Gesellschaft | 24.02.2015

„Ich wurde glücklicher, indem ich Anderen schadete“

Text von Yves Jäggi
Oft liest man über Einbrüche und Gewaltverbrechen von Jugendlichen, die nicht einmal sechzehn Jahre alt sind. Wie gehen diese mit ihrer Delinquenz um? Der 23-jährige Daniel P.* gestattet Tink.ch einen Einblick in sein Leben und erzählt, wie er mit dem Gesetz in Konflikt kam.
Einbrüche, Raubüberfälle und illegaler Waffenbesitz: Der junge Daniel P. verbrachte vier Jahre in einem Massnahmezentrum. (Symbolbild: Uwe Schlick / pixelio.de)

Das Hämmern des Pulses in seinem Kopf beunruhigte ihn keinesfalls. Es war mehr ein Ansporn für seine folgende Handlung. Die Vorstellung, seine Faust in das Gesicht seines Gegners zu rammen, setzte sich in seinem Kopf fest. Dabei merkte er  nicht, wie er sein Opfer fixierte. Die Augen der beiden trafen sich.

 

Daniel P. wuchs in einem ärmeren Viertel im Norden Portugals auf, wo fliessendes Wasser und Strom nicht zur Tagesordnung gehören. Der Alltag seiner Kindheit war von Strassenfussball und Familientreffen geprägt: „Bei uns waren die Türen immer offen,  im Dorf kannten wir uns alle.“

 

Im Jahr 2000, als Daniel neun Jahre alt war, zog er mit seinen jüngeren Geschwistern, seiner Mutter und seinem Stiefvater in die Schweiz.

 

Wie waren für dich die ersten Monate in der Schweiz?

„Ich  habe nichts verstanden, konnte nichts lesen und fand alles komisch und nicht real. Ich musste einen dreimonatigen Deutschkurs machen, um in die Schule gehen zu können. Doch trotzdem konnte ich mich kaum ausdrücken oder verständigen. Ich war wütend, traurig und hilflos.“

 

Wie bist du damit umgegangen?

„In der Schule habe ich mich mit gleichen Leuten zusammengetan. In meiner Klasse waren noch andere Portugiesen mit derselben Geschichte. Es passierte, dass wir den anderen in unserer Klasse Schaden zufügten. Wir klauten ihre Sachen oder machten sie kaputt.“

 

Warum wolltest du anderen Schaden zufügen?

„Ich empfand es als gerecht, die anderen zu verletzen. Ich war immer wütend, neidisch und eifersüchtig. Ich konnte nie verstehen, warum die Anderen so glücklich sein durften und ich nicht. In der Schule waren die Lehrer unzufrieden und verständigten meine Eltern. Dazu kam, dass ich in der Freizeit Streitereien mit Schulfreunden hatte. Ich beschädigte Autos und Fenster. Zu Hause wurde ich daraufhin von meinem Stiefvater geschlagen, bedroht und beleidigt. Indem ich Anderen schadete, wurde ich glücklicher.“

 

Gewalt formt sich früh

Laut einem Therapeuten sind für die spätere Straffälligkeit von Jugendlichen oft die Familienverhältnisse von entscheidender Bedeutung. Das spätere Verhalten eines Kindes wird am meisten durch die nächststehenden Personen, gewöhnlich Mutter und Vater, beeinflusst. Auch die Kindheit von Daniel P. wurde von Gewalt geprägt.

 

Als Daniel fünfzehn wurde, hatte sich seine Situation kaum verbessert. Dennoch war er gut in der Schule. Seine Mutter und sein Stiefvater trennten sich. Damit war für Daniel sämtliche Kontrolle weg, da die Mutter nun alleinerziehend war und sich um die jungen Geschwister kümmern musste. Er konnte tun, was immer er wollte.

 

Was änderte sich, als sich deine Schulzeit dem Ende zuneigte?

„In der Zeit wurde für mich das Geld wichtig. Im Jugendtreff spielten wir darum. Später fing ich an zu kiffen. Die Situation wurde nur schlimmer, seit ich in der Schweiz war.“

 

Wie wirkte sich das auf deine Kriminalität aus?

„Ich war schon mit Zwölf auffällig. Damals waren Beschädigungen im Vordergrund. Einbrüche machte ich mit Fünfzehn. Ein Jahr später startete ich eine Lehre, die ich nach einem Monat abgebrochen habe.   Es folgten Einbrüche, Raubüberfälle und illegaler Waffenbesitz. Ich hatte über hundert Anzeigen.“

 

Abläufe im Jugendstrafrecht

Laut Bundesamt für Statistik gibt es eine Standardverfahrensliste für kriminelle Jugendliche. Es kommt erst zu einer Anklage, die bei Minderjährigen zur Jugendanwaltschaft führt. Diese entscheidet dann, wie weiterverfahren wird. In der Regel findet zuerst eine Beobachtung durch eine Einrichtung statt, die dann der Jugendanwaltschaft Bericht erstattet, wie sie den Jugendlichen erleben. Durch ein sogenanntes psychologisches Gutachten kann aufgezeigt werden, wie es mit dem straffälligen Jugendlichen weitergehen könnte.

 

Du stehst kurz vor deiner Entlassung aus dem Massnahmenzentrum. Wie siehst du deine Vergangenheit?

„Ich habe mich sehr verändert in den letzten vier Jahren. Dennoch würde ich die Vergangenheit nicht ändern, denn sie macht aus, was ich jetzt bin. Ich bereue mein Verhalten gegenüber meiner Familie, die alles miterleben musste. Ich konnte zu meinen jüngeren Geschwistern kaum eine Beziehung aufbauen, da ich fünf Jahre von ihnen getrennt war. Dies hätte ich ihnen gerne erspart.“

 

Wirst du je wieder kriminell werden?

„Das ist nicht mein Ziel. Ich habe viel gelernt über mich und habe einen Umgang mit meinen negativen Gefühlen gelernt. Ausserdem werde ich ausgewiesen, wenn ich mir noch einen Fehltritt erlaube.“

 

Perspektive

Daniel P. wird voraussichtlich im März 2015 entlassen. In seiner Massnahme konnte er eine Lehre als eidgenössisch-diplomierter Maler abschliessen. Die Massnahme dauerte vier Jahre und beinhaltete nebst der Lehre zum Maler eine psychotherapeutische Behandlung sowie eine Betreuung durch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Daniel ist nun dabei, sich für seine Zeit nach der Massnahme vorzubereiten. Auf die Frage, was er als erstes vorhabe, antwortet er: „Wenn möglich reise ich nach Portugal, um meine Verwandten zu besuchen. Danach möchte ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen.“

 


 

*Name der Redaktion bekannt.