Gesellschaft | 13.02.2015

Einundvierzigster Brief aus Deutschland

Philipp Feldhusen und Peer Gahmert von Eine Zeitung haben die Nase voll von schlechten Nachrichten. Lieber würden sie die schönen Geschichten erzählen, doch die Anweisungen der Tink.ch-Redaktion sind strikt: Lob ist unerwünscht. Die beiden überwanden sich, trotzdem einen Brief zu schreiben.
(
Bild: Katharina Good)

Ehrlich gesagt, haben wir heute so gar keine Lust, uns mit Ihnen auseinanderzusetzen. Das Thema Schweiz und alles, was damit zu tun hat – Käse, Schokolade, Neutralität, Uhren, Geld etc. – hängt uns etwas zum Hals heraus. Seit letztem Frühjahr haben wir beinahe wöchentlich damit zu tun. Wie ätzend, echt.

 

Überhaupt: Eigentlich würden wir gerne mal über schöne Dinge schreiben. Über das, was gut läuft in der Welt. Aber dafür fehlt den meisten Redaktionen der Mumm und der Wille. Angeblich will das keiner lesen. Aber das ist nicht wahr! Wir selber sind ja auch Leser und Konsumenten von Medienerzeugnissen, und wir würden uns freuen, wenn wir mal nur Positives lesen könnten!

 

Immer diese zynische Scheiße, die wir Woche für Woche abgeben müssen, immer dieser Sarkasmus, der uns überheblicher erscheinen lässt, als wir tatsächlich sind, immer diese Ironie – wir wissen ja mittlerweile selber nicht mehr, wer wir wirklich sind! Wir sind doch MENSCHEN! Wir haben Gefühle, Sehnsüchte, wir lieben so vieles und dürfen nicht darüber schreiben.

 

Die Menschen sehnen sich doch nach Harmonie und Glückseligkeit. Warum wollen sie dann immer über Krieg, Leid, Unheil, Schweiz und Hass lesen? Ist es nicht viel schöner, die Zeitung aufzuschlagen und zu lesen, dass es erneut zu Massenumarmungen des IS an Ungläubigen kam, wiederholt keine Autounfälle auf deutschen – oder unseretwegen auf Schweizer – Straßen zu verzeichnen sind und eine Gruppe von Jugendlichen freiwillig einer alten Dame ihren Platz in einer U-Bahn angeboten hat?

 

Fühlen nicht auch Sie sich weitaus besser, wenn Sie jede Woche einen Brief aus Deutschland bekämen, in dem wir uns vor Lob und Anerkennung für Ihr Land kaum noch bremsen können? In dem wir schreiben, wie toll die Schweiz und wie nett jeder einzelne von Ihnen ist?

 

Tja, aber so funktioniert die Welt offenbar nicht.

 

Die Tink-Redaktion hat uns klare Anweisungen gegeben. Lob ist unerwünscht. Und auch die übrige Medienlandschaft beruft sich auf § 34, Absatz 2b des JGB (Journalistengesetzbuch): «Die Welt ist schlecht. Machen Sie das den Bürgern klar!“

 

Wir wollen das nicht mehr. Wir haben schon lange keine Lust mehr, auf der Straße wegen unserer tollen Witzchen und subtilen Satiren angelächelt und geknutscht zu werden. Wir wollen angelächelt und geknutscht werden, weil wir die schönen Seiten des Lebens erzählen und verbreiten. Zum Beispiel neulich im Aargau, dieser nette alte Mann, der einem Postboten ein „Dankeschön“ hinterhergerufen hat. Oder dieser perfekt integrierte Albaner in Bern, der die Schweiz wieder verlässt und damit wieder Platz macht für Schweizer Arbeitslose.

 

Es gibt so viele schöne Geschichten. Gehen wir es gemeinsam an. Es kann langweilig werden. Ja. Aber so ist die Schweiz nunmal.

 

 

Liebe Grüße,

 

Ihr Deutschland.