Gesellschaft | 16.03.2015

Was ist los auf Kuba?

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Anne-Lea Berger)
Momentan schaut die ganze Welt auf den Karibikstaat und verfolgt jedes Gespräch zwischen Kuba und den USA, zwei der hartnäckigsten Feinde der jüngeren Geschichte. Doch wie lebt eigentlich die kubanische Bevölkerung? Eine Momentaufnahme abseits von Salsa und Mojitos.
Vor allem in ländlichen Gebieten sind Kutschen und Velotaxis noch in der Überzahl. (
Bild: Anne-Lea Berger)

Die Welt schreibt das Jahr 2015, Kuba ist im Jahr 57 der Revolution. Der Begriff „Revolution“ wird seit dem Sturz des von den USA unterstützten Diktators Batista als „Beibehaltung der revolutionären Haltung Kubas“ verstanden. Die Revolution von 1959 möglich gemacht haben unter anderem Ernesto „el Che“ Guevara, zusammen mit den Brüdern Castro. Vor knapp sieben Jahren hat Raúl Castro die Ämter des Staats-, Ministerratspräsident und Generalsekretär der einzigen zugelassenen Partei, der Kommunistischen Partei Kubas, von seinem älteren Bruder Fidel Castro übernommen.

Der autoritäre sozialistische Inselstaat erlebte seither zaghafte Lockerungen in Reise- und Handelsbestimmungen.

 

Auch auf den Strassen Kubas hält die Moderne langsam Einzug, man sieht einzelne neuere Peugeots und Renaults. Die fantasievollen kubanischen Transportmittel sind aber nach wie vor in Oberhand. Da wäre das Bici-Taxi, das Velo-Taxi, bei welchem der Gepäckträger durch einen komfortablen Zweisitzer ausgetauscht wurde. Oder die Pferdekutschen, noch von den Klapprigsten schallt einem Salsa, Reggeaton und Bachata entgegen. Zusammen mit Mofas, Lastern, amerikanischen Oldtimern und russischen Moskvitschs oder Ladas erhält man eine Vielzahl von Möglichkeiten, durch Land und Städte der Karibikinsel zu reisen.

 

Was auf den Strassen zu sehen ist, spürt auch die Bevölkerung: Sie kommen immer mehr mit der Moderne und der übrigen Welt in Kontakt. Auch wenn die Gesetze diese Durchmischung noch verhindern möchten. So ist Kubanern nicht erlaubt, Ausländer gratis bei sich wohnen zu lassen. Es gibt Busse für Einheimische und Busse für Ausländer. Kubaner bekommen ihren mickrigen Lohn in Moneda Nacional ausbezahlt, währenddessen alle nicht-essentiellen Produkte und Dienstleistungen in Peso Convertible, der Touristenwährung, bezahlt werden müssen. Für viele Kubaner ist deshalb selbst eine Flasche Shampoo oder eine Dose Bier ein nur schwer bezahlbarer Luxus.

So entsteht genau jene Klassengesellschaft, welche die Gebrüder Castro, el Che & co. vor über 50 Jahren abschaffen wollten.

 

Frustration

Dies ist wohl auch ein Grund für die Frustration vieler Kubaner. Es sind vor allem jüngere, welche mit ihrer Regierung hadern. Sie können noch so viel arbeiten, studieren und Abschlüsse sammeln, auf einen Monatslohn von umgerechnet sechzig Franken kommen gerade mal die besten Ärzte oder ranghohen Offiziere. Der Durchschnittslohn liegt heute etwa bei 250 bis 350 Pesos Moneda Nacional, was zehn bis zwanzig Franken entspricht.

 

Kein Wunder, hat auch das Architektenpaar Isidoro und Pilar aufgehört, für den Staat zu arbeiten. Sie leben in Santa Clara. In der gleichen Stadt, in der Ernesto Che Guevara 1958 die entscheidende Schlacht zur Revolution einleitete, sehnen sich Isidoro und Pilar – wie so viele Kubaner – einen cambio, einen Wechsel, herbei.

Im Dezember 2014 haben Kuba und die USA nach über 50 Jahren ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen, im Januar 2015 wurden die ersten Handels- und Reisebeschränkungen gelockert.

Noch glauben die beiden Architekten nicht daran, dass die aufflammenden Beziehungen zu den USA etwas ändern werden. «Entonces a quien podrán echar la culpa? Wem können sie dann noch die Schuld zuschieben?«

 

Doch wie die meisten Kubaner sind auch Isidoro und Pilar einfallsreich. Sie wollen nun ihr Haus renovieren und als Casa Particular, der kubanischen Version eines Bed&Breakfast, nutzen. Wer nicht das Glück hat, mit Touristen Geschäfte machen zu können und so einen einigermassen guten Lohn zu erhalten, versucht es irgendwie anders. Gehandelt wird mit Benzin, Kleidung oder sogar Handys, illegal gewettet bei Hunde- oder Hahnenkämpfen.

 

Massenorganisation

So zufrieden, wie die für einen autoritären Staat obligate Propaganda vermuten lassen könnte, ist die Bevölkerung mit ihrer Regierung also nicht. In den kubanischen vier Wänden wird gar von Mafiosos más grandes del mundo (die grössten Mafiosi der Welt) gesprochen, währenddessen draussen auf Wandgemälden den Castros die Unterstützung gehuldigt wird.

Trotz der Unzufriedenheit sind über neunzig Prozent der Bevölkerung Mitglied im „Komitee zur Verteidigung der Revolution“ (CDR). Die Freiwilligenorganisation organisiert unter anderem Nachbarschaftswachen, die Nahrungsmittelabgabe und Blutspendeaktionen. Vor allem aber erlaubt diese Massenorganisation, die Bevölkerung kontrollieren zu können.

Jede Nachbarschaft bildet eine kleine Gruppe mit Präsident und Sekretär, insgesamt untersteht das Komitee der Regierung. So können mögliche staatsfeindliche, konterrevolutionäre Tätigkeiten schnell entdeckt werden. Ein Geheimdienst mitten unter der Bevölkerung sozusagen.

Formal ist die Mitgliedschaft im CDR freiwillig, faktisch besteht allerdings ein Zwang dazu. Nicht-Mitglieder bekommen Probleme bei der Arbeit und werden schikaniert, etwa bei der Verteilung der Lebensmittel.

 

Nahrungsmittelrationierung

Noch immer bestehen die Libretas, die Büchlein, in dem jede Abgabe von Lebensmittel notiert wird. Neben Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen und Öl werden über dieses System Kaffee, Zucker, Poulet und jeden Tag ein kleines Brötchen pro Person abgegeben. Die Produkte werden stark subventioniert und kosten so sehr wenig. Reichen sollten sie für einen Monat, meistens ist aber schon nach zehn Tagen alles aufgebraucht. Das ist nicht erstaunlich, pro Monat sind pro Person zum Beispiel gerademal fünf Eier und kaum ein halbes Poulet vorgesehen.

 

Zukunft

Nun, wie wird es weitergehen auf der sozialistischen Insel? Der Student Rafael kann noch nicht an eine baldige wesentliche Veränderung glauben. Zuerst müsse noch etwas Wichtiges geschehen. Mit seiner Ansicht ist er nicht der Einzige, trotzdem meint er leise und fast verschwörerisch, Kuba werde erst eine wirkliche Chance haben, wenn sie endlich sterben werden. Es ist nicht nötig nachzufragen, wer damit gemeint ist.

 

Bis dies soweit ist, behalten die Kubaner ihren Galgenhumor, lachen über die mühsame Bürokratie und die langen Wartezeiten bei der Lebensmittelverteilung. Sie scheinen ihr Leben mit all seinen Entbehrlichkeiten in vollen Zügen zu geniessen, wenn sie bei einer Flasche Rum dem Treiben zuschauen und der allgegenwärtigen Musik zuhören.

Auch wenn gesagt wird: „Es una vida amarga, pero es la vida que me ha tocado. Es ist ein bitteres Leben, aber es ist das Leben, das mir zugeteilt wurde.“