Gesellschaft | 04.03.2015

Bei der Bildung müsste gespart werden

Text von Louisa Merten
Wie viel Sinn macht die Familieninitiative der CVP und was sind ihre Auswirkungen auf das Bildungssystem? Sollte man sie annehmen oder ablehnen? Über solche Dinge scheiden sich die Geister. Zeit, sich mal eine andere Sicht der Dinge zu verschaffen.

Kinder haben will wohl überlegt sein, denn der Nachwuchs kostet schnell an die 1000 Franken pro Monat. Wenn das kleine Glück im Doppelpack vorhanden ist, kann dies Familien monatlich sogar bis zu 1600 Franken zu stehen kommen. Deshalb bekommen erwerbstätige Eltern 200 bis 250 Franken Familienzulagen vom Arbeitgeber zum Monatslohn dazu. Gut situierte Familien müssen aber 20 Prozent von diesem Geld in Form von Steuern an den Staat abgeben. Schluss damit, findet die CVP.

 

3,3 Milliarden Franken Steuerausfälle

Die Familieninitiative, über welche am 8. März abgestimmt wird, will Abhilfe schaffen, Familienzulagen sollten nicht mehr versteuert werden. So weit, so gut. Doch wo werden die eingesparten Steuern fehlen? Die Frage ist berechtigt, denn es geht um Steuerausfälle in Höhe von bis zu 3,3 Milliarden Franken, wie die „Schweiz am Sonntag“ anfangs Februar berechnet hatte. Sparmassnahmen sind vorprogrammiert. Das bedeutet weniger Investitionen in Schule, Strassenverkehr, Polizei, Sozialleistungen et cetera.

 

Wenn erneut die Schulen von Sparmassnahmen betroffen sind, wie es im Kanton Bern der Fall ist, werden noch mehr Lehrpersonen entlassen, zusätzliche Klassen geschlossen, mehr Material eingespart und Unterrichtsstunden gestrichen. Und dies, weil das Geld, das man vorher in die Ausbildung investiert hatte, nunmehr fehlt. Schüler wissen nur zu gut, wovon die Rede ist.

 

Sparmassnahmen für kleines Taschengeld

Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Wenn die Kinder vom Mathelehrer in Geschichte unterrichtet werden, weil sich der Kanton keinen Geschichtslehrer mehr leisten kann, wie viel lernen Schülerinnen und Schüler dann überhaupt noch? Man bedenke, dass diese Probleme von mickrigen 40 bis 50 Franken herrühren, die den reicheren Familien dank der CVP-Initiative monatlich zusätzlich zur Verfügung stehen. Ist es dieses Taschengeld wirklich wert, 3,3 Milliarden Franken Steuerausfälle hinzunehmen?

 

Unser Bildungssystem ist schon jetzt von Sparmassnahmen betroffen. Wenn die Schüler aufgrund mangelnder Fachlehrkräfte kein höheres Niveau mehr erreichen, könnte die Schweiz für viele namhafte Firmen und Grosskonzerne an Attraktivität verlieren. Falls sich die Sparmassnahmen auch noch auf die Universitäten ausweiten, die international einen guten Ruf geniessen, verlieren wir die einzige Stärke, die wir haben: Das hohe Bildungsniveau und die grosse Innovationskraft. Konzerne sorgen für einen wesentlichen Teil der Steuereinnahmen.

 

Initiative erreicht das Gegenteil

Im schlimmsten Fall erreicht die Familieninitiative der CVP mittel- bis langfristig das Gegenteil ihres Zieles: Wenn die staatlichen Schulen immer weniger Geld haben, werden reiche Familien ihre Kinder einfach an Privatschulen oder private Universitäten schicken. Ärmere Familien könnten sich das allerdings nicht leisten, gute Ausbildung und Erfolg sind also – wie früher – wieder abhängig vom sozialen Status und bleiben nur den Wohlhabenden vorbehalten.