Kultur | 05.03.2015

„Mir fehlt der Schmutz. Es sollte hier ein wenig wilder sein!“

Text von Laura Oderbolz | Bilder von zVg)
Clemens Riegler (27) gehört zum Schauspiel-Ensemble des Luzerner Theaters. Aufgewachsen ist er in Österreich, studiert hat er in Deutschland und arbeiten tut er nun mitten in der Schweiz. Mit Tink.ch sprach er über seine neue Heimat, über das Proben mehrerer Produktionen gleichzeitig und seine noch unerfüllten Träume.
Clemens Riegler (links) während eines Auftritts von "Strange Cases(s) of Dr. Jekyll and Mr. Hyde" am Luzerner Theater. (
Bild: zVg)

Tink.ch: Seit 2013 bist du festes Ensemblemitglied am Luzerner Theater. Fühlst du dich bereits ein wenig schweizerisch?

Clemens Riegler: Ich bezeichne Luzern bereits als mein Zuhause, aber so richtig schweizerisch fühl ich mich noch nicht. (lacht)

 

Was schätzt du am Leben in der Schweiz?

Es gibt wahnsinnig viele ruhige, entspannte Leute, die eine sehr sympathische Ausstrahlung haben. Anders als in anderen Städten, in denen ich bereits gelebt habe. Könnte auch am hohen Lebensstandard liegen – den schätz ich selber natürlich auch sehr!

 

Fehlt dir etwas?

Mir fehlt ein weniger der „Schmutz“. Nicht der Dreck, viel mehr die Unordnung. Es sollte hier ein wenig wilder sein, nicht so geordnet.

 

Theaterschauspieler müssen eine außergewöhnliche Tagesstruktur haben. Beschreib mir deinen Alltag.

Als eine Schauspielkollegin ihren Alltag einer Primarschulklasse erzählen musste, meinte ein Junge ganz erschrocken „Du musst dich aber viel umziehen!“ Und das stimmt wirklich. Ein normaler Alltag eines Schauspielers besteht aus häufigem Umziehen. Ich steh auf, zieh mich an, geh raus, rein ins Theater, wieder umziehen, wieder raus, anderes Kostüm, wieder raus. Und dies bis am Abend. Aber nebst den Umzügen ist mein Alltag natürlich geprägt von Proben und Auftritten.

 

Wie ist es, wenn man für zwei Produktionen gleichzeitig probt und für eine weitere bereits auf der Bühne steht?

Es ist einfacher als es klingt. Sobald die Proben eines Stückes vorbei sind, bin ich mit meiner Figur verwachsen. Im Spiel entwickelt sie sich zwar noch weiter, aber ich muss sie nicht mehr suchen. Ich stehe auf der Bühne und der Text kommt ganz von alleine! Das einzige Hindernis entsteht, wenn ich privat darüber nachdenke und mich frage, ob ich die Rolle noch kann – dann entsteht ein Knoten im Kopf, den es ansonsten gar nicht gibt.

 

Bevor du deine Schauspielausbildung in Angriff genommen hast, hast du Soziologie studiert und in der österreichischen Bundesliga Volleyball gespielt. War die Schauspielerei eine spontane Entscheidung?

Früher wollte ich eigentlich immer nur Volleyball spielen. Nach einer ersten Bühnenerfahrung an der Schule hat mich jedoch die Schauspielerei gepackt. Trotzdem habe ich zuerst mit dem Soziologiestudium angefangen, bevor ich mich dazu entschieden habe, diesen doch ungewöhnlichen Beruf anzugehen und an einem Vorsprechen für eine Schauspielschule teilzunehmen. Jedoch bin ich froh um meine Erfahrungen, die ich außerhalb des Theaters gesammelt habe, da ich als Schauspieler nur aus mir selber schöpfen kann. Alles was ich erlebt habe, wird irgendwie und irgendwann auf der Bühne von mir benutzt werden.

 

Viele Eltern raten ihren Kindern vom künstlerischen Weg ab. Wie sah dies bei deinen Eltern aus?

Meiner Familie ist es wichtig, dass ich glücklich bin mit dem, was ich mache. Natürlich hätten sie mich gerne in einem sichereren Beruf gesehen, aber welcher Beruf ist heutzutage wirklich sicher?

Es war schwierig, meiner Großmutter den Ablauf einer Schauspielausbildung zu erklären, da man sich bei diesem Studium eigentlich selber studiert. Spielen ist für den Menschen etwas ganz natürliches. Bei Kindern ist es selbstverständlich, als Schauspieler muss man sich diese Selbstverständlichkeit wieder zurückerobern. Am Ende ist die Einfachheit die grosse Schwierigkeit daran.

 

Hast du einen Herzenswunsch, den du dir erfüllen möchtest?

Beruflich habe ich drei Dinge, die ich mir gerne erfüllen möchte: Ich möchte in einem Seidl-Film (Anm. der Redaktion; Ulrich Seidl ist ein österreichischer Filmregisseur) eine größere Rolle spielen, den Nestroy-Preis in Österreich gewinnen und Teil einer erfolgreichen Theaterproduktion sein, die über mehrere Spielzeiten läuft und auch als Gastspiel an verschiedene Häuser Europas geholt wird. Das sind natürlich meine Traumvorstellungen, aber man soll ja bekanntlich nicht aufhören, zu träumen.

 

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Da kann ich jetzt auch nur von einer Traumvorstellung ausgehen (lacht): Ich bin in einem festen Ensemble in einem grossen renommierten Haus im deutschsprachigen Raum. Und in zehn Jahren dürfte eine eigene Familie auch ein Thema sein. Und noch ein paar Jahre darauf würde ich gerne als Schauspiel-Dozent arbeiten.