Gesellschaft | 10.02.2015

Die bequeme Unmündigkeit

Text von Patricia Zwahlen | Bilder von Lukas Blatter)
Stellen sie sich eine Gesellschaft vor, in der jeder einzelne Bürger abstimmen geht, eine Gesellschaft, in der alles wissenschaftlich hinterfragt wird, eine Gesellschaft, in der die Medien nur wahrheitsgetreu berichten. Trifft das auf die Schweiz zu? Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter?
Eine Voraussetzung für ein aufgeklärtes Zeitalter ist der Zugang zu Informationen. (
Bild: Lukas Blatter)

Mit dem heutigen politischen System der Schweiz und dem Zugang zu Informationen haben wir in der Schweiz die besten Voraussetzungen aufgeklärt zu leben. Immanuel Kant definierte 1784 die Aufklärung als die Fähigkeit, “sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.” Auch mit besten Voraussetzungen muss Mann und Frau also bereit sein, sich aus seiner Komfortzone zu lösen, um etwas in der Welt bewirken, oder sie vielleicht sogar verbessern zu können.

 

Medienkonsum mit Verstand

Eine Voraussetzung für ein aufgeklärtes Zeitalter ist der Zugang zu Informationen. In der Schweiz haben wir sogar den Luxus, uns von mehreren Medien bedienen zu können. Dies ist wichtig, um sich ein eigenes Bild der Welt machen zu können. Durch Radionachrichten, die abendliche Tagesschau im Fernseher, ergänzt von verschiedenen Zeitungen und dem Internet werden uns sehr viele Informationen geliefert. Dabei besteht jedoch das Problem, dass uns die Medien falsche oder verzerrte Informationen verkaufen können. Wer daraus resultierende Missverständnisse und Gerüchte verhindern will, kann sich jederzeit mehrere verschiedene Stimmen anhören, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Der Konsum von Medien erfordert also vernünftiges Handeln und die Nutzung unseres Verstands.

 

Gelebte Demokratie geht anders

Ausserdem können wir auch nur so die in der Schweiz vorhandene Demokratie ausleben. Die Idee der Demokratie ist, dass alle eine Meinung haben können und diese auch mitteilen dürfen. So können alle Schweizer Bürger und Bürgerinnen an die Urne gehen und ihre Stimme abgeben. Unter anderem mit der Einführung des Frauenstimmrechts sind wir deutlich aufgeklärter als in früheren Zeiten, denn die eigene Meinung bildet eine wichtige Grundlage für das Aufgeklärt-Sein. Doch was bringt uns dies alles, wenn bei politischen Entscheiden die Stimmbeteiligung meist nicht mal fünfzig Prozent erreicht?

 

Wo bleibt die Eigeninitiative?

In der Schule lernen wir, uns diese eigene Meinung zu bilden. Das Kreieren von eigenen Gedanken soll gefördert werden. Dabei wird uns nicht vorgeschrieben, wie wir denken sollen, sondern werden vielmehr dazu aufgefordert, Eigeninitiative zu ergreifen. Dies ist eine wichtige Grundlage für eine aufgeklärte Gesellschaft, doch mit einer Stimmbeteiligung unter fünfzig Prozent ist die Eigeninitiative offensichtlich bei vielen nicht vorhanden.

 

Trotz all der guten Voraussetzungen, wie der Demokratie, der Bildung und des Zugangs zu verschiedenen Informationsquellen, die uns die Schweiz bietet, wird der Eindruck einer aufgeklärten Gesellschaft schlussendlich noch vermisst. Vor allem junge Menschen scheinen nicht zu realisieren, was sie mit ihrer eigenen Meinung alles bewirken können. Fehlt das nötige Eigenvertrauen, Licht ins Dunkle bringen zu können? Oder lebt man heute schlicht lieber bequem und unmündig?