Kultur | 02.02.2015

Der alte Sack, der Birdman war

«Birdman» ist nicht etwa die neuste Verfilmung eines amerikanischen Comic-Helden, sondern eine geniale Satire auf das Showbusiness.
Riggan Thompson (Michael Keaton, links) spielt um sein Leben. Umso beeindruckender, dass sich Mike (Edward Norton) als Kontrahent nicht an die Wand spielen lässt. (
Bild: zVg / Twentieth Century Fox Film Corporation)

Birdman or: The Unexpexted Virtue Of Ignorance ist nach Clouds of Sils Maria schon die zweite Abrechnung eines Autorenfilmers mit Hollywoods Superhelden-Wahn, die diesen Winter in unseren Kinos startet. Und wie Regisseur Olivier Assayas in Sils Maria, verlagert auch Alejandro González Inñáritu in Birdman den Schauplatz vom Filmstudio auf die Theaterbühne – die vermeintlich letzte Bastion der Hochkultur gegen das korrumpierte System Hollywood. Ex-Superhelden-Darsteller Riggan Thompson (verkörpert von Ex-Batman-Darsteller Michael Keaton) wurde von diesem System zum Star geformt, verschluckt und schliesslich ausgespuckt. Nun will er sein Glück am Broadway versuchen – als Regisseur und Hauptdarsteller einer selbstgeschriebenen Adaption, wohlgemerkt.

 

Das ambitionierte Projekt wird von einem medialen Zirkus begleitet, wie man es sonst nur von den Dreharbeiten eines Blockbusters kennt. Gleichzeitig wird Riggan von seiner Hollywood-Vergangenheit heimgesucht – in Gestalt seiner einstigen Paraderolle Birdman (Ähnlichkeiten zu Keatons Batman sind natürlich rein zufällig). Als einer der Darsteller bei den Proben von einem Scheinwerfer getroffen wird, ist der abgebrannte Filmstar überzeugt, den Unfall mit seinen Birdman-Superkräften verursacht zu haben. Auch für den Zuschauer vermischen sich unkommentiert die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit: Schon in der ersten Szene werden wir Zeuge von Riggans vermeintlichen Superfähigkeiten, wenn er schwebend in seiner Garderobe meditiert.

 

Die Neurosen eines gefallenen Filmstars

Für die Neubesetzung kann der gefeierte Method-Actor Mike (Edward Norton, ebenfalls mit Superhelden-Vergangenheit) angeworben werden. Doch dieser treibt Riggan mit seinem provokativen Realismus nur noch tiefer in den Wahnsinn. Darüber hinaus muss sich der Theater-Debütant mit seinem opportunistischen Produzenten Jake (Zach Galifianakis) herumschlagen, seine von Selbstzweifeln geplagte Bühnenpartnerin Lesly (Naomi Watts) antreiben und die Beziehung zu seiner vernachlässigte Tochter/Assistentin Sam (Emma Stone) geradebiegen.

 

Sam erkennt, worum es ihrem Vater wirklich geht: Seinen von Hollywoods Dekadenz beschmutzten Namen reinzuwaschen und etwas tatsächlich Bedeutsames zu schaffen. Und sie wagt als Einzige auszusprechen, was alle anderen nur denken: Wen interessieren schon die Neurosen eines abgehalfterten Filmstars, dessen grösste Leistung es war, sich in einem lächerlichen Vogelkostüm durch drei Superhelden-Streifen zu strampeln?

 

Michael Keaton als Riggan Thompson spielt wortwörtlich um sein Leben und wurde dafür schon mit Auszeichnungen überschüttet. Umso beeindruckender, dass sich Norton als Kontrahent oder Emma Stone als offensive Tochter nicht an die Wand spielen lassen, sondern mit voller Wucht zurückschlagen. Formal nähert sich Birdman der Theatersituation an, in dem der Film fast komplett ohne sichtbare Schnitte auskommt: Emanuel Lubezkis Kamera mäandert durch die Kulissen des Broadway-Theaters, die Gesetze von Zeit und Schwerkraft aushebelnd, wenn sie in eleganten Schwenks Minuten, Stunden oder ganze Tage hinfort wischt und nahtlos in die nächste Szene eintaucht.

 

Auteurs versus Avengers?

Es ist kein Zufall, dass sowohl Assayas als auch Inñáritu in ihren Rundumschlägen gegen Hollywood zuallererst auf dessen Obsession für Superhelden abzielen. Das Geschäft mit den Comicverfilmungen ist längst pathologisch, mit ausufernden Budgets und immer längeren Fortsetzungskolonnen wird gegen den eigenen Bedeutungsverlust angekämpft. Diese Industrie lebt in derselben Fantasiewelt, aus der Riggan Thompson den gesamten Film über nie richtig erwachen wird – kein Wunder, ist doch die scheinbare Kulturinstitution Broadway nicht minder von Gewinn- und Ruhmessucht zerfressen.

 

Doch Birdman ist zu intelligent, um sich auf den simplen Gegensatz “Kunst versus Kommerz”, “Auteurs versus Avengers” herunterbrechen zu lassen. Das Star-System, dessen höchstes Gut nicht Geld, sondern Ruhm ist, wird hier vielmehr als grundlegendes Gesellschaftsprinzip verstanden. Nicht nur Promis wollen sich in der Populärkultur verewigen, auch der Ottonormal-User kämpft auf Facebook, Twitter oder Instagram täglich um Anerkennung und Bedeutung. Ständige Aufmerksamkeit als Lebensnotwendigkeit – die Scheinwelt des Showbusiness ist prekäre Realität geworden.

 

Inñáritus virtuose Inszenierung, die ihre eigenen Grossartigkeit zugegebenermassen fast schon aufdringlich ausstellt, ist dabei keineswegs selbstzweckhaft: Sie unterstreicht die aufgehobenen Gegensätze zwischen Theater und Film, Schein und Sein, Spiel und Ernst. Das macht Birdman or: The Unexpected Virtue of Ignorance zu einer in jeder Hinsicht überragenden Showbiz-Satire und zu einem fulminanten Comeback des viel zu lange unter Wert verkauften Michael Keaton.