Gesellschaft | 10.03.2015

Was nach siebzig Jahren übrig bleibt

Text von Damaris Oesch | Bilder von Damaris Oesch)
Obwohl die Befreiung vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau schon siebzig Jahre her ist, sollte dieses grässliche Kapitel unserer Geschichte nicht vergessen werden. Aus der Vergangenheit können und sollten wir viel für die Zukunft lernen.
Der Koffer von Hana Fuchs. (
Bild: Damaris Oesch)

Am 27. Januar war es wieder einmal soweit: Der internationale Holocaust-Gedenktag. Bereits zum 70. Mal jährte sich die Befreiung vom Vernichtungslager Auschwitz durch sowjetische Truppen. Siebzig Jahre. Das ist eine lange Zeit. Warum erinnern wir uns immer noch daran, warum halten wir daran fest? Warum übergeben wir dieses dunkle Kapitel der europäischen Geschichte nicht einfach dem weiten Meer geschichtlichen Ereignisse? Warum lassen wir nicht auch dieses hässliche Kapitel in dem unendlich weiten Ozean untergehen? Warum können wir nicht einfach vergessen; Vernichtungslager und Gaskammern für immer hinter uns lassen?

 

Unschuldig

Niemand von uns ist schuld daran. Wir können mit dem Lesen eines Artikels, dem Hören eines Zeitzeugenberichts oder sogar mit einem Auschwitz-Besuch nichts mehr daran ändern. Passiert ist passiert. So endgültig und schrecklich das auch klingen mag. Keinen der Opfer werden wir je zurückbringen können.

 

Der Koffer mit der Aufschrift «Waisenkind Hana Fuchs» ist das einzige, das uns heute noch an dieses Kind erinnert. Ein unschuldiges Mädchen, ein jüdisches Waisenkind. Ermordet. Die kleine Hana hatte ihr Leben vor sich. Bis zu dem Moment, als sie von dem Lagerarzt Josef Mengele nach links gewiesen wurde. Links bedeutete den Tod. Ende. Sie ging den Weg zur Gaskammer. One way. Ihre Zukunftsträume, ihre Wünsche und ihr Lachen fanden ihr Ende in diesem Betonkomplex. Das Letzte, das von Hana Fuchs übriggeblieben ist, ist dieser Koffer, der heute noch in den Vitrinen von Auschwitz-Birkenau ausgestellt ist. Dieser Koffer symbolisiert die Geschichte eines Menschen, der in den Augen der Nazis nicht mehr wert war als ein Tier. Solchen Geschichten begegnet man in Auschwitz haufenweise. Fotos, Nummern, Koffer, Haare, Asche – doch das waren alles Menschen. Ausnahmslos.

 

Wertvoll

Sind wir es diesen Menschen nicht schuldig, uns immer wieder an sie zu erinnern? Verdienen sie es nicht, wenigstens in ihrem Tod gewürdigt zu werden? Denn damit geben wir ihnen symbolisch den Wert zurück, der ihnen auf grausamste Weise von den Nazis geraubt worden war. Deshalb besuchte ich Auschwitz. Es war schrecklich. Schrecklich eindrücklich. Wenn man vor den Vitrinen mit den Haaren steht, die den Opfern vor ihrer Abschlachtung abgeschnitten wurden, dann steht die Zeit für einen Moment still. Man fühlt nur noch Abscheu, der Knoten im Bauch wird unendlich gross.

 

Unvergessen

Auschwitz, Holocaust, Antisemitismus – das alles sind keine einfachen, leicht verdaulichen Themen. Aber sie gehören zu unserer Vergangenheit. Und nur durch das Erinnern an die Vergangenheit können wir eine bessere Gegenwart schaffen. Nur wenn wir uns an die Fehler erinnern, die vor vielen Jahren gemacht wurden und Millionen Unschuldige ihr Leben kosteten, können wir dieselben Fehler heute vermeiden. Deshalb sollten wir Hana Fuchs und all die anderen Opfer des Holocausts nie vergessen. Sie dienen uns als Mahnmal und schützen uns davor, wieder in ähnliche Fehler zurückzufallen. Der Gedenktag und das Erinnern an den Holocaust allgemein wird nie etwas Überflüssiges sein, oder sollte es zumindest nicht sein. Es kann uns dabei helfen, eine bessere Zukunft zu gestalten.

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