Gesellschaft | 30.03.2015

Journalismus im Tiefflug

Die Berichterstattung um die Katastrophe des Germanwings-Fluges 9525 zeigt: Menschliche Tragödien sind immer auch eine Bewährungsprobe für die Medienethik. Vor allem viele Online- und TV-Medien haben in den letzten Tagen mit ihren Recherchemethoden und ihren Publikationen ohne Zweifel selbst auferlegte Pflichten missachtet.

Dienstag, 24. März 2015, 10.53 Uhr MEZ: Der Airbus A320 des Germanwings-Linienflugs 9525, auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, zerschellt an einem Bergmassiv im südfranzösischen Département Alpes-de-Haute-Provence. Alle 144 Passagiere, darunter sechzehn Schülerinnen und Schüler einer deutschen Schule, und die sechs Besatzungsmitglieder kommen bei dem Absturz ums Leben. Es ist eine Tragödie unvorstellbaren Ausmasses, zumal zwei Tage nach dem Unglück bekannt wurde, dass der Co-Pilot die Maschine offensichtlich gezielt zum Absturz gebracht hatte.

 

Auch die irrelevanteste Information wird zur Meldung

Die Anteilnahme und die Trauer in der Bevölkerung, egal ob in Deutschland, Frankreich, Spanien oder der Schweiz, ist enorm, das Leid der Angehörigen unvorstellbar, das Geschehene ist kaum zu begreifen. Eine solche Situation erfordert besonderes Spitzengefühl von allen Seiten; die Politik, die Behörden und die betroffenen Unternehmen scheinen das schnell verinnerlicht zu haben.

 

Anders die Medien. Die Sensationsgier schien von Anfang an ungebrochen, und somit liessen die ersten fehlerhaften Meldungen nicht lange auf sich warten: “Gewitter während des Absturzes” oder “Stimmen-Rekorder kann nicht ausgewertet werden” sind nur zwei Beispiele von einer endlosen Liste. Wenn sie nicht fehlerhaft waren, so waren die Meldungen meist irrelevant: Die Newsticker der Onlinemedien liefen kurz nach dem Verschwinden von 4U 9525 heiss, Hauptsache man berichtete darüber, egal wie spekulativ und nichtssagend die Informationen auch waren.

 

An den eigenen Massstäben gemessen

In der “Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten” des Schweizer Presserates heisst es in Punkt 7: “Sie respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt. Sie hinterlassen anonyme und sachlich nicht gerechtfertigte Anschuldigungen.” Inwieweit es für das öffentliche Interesse von Bedeutung sein soll, ein Foto in Grossformat von trauernden Angehörigen, die soeben vom Unglück erfahren haben, zu publizieren, bleibt schleierhaft. Auf massive Kritik dazu rechtfertigte sich beispielsweise Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild, auf Twitter, dass sie es nur anderen Medien gleich tun würden.

 

“Sie halten sich an die Wahrheit ohne Rücksicht auf die sich daraus ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren” lautet der Punkt eins der Erklärung des Schweizer Presserates. Diese Passage meinen Manche wohl sehr frei interpretieren zu können. Bei der Informationsbeschaffung schrecken die Journalisten scheinbar vor nichts zurück: So boten sie laut Aussagen einiger Schüler aus Haltern, deren Schule insgesamt 18 Opfer zu beklagen hat, Geld gegen Interviews, anstatt sie um ihre Mitschüler und Lehrkräfte trauern zu lassen.

 

Eine bis dahin ungeahnte Dimension nahm die Berichterstattung an, als bekanntgegeben worden war, dass der Co-Pilot den Sinkflug vorsätzlich eingeleitet hat. Sofort machten sich die Medienschaffenden daran, seine Wohnung und das Haus seiner Eltern in allen Details zu filmen und zu fotografieren, seinen kompletten Namen und Fotos von Namensvettern des Co-Piloten zu publizieren, die schlecht über soziale Netzwerke recherchiert wurden. Dieses Vorgehen der Boulevardmedien erschien den seriösen deutschsprachigen Medien wohl als Freifahrtschein, nachzuziehen, sich an der Hetzjagd zu beteiligen und dieselben falschen Fotos zu veröffentlichen – eine Richtigstellung erfolgte nicht in allen Fällen.

 

Rückbesinnung auf die eigenen Ansprüche

Diese Bestandsaufnahme soll kein Rundumschlag mit der Moralkeule gegen Medienschaffende allgemein sein, aber sie zeigt klar und deutlich, dass eine Rückbesinnung auf die eigenen Ansprüche gerade in solchen Situationen von grosser Wichtigkeit ist. Die Devise “Informationsbeschaffung und Berichterstattung um jeden Preis” gilt bei grossen menschlichen Tragödien, so zeigt der aktuelle Fall, nämlich nicht uneingeschränkt – Entschleunigung statt Bulimie-Journalismus, Empathie statt Pietätlosigkeit. Dies wären sicher bessere Ansätze.