzt.

 

Immer wieder wird Facebook aber wegen seiner problematischen Einstellung zur Privatsphäre kritisiert. Dies liegt zunächst einmal daran, dass die USA eine andere Auffassung von Privatsphäre haben, als wir hier in Europa. Doch damit nicht genug. In der Kritik werden meist zwei Problematiken angesprochen. Zum einen die mangelnde Aufklärung und Naivität der User, die die weitgreifenden Folgen solch einer Plattform noch nicht einschätzen können, weil dies doch ein eher junges Vorkommen ist.  Zum anderen gibt es nur unzureichenden Möglichkeiten, sein Profil, seine Daten und seine Beiträge zu schützen. Facebook beharrt aber immer wieder auf ihren eigentlichen Zweck: Der Datenaustausch und die Kommunikation sind Hauptmerkmale von Facebook. So sagt auch ihr Slogan, der auf der Startseite steht: “Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.”

 

Die Privatsphäreeinstellungen von Facebook gelten, trotz einiger Verbesserungen, immer noch als unübersichtlich und kompliziert. So wurden einige „Schlupflöcher“ gefunden, wie man Angaben der Nutzer nicht ganz unsichtbar machen kann. Zum Beispiel kann man bei einigen Einstellungen nur auswählen, dass “Freunde”, “Freunde von Freunden” oder “Alle” die Beiträge sehen können. Es fehlt die Option “Niemand”. Die letzte große Veränderung gab es Anfang 2015. Wer ab diesem Zeitpunkt nicht mehr mit den Neuerungen einverstanden ist, wird von Facebook wörtlich dazu aufgefordert, sein Nutzerprofil zu entfernen. Ansonsten akzeptiert man sie automatisch.

 

Die Macht von Facebook wird also auch nach über zehn Jahren unterschätzt. Welche (langwierigen) Folgen es haben kann, wenn man schnell mal eben etwas mit der ganzen Welt teilt, werden oft nicht bedacht. So bleibt neben dem allgemein fehlenden Schutz der Privatsphäre durch Facebook, auch die Gutgläubigkeit und Unwissenheit der Nutzer die häufigste Falle, in die sie tappen.