Kultur | 13.02.2015

Spiel mir das Spiel vom Tod

Text von Kathiana Meyer | Bilder von Caspar Urban Weber
Regisseur Tom Kühnel bringt den Film "Alpen" von Yorgos Lanthimos im Zürcher Theater Neumarkt auf die Bühne. Das Stück radikalisiert den Film und reflektiert dabei nicht nur die Möglichkeiten und Missstände des Bühnentheaters, sondern zeigt auch auf, was Rollenspiel im Alltag leisten kann.
Wenn das Original entschwindet, bleibt nur der Schatten.
Bild: Caspar Urban Weber

Ein Sanitäter rollt eine Bare durch den Gang eines steril eingerichteten Krankenhauses. Auf der Bare eine blutüberströmte Frau, Opfer eines Verkehrsunfalls. Bald wird sie sterben – so die Worte des Sanitäters. Doch wie um diese Behauptung Lügen zu strafen, reisst sich die Verunfallte die Verbände vom Kopf und springt vom Krankenbett auf. Ein Kunstturnerband durch die Luft schwingend tanzt sie davon. Spätestens hier wissen wir es wieder: Wir sind im Theater, wo Schauspieler nur so tun als ob und niemand wirklich stirbt. Das Blut ist weg und nur noch die rote Farbe des Kunstturnerbandes verweist symbolisch auf den Tod, der zuvor so nahe schien.

 

Das Geschäft mit dem Tod

In der heutigen Wegwerf-Gesellschaft, in der alles ersetzt werden kann, hat ein vierköpfiger Geheimbund zielsicher eine Marktlücke entdeckt. Das Geschäftsmodell ist einfach und wird den Eltern einer verstorbenen Tennis-Spielerin folgendermassen erläutert: “Jetzt muss ich Ihnen etwas Erfreuliches sagen: Ich kann ihre Tochter ersetzen. Ihre Trauer kann gemildert werden und nach einer Weile wird sie komplett verschwinden.” Und als Zückerchen obendrauf: “Die ersten vier Besuche werden nicht verrechnet.” Bereits bei der Unterbreitung des Angebots trägt das Geheimbund-Mitglied mit Codenamen “Monte Rosa” (Yanna Rüger) das Schweissband der Verstorbenen am Arm: Das Rollenspiel hat begonnen. Die rote Farbe des Bandes verweist zwar noch auf den Tod, zugleich ist die Tote hier aber bereits im lebenden Ersatz wiederauferstanden. Bemerkenswert ist, dass das Original fehlt: Das Leben der verstorbenen Tennis-Spielerin bekommen wir nicht zu Gesicht, nur deren Imitat.

 

Schauspieler spielen Schauspieler

Dass es sich bei den vier Mitgliedern des Geheimbundes um Schauspieler handelt, machen die Statuten des Bunds deutlich: Intime Beziehungen zu Kunden sind verboten, denn Spiel darf nicht zu Ernst werden. Wie im realen Schauspielerleben gilt zudem: Ein grosses Repertoire erhöht die Wahrscheinlichkeit auf den Zuschlag. Weiter dürfen die Mitglieder nicht ohne Erlaubnis ihre äussere Erscheinung ändern; gar eine Gewichtszunahme ist strengstens verboten. Der Körper wird hier zum Besitztum des Bundes, über welchen den einzelnen Mitglieder keine Verfügungsgewalt mehr zukommt. Schliesslich müssen die Mitglieder sich mimisch überzeugend ausdrücken können; Trauer, Freude, Verzweiflung etc. All dies liest sich als – zum Teil kritische – Reflexion auf die Berufsbedingungen eines Schauspielers.

 

Die Alpen sind doch ersetzbar

Weshalb nennt sich der Geheimbund “Alpen”? Mont Blanc (Maximilian Kraus), Kopf des Bundes, erklärt: “Erstens lässt der Name keine Schlüsse auf den Zweck des Bundes zu. Zweitens können die Alpen nicht durch andere Berge ersetzt werden.” Ersteres bewahrheitet sich in letzterem: Die Behauptung, die Alpen seien nicht ersetzbar, verhöhnend, formieren sich die vier Schauspieler zu einem gewaltigen Alpenmassiv. Der Schattenwurf der Nasen versinnbildlicht detailgetreu ein sonnenbeschienenes Felsmassiv. Die Alpen wurden erfolgreich durch die “Alpen” ersetzt.

 

Das Schauspiel führt dem Zuschauer wiederholt mit aller Deutlichkeit vor Augen, dass er im Theater sitzt. Brecht hätte seine Freude daran: Ein junger Mann mit schlecht sitzender Perücke mimt eine blinde Alte – deutlicher könnte der Verfremdungseffekt nicht sein. Monte Rosa und Matterhorn (Martin Butzke) treten mit ausdruckslosen Gesichtern dazu. Die Blinde affektiert: “Ihr habt mir gefehlt!” Matterhorn kündigt an, er müsse ins Büro. Und bleibt nach dem Abschiedskuss am Bühnenrand stehen, wo er gelangweilt den nächsten Auftritt abwartet. “Lies mir was vor”, fordert die Alte. Monte Rosa nimmt ein Heft und tut so, als läse sie vor; den Text kennt sie auswendig, das Heft in der Hand verkommt zum Requisit. Die Alte formt mit den Lippen verzückt den Wortlaut nach; auch sie kennt das offenbar schon mehrfach geprobte Theaterskript längst auswendig. Schaurige Musik im Hintergrund untermalt die absurde Szenerie.

 

Berthold Brecht wäre begeistert

Die Reduktion auf vier Schauspieler ist in diesem Kontext kein Mangel, sondern Gewinn. Indem nicht nur die Verstorbenen, sondern auch die noch lebenden Hinterbliebenen von Schauspielern verkörpert werden, wird das Spiel mit dem Ersatz auf die Spitze getrieben: Nicht nur der zu ersetzende Tote, auch das noch lebende Original wird ersetzt. Das Theaterstück ist hier noch radikaler als der Film. Dass wir es nur mit Schauspielern auf einer Bühne zu tun haben, wird durch den grosszügigen Einsatz von Laiendarstellern noch evidenter: Deren akzentgefärbtes Deutsch kontrastiert scharf das näselnde Bühnendeutsch der Berufsschauspieler und betont dessen Künstlichkeit. Erneut hat man unwillkürlich Brechts lobendes Nicken vor Augen.

 

Abgerundet wird Brechts Verfremdungseffekt durch das Bühnenbild (Jo Schramm): Die Möbel sind in weissen Stoff eingepackt, als stünden sie noch im Theaterfundus. Und die mit unscharfen Schwarz-weiss-Fotos bedruckten Stellwände, die sich seitlich wegklappen lassen, tun gar nicht erst, als ob sie echte Wände wären, sondern geben sich freimütig als blosse Kulissen zu erkennen.

 

Aus Spiel wird Ernst

Obschon blosses Theater, das in seiner Künstlichkeit nicht überboten werden kann, lösen die Szenen bei den Hinterbliebenen echte Gefühle aus. Hier wird klar, weshalb sie dieses Spiel wollen: Die Nachstellung zentraler Erinnerungen ermöglicht den Hinterbliebenen deren Verarbeitung. Ein Zweck von Theater im Allgemeinen wird hier deutlich: Theater schafft durch die Wiederholung Distanz und Raum für Reflexion.

 

Dass Theater auch auf gefährliche Weise in Ernst umschlagen kann, wird klar, als die reife Schauspielerin Monte Rosa sich in den minderjährigen Jüngling verliebt, den sie bloss zum Spiel hätte verführen sollen. Der Ernst ist hier noch absurder als das Spiel: “Wassili ist jünger als ich, aber wir passen sehr gut zusammen.” Spiel wird auch zu Ernst, wenn die Turnerin (Janet Rothe), die den Tod bloss spielen sollte, plötzlich wirklich mit ihrem Leben Schluss machen will. Dies zeigt: Theater ist nicht nur folgenloser Spass. Die Grenze zwischen Spiel und Ernst verschwimmt, wenn der Ersatz zu überzeugend wird.

 

Intelligente Gesellschaftskritik

Nachdem Monte Rosa sich zu fest mit ihrer Rolle identifiziert hat, wird sie durch die Turnerin ersetzt, die nun ebenfalls einen schicken Tennis-Dress trägt. Gedoppelt auf der Bühne wird die Perversion dieser Ersatzmentalität deutlich: Fehler sind nicht erlaubt und persönliche Befindlichkeiten unbedeutend, solange Menschen jederzeit ersetzt werden können. Ebenfalls eine Regel, die sich auf unsere Welt übertragen lässt: Aufgrund des grossen Konkurrenzdrucks sind Schauspieler jederzeit ersetzbar. Selbstausbeutung liegt daher an der Tagesordnung.

 

Das einzig Authentische im Wust der inszenierten Künstlichkeit kommt zum Vorschein, als Monte Rosa ihre Bluse lüftet: Die Tattoos an ihrem Rücken und Oberarm haben definitiv nichts mit den Alpen im Stück zu tun. Ein Stück Realität schaut hier hervor, das auf eine aussertheatrale Welt verweist. “Doch gibt es diese Realität überhaupt?”, fragt sich der Zuschauer, dem gerade eindrücklich vor Augen geführt wurde, wie schwierig die Trennung zwischen Spiel und Realität ist. Gar der Zuschauer wird Teil dieses Bühnenstücks, wenn der um seine Geliebte trauernde Mann Brotwürfel ins Publikum wirft. Denn das dazu abgespielte Band verdeutlicht: Wir sind die schnatternden Enten, die in der Regel brav fressen, was uns im Theater vor die Füsse geworfen wird.