Kultur | 23.02.2015

Der Schweizer Kinofrühling nimmt Fahrt auf

«Driften" ist eine filmische Intervention gegen jugendliche Raserei, die fast ganz ohne Oberflächlichkeiten und Strassenrennen auskommt.
Max Hubacher überzeugt in "Driften" als Ex-Knasti und Temposünder Robert Felder. (
Bild: zvg)

Robert Felder (Max Hubacher) hat seine Gefängnisstrafe wegen Rasens am Steuer abgesessen. Er kehrt in seinen Heimatort zurück, um ein neues Leben zu starten. Gelingen will ihm dies nur schwerlich. Denn an seinem getunten VW-Golf hängt er ebenso, wie an den vermeintlichen Freundschaften aus der Raser-Clique und der Beziehung zu Tamara (Jessy Moravec). Mit einer Ausbildung und Englisch-Unterricht findet Robert zwar Halt, doch auch seine Lehrerin Alice Keller (Sabine Timoteo) hat mit ihrer Vergangenheit, als Mutter ihr eigenes Kind verloren zu haben, noch nicht abgeschlossen, als Robert in ihr Leben tritt. Und so läuft nicht nur er Gefahr, in dieser temporeichen Schweizer Produktion, die Kurve nicht zu kriegen.

 

Vergangenheitsbewältigung ohne Klischee und Vorurteile

Das Team um Regisseur Karim Patwa traut dem Publikum mit „Driften“ einiges zu. Der Film lässt über weite Strecken Interpretationsspielraum, wo einen andere Drehbücher so eng an der Hand nehmen, wie Mütter ihre Kleinkinder im Strassenverkehr. Doch ausgerechnet in seinem stärksten Moment lässt „Driften“ genau diese Qualität vermissen. In einem grandios geschriebenen und umgesetzten Spiel im Spiel lösen sich die Wirren in „Driften“ auf. Um – wie es scheint – auf Nummer sicher zu gehen, schiebt Patwa dem Höhepunkt seines Films allerdings dreissig Sekunden von der Tiefgründigkeit eines mittelmässigen Tatorts hinterher. Die Rollen werden mit einer Identitätskarte klar verteilt.

 

In den übrigen 92 Minuten überzeugt der Film aber durchwegs: Die Atmosphäre, mal düster, mal witzig, lässt den Zuschauer an der emotionalen Vergangenheitsbewältigung seiner Hauptcharaktere teilhaben und wirkt doch nie vorhersehbar. „Driften“ erzählt die Geschichte eines Rasers aus dessen Perspektive. Patwa bemüht sich dafür zwar um den Archetyp des jugendlichen, wenig reifen Rasers. Gleichzeitig stecken in der Figur Robert Felder aber mehr als die gängigen Vorurteile. Mithilfe vielschichtiger Charaktere entsteht so ein beeindruckend unparteiisches Bild der Folgen, welche die Raserei bei den Opfern wie auch dem Täter nach sich zieht. Dass dabei die bedingungslose soziale und filmische Verurteilung von Robert auf der Strecke bleibt, ist gerade nicht Mangel, sondern Qualität von „Driften“.

 

Max Hubacher kann nicht nur den Bub

Um dieses schwierige Thema aufzunehmen hat „Driften“ nitro-getunte, neonblinkende Raserszenen im Stile von „The Fast and the Furious“ ebenso wenig nötig wie die Klischees, welche rund um die Szene feilgeboten werden: fast gar nicht. Dem Film genügen vielmehr einige glänzend gewählte Besetzungen. Sabine Timoteo als Alice Keller überzeugt ebenso wie Scherwin Amini als Roberts Kumpel an der Werkbank Sandro Cicaletti. Allen voran brilliert Max Hubacher als Robert Felder. Dass Hubacher anspruchsvolle Rollen überzeugend umsetzen kann, hat er bereits in „Stationspiraten“ (2010/Michael Schaerer) und „Der Verdingbub“ (2011/Markus Imboden) gezeigt. Die Hauptrolle in „Driften“ scheint dem erst 21-Jährigen wie auf den Leib geschrieben zu sein. Als verunsicherter Ex-Knasti auf der Suche nach sich selbst kann er seine Qualitäten erstmals auch in der Rolle eines jungen Erwachsenen voll ausspielen.