Kultur | 13.02.2015

Der Glaube an die Liebe

Text von Ennia Bosshard | Bilder von Andreas J. Etter)
Viele Menschen halten sie für das schönste und wichtigste im Leben: Die zärtliche, ungestüme, unerklärlich magische Liebe, die alle Grenzen aufzulösen vermag und alle Hindernisse überwältigen kann. Romeo und Julia, die berühmteste Liebesgeschichte der Weltliteratur, feierte am Theater St.Gallen Premiere und erntete langanhaltenden Applaus. Tanzchefin Beate Vollack inszenierte und choreographierte die dramatische Sinfonie Roméo et Juliette von Hector Berlioz.
Kim Tassia Kreipe (Juliette) und Andrew Cummings (Roméo) (
Bild: Andreas J. Etter)

Die Geschichte des jungen Liebespaars in Verona ist zeitlos und löst in uns allen etwas aus. Shakespeares Drama handelt von zwei jungen Liebenden, die zwischen die Fronten eines Krieges geraten, der nicht der ihre ist. Der Komponist Hector Berlioz gestattete sich einen freien Umgang mit Shakespeares Vorlage, weil es für ihn nur durch die Musik möglich schien, die wirkliche Intensität der Liebe wiederzugeben. Für Beate Vollack verlangt diese Musik nach Tanz, weshalb sich in ihrer Version das Liebespaar durch den Tanz äussert.

 

Das Unbeschreibliche ausdrücken

Das Stück vermischt klassische und moderne Elemente, die sich ergänzen. Da Hector Berlioz (1803–1869) für seine Zeit ein gewagter, eigenwilliger Künstler war, ist auch sein Umgang mit der klassischen Liebesgeschichte weder herkömmlich, noch traditionell. Auch die Inszenierung von Beate Vollack ist sehr frei und phantasievoll.

 

Hector Berlioz‘ Intention in der Vertonung von Romeo und Julia lag insbesondere in der lyrischen und emotionalen Wiedergabe der Liebesgeschichte und nicht in der Nacherzählung von Shakespeares Geschichte. Durch das Weglassen einiger zentraler Handlungsstränge, wie Romeos Verbannung oder Paris‘ Hochzeitspläne mit Julia, wird es schwierig, die Handlung zu verstehen. Der Hass der beiden Familien, aber auch die unbedachten Taten der Liebenden scheinen besonders irrational und unverständlich, wenn man die Geschichte nicht bereits kennt. Trotz der musikalisch und tänzerisch hervorragenden Leistung ist es somit schwer, sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu identifizieren. Viel mehr kommen die Gefühle durch die Bewegungen und die Musik zum Ausdruck.

 

Die Handschrift der Liebe

Die Gesangssolisten verkörpern die drei allegorischen Figuren Liebe (Kismara Pessatti), Tod (Derek Taylor) und Frieden (Levente Páll). Zu Beginn werden Romeo und Julia von der Liebe geboren. Aber auch der Tod ist schon bald anwesend und streckt seine Hand nach Julia aus. Der Tod und die Liebe sind nicht nur durch die Gesangsrollen sehr präsent, die Elemente finden sich auch auf der Bühne wieder: Ein grosser Bogen aus Herzen umrahmt das Bühnenportal, und im Hintergrund steht eine weisse Platte, die an einen riesigen Grabstein erinnert. Auf ihr sind die Umrisse vieler Männer, die in freudvollen Bewegungen wie eingefroren wirken. Das Bühnenbild von Marie-Jeanne Lecca ist symbolisch gestaltet – die Liebesgeschichte aus Verona kann überall stattfinden. Trotz der teilweise simplen Symbolik, wie den Herzen und einer riesigen weissen Rose, ist nicht immer klar, welche Idee hinter den Elementen steckt.

 

Die Kostüme (ebenfalls Marie-Jeanne Lecca) vermischen spielerisch Zeitgenössisches und Romantik. Während die Kostüme des Chors, der die verfeindeten Familien Montague und Capulet verkörpert, eher an das letzte Jahrhundert erinnern, sind die Tänzer in schlichte, weisse Kleidung gehüllt Diese wird während des Stücks immer mehr von der Handschrift der Liebe geprägt. Die wunderbaren, kreativen Ideen sind jedoch leider manchmal unklar, beispielsweise die Darstellung von Kismara Pessatti als Verkörperung der Liebe in ihrem schwarzen Kleid.

 

Das Instrument der Liebe

Das Sinfonieorchester St.Gallen bringt unter der Leitung von Attilio Tomasello eine herausragende Leistung. Die grossen Orchesterpassagen sind von Berlioz dazu gedacht, die zärtliche, ungestüme, unerklärliche Liebe von Romeo und Julia auszudrücken, was sehr gut gelingt. Berlioz hat durch seine eigenwillige Wahl der Passagen das rein instrumentale Scherzo der Feenkönigin Mab geschrieben, das zu den heikelsten Orchesterpassagen aus der Musikliteratur des 19. Jahrhunderts zählt. Die Musik führt durch die Träume des Liebespaares und offenbart den absurden Wahnsinn von Tod und Hass, aber auch von Liebe und Reinheit. Der Chor nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle als Familie und Bewohner ein, erzählt die Geschichte des Paares.

 

In jedem von uns steckt ein Romeo oder eine Julia

Aus der Überzeugung, dass es nicht nur ein einziges ideales Liebespaar gibt, werden Romeo und Julia von sieben verschiedenen Paaren des Tanzkompanie des Theaters St.Gallen getanzt, jedes Paar mit individuellen Ausprägungen und vollkommen auf seine eigene Art und Weise. Obwohl das zentrale Liebespaar, von Andrew Cummings und Kim Tassia Kreipe getanzt, immer wieder in den Mittelpunkt rückt, faszinieren auch die anderen Paare mit ihren Bewegungen.

 

Die Leistung der Tänzer ist hervorragend, jedoch hält sich das Repertoire der Choreographie in Grenzen. Die Bewegungen sind fliessend, anmutig und lieblich, es fällt jedoch schwer, an die Echtheit der Gefühle zu glauben. Da die Bewegungen sich immer wieder zu wiederholen scheinen, wirkt das Stück etwas langatmig.

 


Weitere Vorstellungen am Theater St.Gallen: www.theatersg.ch