Gesellschaft | 05.02.2015

Der Film nach dem Film

«Droht dem Schweizer Film die digitale Enterbung?« Dieser Frage stellten sich Experten an den 50. Solothurner Filmtagen. Seit jeher wurden analoge Filmbänder projiziert, erst plötzlich ist alles digital. Die Antwort scheint: Vielleicht ja, denn die Budgets sind knapp und eine Strategie gibt es nicht.
"Züri brännt" dokumentierte die Jugendunruhen der 1980er Jahren. Das Video wurde digitalisiert und kommt nun wieder in die Kinos. (
Bild: zvg/Videoladen Zürich)

Die digitale Revolution überrannte die Filmindustrie. Special Effects, Farb- und Tonräume werden schon länger am Computer bearbeitet. Bis vor wenigen Jahren wurden dennoch die meisten Filme analog aufgenommen, dann gescannt und nach allen digitalen Bearbeitungen wieder auf Filmrollen belichtet. Die analogen Bilder waren den digitalen lange überlegen und in den Kinos hingen keine Beamer sondern analoge Projektoren. Die Änderungen kamen im Zeitraffer.

 

Um 2009 aus Hollywood: 3D-Filme schufen weltweit den Durchbruch. Allgemein wurden DCP-Festplatten bald handlicher als schwere Filmrollen. Nur sechs Jahre später haben beinahe alle Kinos umgerüstet und nur wenige können sich beide Vorführmethoden leisten. All die Filme, die in beinahe 100 Jahren produziert wurden, sind für die grossen Leinwände tabu – ausser sie werden in hoher Auflösung digitalisiert. Aber wie viel darf es kosten und wer bezahlt?

 

Eine Frage der Dringlichkeit

1980 vor dem Opernhaus Zürich: Junge Menschen forderten Freiraum und kulturelle Teilhabe, demonstrierten in Massen, teilweise gewalttätig. Das Kollektiv „Videoladen“ hielt die Bewegung auf 16-Millimeter-Bändern fest. „Züri brännt“ (1981) ist ein wichtiges Stück Schweizer Geschichte – dennoch entschied sich das Bundesamt für Kultur kürzlich gegen die Digitalisierung. Das originale Videomaterial wurde schlicht zu gut gelagert: Erst wenn der Träger sich zu zersetzen droht, wird die Digitalisierung mit öffentlichen Geldern getragen. Dank Crowdfunding wurde „Züri brännt“ digitalisiert und feierte mit den Filmtagen dessen Jubiläum.

 

Ohne Leitung und ohne Geld

2015 am Solothurner Jubiläum: Wir blickten zurück auf ganze 50 Jahre, die die Schweizer Filmgeschichte prägten. An einem Podium diskutierten Filmwissenschaftler und andere Akteure, die sich für die langfristige Filmarchivierung engagieren. Sie diskutierten – durchaus kontrovers – über verschiedene Strategien, denn es können nicht alle Filme mit Bedacht auf die richtigen Farbräume und Tondaten digitalisiert werden. Abgesehen davon, dass die heutigen Abspielgeräte in wenigen Jahren veraltet sein werden: Das Geld ist knapp.

 

„Droht dem Schweizer Film die digitale Enterbung?“, fragte die Veranstaltung. Auswege aus der Zwickmühle gäbe es mehrere, nur müsste einer gewählt werden. In zwei Punkten waren sich die Podiumsteilnehmenden einig: Die Schweiz braucht eine gemeinsame Rettungsaktion, die das historische und aktuelle Filmschaffen nachhaltig zugänglich macht. Und diese zu wählen, wäre Aufgabe des Bundes. In Solothurn erfuhren wir nichts über die Haltung des Bundesamtes für Kultur. Alle zum Podium eingeladenen Vertreter liessen sich entschuldigen.

 

Auch als Chance

Historische Filme könnten so leicht zugänglich sein, wie noch nie. „Wenn die Filme mit öffentlichen Geldern digitalisiert werden, gehören sie uns allen“, brachte der Filmschaffende Fernand Meigar ein. Wir könnten zuhause oder unterwegs auf dieses kulturelle Erbe im Internet zugreifen.

 

Geschichte lässt sich nicht digitalisieren

Man darf aber nicht vergessen: Die Sensation der ersten Kinojahre wird im Scanner ebenso wenig kopiert wie die riesigen Frauenhüte, die damals die Sicht auf die Leinwand verstellten. Das digitale Kino verheimlicht das Rattern des Projektors wie das Live-Piano bei Stummfilmen. Deshalb sollte die Filmgeschichte neben der reinen Restaurierung und Digitalisierung auch erlebbar werden. Mit den unterschiedlichen Special Effects des Kinobesuches.

 


 

Das Podium

Unter dem Titel „Droht dem Schweizer Film die digitale Enterbung?“ diskutierten Experten aus der Filmbranche sowie Wissenschaftler: Irène Challand (RTS), Prof. Barbara Flückiger (Forschungsprojekt DIASTOR der Universität Zürich), Frédéric Maire (Cinémathèque Suisse), Fernand Melgar (Climage), Gérard Ruey (CAB Production, SUISSIMAGE), Christoph Stuehn (Memoriav). Moderation: Simon Spiegel (Filmwissenschaftler, Filmbulletin)

 


 

Links

Das Schweizer Filmarchiv: www.cinematheque.ch
Das Netzwerk für die Erhaltung von Film, Foto und Tonmaterial: www.memoriav.ch
Aus der Filmwissenschaft: www.diastor.ch