Gesellschaft | 06.03.2015

Ein Dach für jeden

Text von Auline Sanchez | Bilder von Auline Sanchez)
Jedes Jahr in den kalten Wintermonaten öffnet der Pfuusbus in Zürich seine Türen und bietet allen Obdachlosen eine warme Übernachtung und Mahlzeit. Dies ist ein Angebot der Sozialwerke Pfarrer Siebers und hat in Zürich eine wichtige Bedeutung. Tink.ch war einen Tag lang zu Besuch im Pfuusbus.-¨
Der Pfuusbus hat seine Zelte auf einem grossen Platz an der Üetlibergstrasse aufgeschlagen. (
Bild: Auline Sanchez)

Der Pfuusbus ist Teil der Sozialwerke Pfarrer Siebers. Vom November bis April bietet der Bus all jenen, die kein Dach über dem Kopf haben, eine abendliche Mahlzeit, einen warmen Schlafplatz und Beisammensein. Er schützt die Besucher in den kalten Monaten vor dem Erfrieren. Ab 19 Uhr öffnet der Bus seine Türen. Freiwillige und Besucher kochen und essen gemeinsam, für alle hat es eine Matratze mit Schlafsack bereit.

 

Der Pfuusbus befindet sich in Zürich auf einem grossen Platz an der Üetlibergstrasse. Schon von weitem ist der grosse, weisse Bus mit dem Leuchtstern erkennbar. Mit den ÖV oder auch zu Fuss ist der Bus gut erreichbar. Einmal im Monat und an Feiertagen bleibt der Pfuusbus auch am Tag offen. Die Besucher dürfen dann liegen bleiben, Spiele spielen, essen und die Wärme geniessen. Der Tag erhält Struktur. An allen anderen Tagen schliesst der Bus um 9 Uhr, nach dem Frühstück, seine Türen wieder. Alle persönlichen Gegenstände müssen mitgenommen werden.

 

Der Bus gilt nicht als Abstellplatz. Die meisten Besucher sind äusserst freundlich und anständig. Die einen wollen mithelfen, andere geniessen die Ruhe. Die Mehrheit freut sich über offene Ohren, viele erzählen von ihrer Vergangenheit. Als Koch einst erfolgreich, berichtet einer der Besucher von gelungen Rezepten. Dann spricht er wieder mit sich selbst. Trinkt Kaffee mit sieben Löffeln Zucker darin.

 

Halt finden im Bus

Die meisten der Besucher konsumieren Drogen, und die meisten sind durch eine Aneinanderreihung von Zufällen und Pechsträhnen in die Drogen und auf die Strasse geraten. Der Pfuusbus versucht sie aufzufangen, gibt ihnen grundlegende Dinge wie Nahrung und Wärme. In ihm kann man sich wohlfühlen, es herrscht eine familiäre Stimmung.

 

Dennoch gibt es strenge Regeln, an die sich jedermann zu halten hat. Kein Konsum von Drogen oder Alkohol im Bus, keine verbale oder körperliche Gewalt und keine sexuellen Übergriffe. Wer sich nicht an diese Regeln hält, bekommt keinen Zutritt mehr in den Bus.

 

Trotz den vielen anständigen und ruhigen Besuchern kommt es hin und wieder zu Auseinandersetzungen oder nicht kontrollierbaren Situationen. Da die Helfer in solch extremen Fällen nicht selbst eingreifen können, ist es hilfreich, dass sich der Polizeiposten und die Krankenwagenstation nur wenige Minuten entfernt vom Bus befinden. Ein Anruf genügt, und die Polizisten und Sanitäter stehen kürze Zeit später im Bus.

 

Zuhause im Pfuusbus

Der Pfuusbus besteht aus einem Lastwagen mit einem davor gespannten Zelt, wo sich auch gleich der Eingang befindet. Nach dem Eintreten sieht man linkerhand ein langer Tisch mit Bänken, hier wird zu Abend gegessen und gefrühstückt. Unmittelbar dahinter liegen zirka 30 Matratzen in zwei Reihen symmetrisch nebeneinander. Auf jeder liegt ein Schlafsacken und eine Wolldecke bereit. Mittendrin steht eine Treppe, welche zum Lastwagen hochführt.

 

Eine kleine Küche mit einer Essecke ziert das erste Abteil des Busses. Kitschige Girlanden verleihen dem Raum ein frohes Klima. Durch eine Holztür gelangt man in einen kleinen Raum, mit acht Betten für Frauen, Personen ohne Suchtprobleme oder für jene, die im grossen Schlafraum nicht zurechtkommen. Zuhinterst im Lastwagen – wieder durch eine Holztür abgetrennt – befindet sich ein Schlafraum für die Hüttenwarte und Personen, für die der Pfuusbus ein Zuhausegeworden ist. Der Bus ist ziemlich eng, man kommt knapp aneinander vorbei. Doch die Atmosphäre im Bus ist meist angenehm und gemütlich. Überall im Pfuusbus ist es sehr warm, für die Besucher genau richtig, um sich aufzuwärmen. Für Helfer und Gäste jedoch etwas zu warm.

 

Ausserhalb des Busses gibt es eine Toilette und einen Vorratsraum mit Lebensmitteln, welcher mit Spenden gut gefüllt ist. Der Pfuusbus, wie auch alle anderen Sozialwerke des Pfarrer Siebers, kommt einzig und allein durch Spenden in jeglichen Formen wie Geld, Nahrungsmittel, Kleidung oder Zeit zustande. Die Helfer im Bus sind alles Freiwillige. Einfühlsamkeit, keine Scheu vor körperlicher und seelischer Nähe und das Mindestalter von 20 Jahren sind die einzigen Voraussetzungen, die mitgebracht werden sollten.

 

Mittendrin

Nach Angaben des Hüttenwarts haben die meisten Besucher des Pfuusbusses Geldprobleme, sind drogen- oder alkoholabhängig. Die Anzahl der psychisch Kranken steige immer mehr. Doch haben alle etwas gemeinsam. Sie alle sind verloren in der Einsamkeit, in einer überfüllten Welt, in der sie nicht ernstgenommen werden, obwohl sie einiges mitzuteilen hätten.

Mitten in einer Welt der scheinbaren Ordnung und Gesundheit, der Normalität und des Alltags befindet sich dieser Bus. Er ist ein Symbol eines für uns unsichtbaren Teils der Gesellschaft. Im Pfuusbus findet zumindest ein kleiner Teil genau dieser Menschen Platz, die nicht so viel Glück haben im Leben.