Kultur | 14.03.2015

„Es kann jeden jederzeit treffen!“

Text von Meret Wittlin | Bilder von Meret Wittlin)
Der Verein Surprise bietet seit Ende 2014 "soziale Stadtrundgänge" in Zürich an. Auf sechs verschiedenen Touren führen Magazinverkäufer durch die Stadt und zeigen Treffpunkte und Anlaufstellen für Randständige, die sonst meist im Verborgenen bleiben.
Auf der von ihnen selbst gestalteten Tour 1 zeigen Ewald Furrer und Hans Peter Meier eine andere Seite der Stadt. (
Bild: Meret Wittlin)

Wir sind an der Bushaltestelle Militär-/Langstrasse, die Hauptschlagader des berühmt-berüchtigten Zürcher Kreis 4. Der Verein Surprise, der das gleichnamige Strassenmagazin herstellt und verkauft, lädt zu einem besonderen Stadtrundgang. Junkies und verwahrlost wirkende Gestalten mischen sich mit sogenannt „normalen“ Bürgern und mittendrin im hektischen Treiben stehen Ewald Furrer und Hans Peter Meier, ungeduldig wartend, bis auch die letzten der zehn angemeldeten Gäste eintreffen. Normalerweise verteilen die Beiden Magazine, nun werden sie den Interessierten neue Seiten Zürichs zeigen.

 

Die beiden starten die Tour mit einer Vorstellungsrunde. Den Anfang macht Hans Peter, der kleinere und zurückhaltendere der beiden. Bis 2003 habe er ein ganz „normales“ Leben als IT-Spezialist geführt. Doch als die Krise kam, verlor er seinen Job und beschloss, erst einmal Ferien zu machen. „Ich dachte, bei dieser düsteren Wirtschaftslage liesse sich sowieso nichts ändern“, erzählt er. „Aber als ich nach neun Monaten zurückkehrte, war immer noch alles gleich aussichtslos wie zuvor.“

 

Darauf folgte bei Hans Peter, der vorher schon viel getrunken hatte, der endgültige Absturz in den Alkohol. Heute jedoch hat er die Sucht besiegt und verdient seinen Lebensunterhalt als Stadtführer und Magazinverkäufer. -¨Hans Peter erzählt seine Geschichte so sachlich und abgeklärt, dass es einem schwer fällt zu glauben, dass er über sich spricht. Zweifellos hat er Recht, wenn er sagt: „Es kann jeden jederzeit treffen.“

 

18 Jahre ohne Obdach

Ewald übernimmt. Nach der Kindheit im Wallis kam er mit 15 Jahren nach Zürich. Im Anschluss an die obligatorische Schulzeit absolvierte der heute 48-Jährige eine Ausbildung zum Maschinenschlosser, anschliessend folgte eine weitere als Gärtner. Wie bereits bei Hans Peter spielte der Alkohol auch in seiner Geschichte eine grosse Rolle: Er sei bereits in jungen Jahren ein Pegeltrinker gewesen, erzählt er. „Am Morgen wachte ich mit zittrigen Händen auf, erst nach einigen Schlucken ging es wieder. So gelangte ich durch den Tag, bis am Abend – in den schlimmsten Zeiten – drei Flaschen Whisky geleert waren.“

 

Auch er hat die Sucht inzwischen besiegt, geblieben ist das Leben auf der Gasse. Seit seinem 23. Lebensjahr lebt er bereits draussen: „Zieht man die Zeit in den Notschlafstellen und anderen Unterkünften ab, waren dies rund 18 Jahre ohne Obdach“, rechnet Furrer vor. Noch heute schläft er im Winter draussen – wo genau, möchte er nicht verraten, schliesslich wolle er alleine bleiben. Im Sommer jedoch zieht er in eine Unterkunft, denn dann sei das Leben als Obdachloser gefährlich. „Überall betrunkenes Partyvolk“, erklärt er.

 

Aber auch in den kalten Wintermonaten birgt die Gasse so einige Gefahren: Ewald erzählt, wie er einmal nach ein paar Bierchen einschlief und hinter eine Parkbank fiel. Nur mit viel Glück wurde er gefunden – und so vor dem Erfrierungstod gerettet. Er erzählt die Szene mit viel Humor und gewohnt professionell, doch die Besucher macht die Anekdote nachdenklich. Denn sie zeigt eindrücklich, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod auf der Strasse oftmals ist.

 

Fakten und persönliche Erfahrungen

Nach einem ersten Stopp in der Sunestube, einem Projekt der Sieberwerke, gelangt die Gruppe zum Ambulatorium Kanonengasse. Im langen, weissen Gebäude bietet der stadtärztliche Dienst ein umfangreiches medizinisches Angebot für randständige Menschen. Die Behandlungen reichen von zahnärztlichen Routineuntersuchungen bis zu gynäkologischen Beratungen für Frauen. Ewald und Hans Peter ergänzen die Fakten mit eigenen Erfahrungen, denn beide kennen das Ambulatorium persönlich.

 

Als die beiden einen der Auslöser für die Gründung im Jahre 1986 nennen, damals trug es noch den Namen „Krankenzimmer für Obdachlose“ oder kurz KFO, macht sich erschrockene Betroffenheit breit: Eine drogensüchtige Mutter hatte ihr Kind auf dem WC einer Kontakt- und Anlaufstelle für Drogensüchtige, auch „Fixerstübli“ genannt, geboren. Aus schierer Verzweiflung warf sie das Neugeborene anschliessend aus dem Fenster. Erst da realisierten die Verantwortlichen der Stadt, dass dringend Handlungsbedarf bestand.

 

Spritzenset für zwei Franken

Der nächste Halt erfolgt vor einem Zigarettenautomaten, wie man ihn heute nur noch aus alten Filmen kennt. Das beige Ungetüm spuckt inzwischen auch keine Zigaretten mehr aus, stattdessen können Abhängige für zwei Franken zwei saubere Spritzen inklusive Zubehör beziehen. Obwohl die Zeiten des „Needle Parks“ auf dem Platzspitz glücklicherweise der Vergangenheit angehören, gebe es auch heute noch eine Drogenszene, erzählt Hans Peter. Neben den rund 3500 Personen in kontrollierten Abgabeprogrammen würden immer noch viele Menschen ihren Stoff direkt bei Dealern beziehen. Gerade Zürich sei ein beliebter Platz, denn die Drogen seien billig, oftmals gestreckt – in unglücklichen Fällen durch Rattengift, das sofort zum Tod führt.

 

„Nicht beten, sondern handeln“

Bei der nächsten Station, dem Chrischtehüsli, erwartet Emmanuel Parvaresh die Gruppe. In einem Schulzimmer, in dem Deutschkurse für Immigranten angeboten werden, beginnt er, seine Geschichte zu erzählen: Nach der Flucht aus seinem Heimatland Iran lebte er während sieben Jahren in Gefangenschaft bei der Hisbollah Dinge am Rande des Erträglichen. Doch heute sei er dankbar, denn Gott habe ihn hierher gebracht.

 

Nun betreibt der kleine Mann mit dem warmherzigen Lächeln zusammen mit über 40 Mitarbeitern Gassenarbeit. Das Ganze verläuft unbürokratisch, man wolle praktisch helfen, erzählt Parvaresh. „Mich macht es wütend, wenn Gläubige sagen: Wir beten für euch.“ Beten sei schön, aber Gott habe mit Nächstenliebe etwas anderes gemeint. Für Parvaresh klar: „Wir müssen handeln.“ Im geräumigen Haus an der Cramerstrasse erhalten Bedürftige Hilfe aller Art. Die Unterstützung reicht von der Kleiderbeschaffung bis zur Aufnahme von Menschen durch Mitarbeiter. Der christliche Glaube und die damit verbundenen Werte sind hier omnipräsent: „Wir Menschen brauchen einander, wir müssen unsere Herzen öffnen“, meint Parvaresh.

 

Wenn das Milieu zu „gassig“ wird

Auf dem Weg zum letzten Stopp des Rundgangs machen Furrer und Meier kurz Halt auf einer Brücke. „Unter den Obdachlosen pflegt man zu sagen, man mache den Bogen. Das bedeutet, man schläft unter einer Brücke“, erklären die beiden. Es sind diese Anekdoten, die die Führungen zu einer speziellen Erfahrung machen. Denn sie zeigen, dass die beiden Stadtführer nicht nur über das „andere Zürich“ erzählen, sondern mitten darin ihr eigenes Leben bestreiten.

 

Beim Suneboge angekommen, geniesst die Gruppe dankend den warmen Kaffee und die Sitzgelegenheit. Währenddessen führt der Leiter Arbeit/Kultur beim Suneboge, Christoph Betulius, in das Konzept der Institution ein. Die Arbeits- und Wohngemeinschaft Suneboge wird durch einen unabhängigen Verein getragen und bietet Menschen mit Suchtproblematik einen Lebensraum mit Tagesstrukturen. Sie finden hier einerseits eine unbefristete Wohngelegenheit, andererseits bietet sich die Möglichkeit eines geschützten Arbeitsplatzes.

 

Die Betreuung erfolgt durch ein Team aus Sozialarbeitern, unterstützt von zwei psychiatrischen Pflegefachkräften. Ein Teil der Bewohner bilde den harten Kern der Gemeinschaft, einige davon lebten bereits seit Jahrzehnten in der Gemeinschaft, erzählt Betulius. Dabei komme es auch immer wieder zu Konflikten zwischen den alten Hasen und Neulingen. „Einige der langjährigen Bewohner beschweren sich jeweils lautstark, wenn das Milieu zu ‚gassig‘ wird.“ So werde es beispielsweise sofort gemeldet, wenn Personen im Haus mit Drogen dealen.

 

Inzwischen sind die Kaffeetassen leer und die Finger wieder aufgewärmt. 45 Minuten später als geplant beenden Ewald und Hans Peter die Führung. Nach einigen letzten Fragen und Komplimenten für die beiden zerstreut sich die Gruppe wieder, jeder geht seinen gewohnten Weg. Eines jedoch haben alle gelernt: Es gibt auch ein Zürich abseits der Bahnhofstrasse, der Banken und des Wohlstands. Und vielleicht denkt der eine oder andere beim nächsten Spaziergang über die Quaibrücke auch an jene von unten, die „den Bogen machen“.

 


 

Die Surprise-Mitarbeiterin Sybille Roter initiierte das Projekt „Soziale Stadtrundgänge“ 2013 in Basel. Nach grossem Erfolg und fast durchwegs positiven Rückmeldungen in der Rheinstadt gelangte die Idee im Januar 2014 unter der erneuten Leitung von Roter und der Theaterpädagogin Nicole Stehli auch nach Zürich. Seit der ersten Tour im Oktober 2014 wurden bereits über 100 Führungen durchgeführt. Angeboten werden dabei sechs verschiedene Programme, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Randständigkeit und strukturellen Armut befassen. Dabei geht es laut Sybille Roter vor allem darum, Vorurteile abzubauen und ein Verständnis dafür zu vermitteln, was ein Leben auf der Strasse bedeutet und wie es in einem reichen Staat wie der Schweiz überhaupt dazu kommen kann. Zudem bringe das Projekt auch Vorteile für die Stadtführer selbst. So könnten diese während der intensiven Vorbereitung lernen, ihre Biographie zu reflektieren und dadurch von der Opfer- in die Expertenrolle zu wechseln.