Ludwig-Schläfli-Weg

“Ludwig Schläfli, 1814-1885, Mathematiker aus Burgdorf”, steht auf dem Schild vis-à -vis vom Bahnhof Steinhof in Burgdorf.  Obwohl seine Ideen heute in jedem Universitäts-Grundstudium der Mathematik behandelt werden, ist er selbst unter den Mathematikern eher unbekannt.

 

Untauglich

Geboren in Grasswil, zog er als kleiner Junge mit seiner Familie nach Burgdorf. Später sollte er, wie sein Vater, Geschäftsmann werden. Doch er machte die denkbar schlechtesten Geschäfte, weil er einfach nicht begreifen wollte, wie man etwas teurer verkaufen konnte, als dass man es eingekauft hatte. Er erwies sich jedoch als mathematisches Genie und konnte deshalb das Gymnasium besuchen. Später nahm er ein Theologie-Studium an der Universität Bern in Angriff, wo er schliesslich auch als Professor arbeitete.

 

Nur etwa dreihundert Meter ist der Ludwig-Schläfli-Weg lang. Insgesamt fünfzehn Hausnummern gibt es hier und sogar eine Mormonen-Kirche hat sich hier niedergelassen. Die Bewohner der Häuser sind meist Familien mit Kindern, der Weg liegt nur fünf Gehminuten vom nächsten Kindergarten und deren zehn von der nächsten Primarschule entfernt. Auch ältere Paare schätzen die ruhige, aber dennoch zentrale Lage des Weges.

 

Vor Ort

Doch wissen die Anwohner überhaupt, wer der Namensgeber ihrer Wohnadresse war? Eine Stichprobe vor Ort soll Licht ins Dunkle bringen. Am Ludwig-Schläfli-Weg 5 wohnt Daniela Wyss seit dreizehn Jahren mit ihrer Familie. Das Bild von Ludwig Schläfli erkennt sie nicht, so wie alle anderen befragten Anwohner auch. Ich frage sie, ob sie wisse, wer Ludwig Schläfli war und wie er gewirkt hatte. Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: “Mathematiker”. Das war es dann aber auch schon. Wie viele Anwohner, kennt sie das Strassenschild, doch dass Ludwig Schläfli zum Beispiel auch mit Albert Einstein zusammen gearbeitet hatte, weiss sie nicht.

 

Nur eine Tür weiter wohnen die Bothners. Albrecht Bothner ist selbst Mathematiker und weiss deshalb natürlich, wer Schläfli war und was er zum heutigen Verständnis der Mathematik beigetragen hat. Er erklärt mir, dass Schläfli die “Polytope” geprägt und deren Theorie begründet hat. Auch spielte er eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Begriffs der Dimension, welcher unter anderem eine entscheidende Rolle in der Physik spielt. Jedoch versagt auch er, das Bild von Ludwig Schläfli zuzuordnen. Er hält es für das Abbild von Richard Wagner, den Komponisten.

 

Überraschenderweise wussten fast alle der befragten Anwohner, dass Ludwig Schläfli Mathematiker war. Auf die Auflösung des Porträts gab es viele “Aha”-Momente und “Das war ja eigentlich klar”-Reaktionen. Viele zeigten sich interessiert und nahmen sich vor, sich noch besser über Ludwig Schläfli zu informieren.

“Ich wurde glücklicher, indem ich Anderen schadete”

Das Hämmern des Pulses in seinem Kopf beunruhigte ihn keinesfalls. Es war mehr ein Ansporn für seine folgende Handlung. Die Vorstellung, seine Faust in das Gesicht seines Gegners zu rammen, setzte sich in seinem Kopf fest. Dabei merkte er  nicht, wie er sein Opfer fixierte. Die Augen der beiden trafen sich.

 

Daniel P. wuchs in einem ärmeren Viertel im Norden Portugals auf, wo fliessendes Wasser und Strom nicht zur Tagesordnung gehören. Der Alltag seiner Kindheit war von Strassenfussball und Familientreffen geprägt: “Bei uns waren die Türen immer offen,  im Dorf kannten wir uns alle.”

 

Im Jahr 2000, als Daniel neun Jahre alt war, zog er mit seinen jüngeren Geschwistern, seiner Mutter und seinem Stiefvater in die Schweiz.

 

Wie waren für dich die ersten Monate in der Schweiz?

“Ich  habe nichts verstanden, konnte nichts lesen und fand alles komisch und nicht real. Ich musste einen dreimonatigen Deutschkurs machen, um in die Schule gehen zu können. Doch trotzdem konnte ich mich kaum ausdrücken oder verständigen. Ich war wütend, traurig und hilflos.”

 

Wie bist du damit umgegangen?

“In der Schule habe ich mich mit gleichen Leuten zusammengetan. In meiner Klasse waren noch andere Portugiesen mit derselben Geschichte. Es passierte, dass wir den anderen in unserer Klasse Schaden zufügten. Wir klauten ihre Sachen oder machten sie kaputt.”

 

Warum wolltest du anderen Schaden zufügen?

“Ich empfand es als gerecht, die anderen zu verletzen. Ich war immer wütend, neidisch und eifersüchtig. Ich konnte nie verstehen, warum die Anderen so glücklich sein durften und ich nicht. In der Schule waren die Lehrer unzufrieden und verständigten meine Eltern. Dazu kam, dass ich in der Freizeit Streitereien mit Schulfreunden hatte. Ich beschädigte Autos und Fenster. Zu Hause wurde ich daraufhin von meinem Stiefvater geschlagen, bedroht und beleidigt. Indem ich Anderen schadete, wurde ich glücklicher.”

 

Gewalt formt sich früh

Laut einem Therapeuten sind für die spätere Straffälligkeit von Jugendlichen oft die Familienverhältnisse von entscheidender Bedeutung. Das spätere Verhalten eines Kindes wird am meisten durch die nächststehenden Personen, gewöhnlich Mutter und Vater, beeinflusst. Auch die Kindheit von Daniel P. wurde von Gewalt geprägt.

 

Als Daniel fünfzehn wurde, hatte sich seine Situation kaum verbessert. Dennoch war er gut in der Schule. Seine Mutter und sein Stiefvater trennten sich. Damit war für Daniel sämtliche Kontrolle weg, da die Mutter nun alleinerziehend war und sich um die jungen Geschwister kümmern musste. Er konnte tun, was immer er wollte.

 

Was änderte sich, als sich deine Schulzeit dem Ende zuneigte?

“In der Zeit wurde für mich das Geld wichtig. Im Jugendtreff spielten wir darum. Später fing ich an zu kiffen. Die Situation wurde nur schlimmer, seit ich in der Schweiz war.”

 

Wie wirkte sich das auf deine Kriminalität aus?

“Ich war schon mit Zwölf auffällig. Damals waren Beschädigungen im Vordergrund. Einbrüche machte ich mit Fünfzehn. Ein Jahr später startete ich eine Lehre, die ich nach einem Monat abgebrochen habe.   Es folgten Einbrüche, Raubüberfälle und illegaler Waffenbesitz. Ich hatte über hundert Anzeigen.”

 

Abläufe im Jugendstrafrecht

Laut Bundesamt für Statistik gibt es eine Standardverfahrensliste für kriminelle Jugendliche. Es kommt erst zu einer Anklage, die bei Minderjährigen zur Jugendanwaltschaft führt. Diese entscheidet dann, wie weiterverfahren wird. In der Regel findet zuerst eine Beobachtung durch eine Einrichtung statt, die dann der Jugendanwaltschaft Bericht erstattet, wie sie den Jugendlichen erleben. Durch ein sogenanntes psychologisches Gutachten kann aufgezeigt werden, wie es mit dem straffälligen Jugendlichen weitergehen könnte.

 

Du stehst kurz vor deiner Entlassung aus dem Massnahmenzentrum. Wie siehst du deine Vergangenheit?

“Ich habe mich sehr verändert in den letzten vier Jahren. Dennoch würde ich die Vergangenheit nicht ändern, denn sie macht aus, was ich jetzt bin. Ich bereue mein Verhalten gegenüber meiner Familie, die alles miterleben musste. Ich konnte zu meinen jüngeren Geschwistern kaum eine Beziehung aufbauen, da ich fünf Jahre von ihnen getrennt war. Dies hätte ich ihnen gerne erspart.”

 

Wirst du je wieder kriminell werden?

“Das ist nicht mein Ziel. Ich habe viel gelernt über mich und habe einen Umgang mit meinen negativen Gefühlen gelernt. Ausserdem werde ich ausgewiesen, wenn ich mir noch einen Fehltritt erlaube.”

 

Perspektive

Daniel P. wird voraussichtlich im März 2015 entlassen. In seiner Massnahme konnte er eine Lehre als eidgenössisch-diplomierter Maler abschliessen. Die Massnahme dauerte vier Jahre und beinhaltete nebst der Lehre zum Maler eine psychotherapeutische Behandlung sowie eine Betreuung durch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Daniel ist nun dabei, sich für seine Zeit nach der Massnahme vorzubereiten. Auf die Frage, was er als erstes vorhabe, antwortet er: “Wenn möglich reise ich nach Portugal, um meine Verwandten zu besuchen. Danach möchte ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen.”

 


 

*Name der Redaktion bekannt.

Der Schweizer Kinofrühling nimmt Fahrt auf

Robert Felder (Max Hubacher) hat seine Gefängnisstrafe wegen Rasens am Steuer abgesessen. Er kehrt in seinen Heimatort zurück, um ein neues Leben zu starten. Gelingen will ihm dies nur schwerlich. Denn an seinem getunten VW-Golf hängt er ebenso, wie an den vermeintlichen Freundschaften aus der Raser-Clique und der Beziehung zu Tamara (Jessy Moravec). Mit einer Ausbildung und Englisch-Unterricht findet Robert zwar Halt, doch auch seine Lehrerin Alice Keller (Sabine Timoteo) hat mit ihrer Vergangenheit, als Mutter ihr eigenes Kind verloren zu haben, noch nicht abgeschlossen, als Robert in ihr Leben tritt. Und so läuft nicht nur er Gefahr, in dieser temporeichen Schweizer Produktion, die Kurve nicht zu kriegen.

 

Vergangenheitsbewältigung ohne Klischee und Vorurteile

Das Team um Regisseur Karim Patwa traut dem Publikum mit “Driften” einiges zu. Der Film lässt über weite Strecken Interpretationsspielraum, wo einen andere Drehbücher so eng an der Hand nehmen, wie Mütter ihre Kleinkinder im Strassenverkehr. Doch ausgerechnet in seinem stärksten Moment lässt “Driften” genau diese Qualität vermissen. In einem grandios geschriebenen und umgesetzten Spiel im Spiel lösen sich die Wirren in “Driften” auf. Um – wie es scheint – auf Nummer sicher zu gehen, schiebt Patwa dem Höhepunkt seines Films allerdings dreissig Sekunden von der Tiefgründigkeit eines mittelmässigen Tatorts hinterher. Die Rollen werden mit einer Identitätskarte klar verteilt.

 

In den übrigen 92 Minuten überzeugt der Film aber durchwegs: Die Atmosphäre, mal düster, mal witzig, lässt den Zuschauer an der emotionalen Vergangenheitsbewältigung seiner Hauptcharaktere teilhaben und wirkt doch nie vorhersehbar. “Driften” erzählt die Geschichte eines Rasers aus dessen Perspektive. Patwa bemüht sich dafür zwar um den Archetyp des jugendlichen, wenig reifen Rasers. Gleichzeitig stecken in der Figur Robert Felder aber mehr als die gängigen Vorurteile. Mithilfe vielschichtiger Charaktere entsteht so ein beeindruckend unparteiisches Bild der Folgen, welche die Raserei bei den Opfern wie auch dem Täter nach sich zieht. Dass dabei die bedingungslose soziale und filmische Verurteilung von Robert auf der Strecke bleibt, ist gerade nicht Mangel, sondern Qualität von “Driften”.

 

Max Hubacher kann nicht nur den Bub

Um dieses schwierige Thema aufzunehmen hat “Driften” nitro-getunte, neonblinkende Raserszenen im Stile von “The Fast and the Furious” ebenso wenig nötig wie die Klischees, welche rund um die Szene feilgeboten werden: fast gar nicht. Dem Film genügen vielmehr einige glänzend gewählte Besetzungen. Sabine Timoteo als Alice Keller überzeugt ebenso wie Scherwin Amini als Roberts Kumpel an der Werkbank Sandro Cicaletti. Allen voran brilliert Max Hubacher als Robert Felder. Dass Hubacher anspruchsvolle Rollen überzeugend umsetzen kann, hat er bereits in “Stationspiraten” (2010/Michael Schaerer) und “Der Verdingbub” (2011/Markus Imboden) gezeigt. Die Hauptrolle in “Driften” scheint dem erst 21-Jährigen wie auf den Leib geschrieben zu sein. Als verunsicherter Ex-Knasti auf der Suche nach sich selbst kann er seine Qualitäten erstmals auch in der Rolle eines jungen Erwachsenen voll ausspielen.

Zweiundvierzigster Brief aus Deutschland

Schönes Wochenende, Schweiz!

 

Unser heutiger Brief fällt ein wenig alkoholischer aus, denn es gibt Grund zum Feiern. Einer unserer Chefredakteure hatte neulich Geburtstag; wir nüchtern in diesem Moment aus. Junge, Junge, eine Woche durchfeiern, das ist in unserem Alter nicht mehr drin, das merken wir gerade. Unmengen von Bier und Schnaps in uns hinein zu schütten war bis vor kurzem kein Problem für uns, aber wir sind jetzt beide – die gesamte Redaktion – knapp über 30.

 

Und nun kommen wir zum Thema dieses Briefes. Uns ist aufgefallen, dass dieses Tink von sich selber behauptet, ein Magazin von Menschen unter 30 zu sein. Wir sind also schon über dem Alterszenit hinausgeschossen und bereiten uns langsam auf das Unaufhaltsame auf: den Tod.

 

Nicht den Tod im wörtlichen Sinne mit sterben und so, wir meinen den Tod dieser allwöchentlichen Briefe an die Schweiz. Wir rechnen sekündlich damit, dass der Chefredakteur uns anruft (das hat er übrigens noch nie getan!) und uns die Kündigung ausspricht. Vermutlich weiß er bis jetzt gar nicht, dass wir eigentlich schon längst nicht mehr für Tink schreiben dürften.

 

Wir geben zu: es gab mal ein kleines Missverständnis, was unser Alter angeht. Aus irgendeinem Grund glaubt Tink, wir wären so Anfang, Mitte 20 und damit noch im Rahmen der Altersstruktur.

 

Nun ist es also bald Zeit, Abschied von Ihnen zu nehmen, liebe Leser! Wir haben nochmal beide Leserbriefe durchgelesen, die uns in diesen beinahe 12 Monaten erreichten, und denken, dass wir einen ganz tollen Job gemacht haben. Wem so viel Hass entgegen schlägt – von Schweizern! – der kann keine allzu schlechte Arbeit geleistet haben.

 

Klar, wir könnten vor einen Gerichtshof gehen und gegen die altersbedingte Kündigung vorgehen, und wir hätten auch Erfolg damit. Bislang haben Schweizer Gerichte erstaunlich arbeitnehmerfreundlich geurteilt. Sogar hässliche Frauen dürfen mittlerweile bei Coop an der Kasse sitzen. Aber wir wollen diesen teuren und für Tink äußerst beschwerlichen Weg nicht gehen sondern akzeptieren, dass wir nun mal nicht mehr so hip und yolo sind, wie wir mal waren.

 

Herr Chefredakteur, wir warten auf ihren Anruf. Und bedanken uns schon jetzt für die monatelange vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ganz besonders wollen wir all den tapferen Menschen bei Tink danken, die sich so liebevoll um uns gekümmert haben, deren Namen uns aber immer wieder entfallen. Unser letzter Gruß gilt allerdings der liebenswerten SVP, bei der wir jetzt aufgrund unseres Alters in die Nachwuchsorganisation eintreten können.

 

 

Beste Grüße und auf bald mal!

Dreiundvierzigster Brief aus Deutschland

Guten Tag Ihr lieben Schweizerlein,

 

Trotz unseres Geständnisses von vergangener Woche, was unser Alter betrifft, hat es die Tink-Redaktion bisher noch nicht gewagt, uns eine Kündigung zu schicken. Wir haben jedoch seit über einer Woche auch nicht mehr in unseren Briefkasten geschaut, und da wir offiziell nichts Gegenteiliges gehört haben, gibt es auch heute wieder den wöchentlichen Brief an die Schweiz.

 

Wir müssen gestehen, dass wir ein wenig Stolz auf uns sind. Nicht, weil wir das Ganze jetzt schon seit fast einem Jahr betreiben. Nein, sondern weil wir im Laufe dieser Zeit mehrere Preise entgegen nehmen durften.

 

Sie kriegen das in der Schweiz ja gar nicht so mit, aber hier in Deutschland werden unsere Briefe gefeiert wie nichts Gutes. Ganz offenbar sprechen sie vielen gebeutelten Deutschen aus der Seele.

 

Allein im vergangenen Jahr haben wir für unsere wöchentliche Rubrik “Die goldene Nase”, den “fliegenden Esel”, den “Rembert” und den “Thüringer Baumstamm” erhalten. Zudem planen zwei renommierte Regisseure (Namen dürfen wir leider noch nicht bekannt geben), unseren 14. und 32. Brief zu verfilmen, während es zu den Briefen 1 bis 10 eine Dokumentation geben soll, in der viele Zeitzeugen zu Wort kommen werden.

 

Doch auch in der Schweiz scheint man nach und nach Notiz von unseren wöchentlichen Briefen zu nehmen. Der Brief Nr. 8 wird gerade für ein Theaterstück umgeschrieben – in den Hauptrollen Marco Rima und der andere bekannte Schweizer…na, Sie wissen schon, der mit dem Bart. Und der Brille. Uraufführung demnächst in St. Gallen. Interessanterweise wird es komplett ohne weibliche Beteiligung laufen, was uns natürlich entgegenkommt. Das verstehen Sie, wenn Sie den entsprechenden Brief nochmal lesen. Oder auch nicht.

 

Ganz besonders freuen wir uns aber, dass unsere Briefe nunmehr regelmäßig im Bundeshaus verlesen werden. Auch das kriegt ja kein normaler Schweizer mit. Neulich bekamen wir einen Anruf von einer Frau Sommasonstwas, die uns nahelegte, sofort mit diesen Briefen aufzuhören. Da sagen wir doch: Jetzt erst recht!

 

Im April planen wir eine große Schweizbeschimpfungstour durch Deutschland und Österreich. Erfreulich daran ist, dass – so sieht es derzeit aus – beinahe alle drei Auftritte vor Publikum stattfinden werden.

 

Zuguterletzt werden sich Mitte des Jahres die “Schweizer-Brief-Allstars” im Tonstudio einfinden, um den Song “Brief 25” einzusingen. Wir freuen uns schon sehr.

 

Sie sehen, wir kriegen viel Beachtung für dieses wöchentliche Ritual.

 

Aus diesem Grunde müssen wir nun auch schon wieder aufhören, es gibt viel zu organisieren.

 

Sie hören von uns. Da können Sie sicher sein.

 

Bis nächste Woche,

Ihr Deutschland

Aufnahmen aus dem Bunker

Im Film “11:23 – 09:59 (Projekt Angst)” von Stefan Jäger wollen sechs Schauspielstudenten ihre Ängste während einer Nacht in einem verlassenen Militärbunker überwinden. Von Höhenangst über die Angst vor Dunkelheit bis zur Platzangst soll alles ausprobiert werden.

 

Aber im Militärbunker scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen und diese eine Nacht wird für die Studenten ein Horrortrip, den keiner überleben wird. Was erwartet die Gruppe in den Tiefen des Bunkers? Mutierte Zombiesoldaten? Ueli Maurer? Oder steckt ein Gruppenmitglied hinter den merkwürdigen Vorkommnissen?

 

Pseudodokumentarischer Horrorfilm

Dass niemand lebend aus dem Bunker rauskommen wird, wird schon in den ersten Sekunden des Filmes mit Hilfe einer Texttafel verraten. Denn “11:23 – 09:59” ist der erste Found-Footage-Film der Schweiz, also ein pseudodokumentarischer Film, worin Aufnahmematerial gezeigt wird, das erst im Nachhinein gefunden wird.

 

Seit dem Film Blair Witch Project aus dem Jahr 1999 ist dieses Genre wieder richtig in der Mode. Weitere Filme dieser Art sind Cloverfield und die Paranormal Activity Reihe. Dass sich “11:23 – 09:59 (Projekt Angst)” an seinen Vorgängern bedient, wird nicht verschleiert. Es kommt schon mal der Satz “Das sah jetzt voll aus wie im Blair Witch Project, mach das noch mal!”.

 

Potential verspielt

Die Ausgangssituation des Films ist zunächst sehr interessant. Als Zuschauer weiss man lange nicht, was eigentlich los ist, ob die Schauspielstudenten sich gegenseitig verarschen oder ob die Vorkommnisse real sind. Aber ab dem Moment in dem angedeutet wird, wie die Auflösung aussehen wird, verliert der Film an Spannung und Potential. Diese Auflösung sah man in der Vergangenheit einfach schon zu oft.

 

Ein grosser Fehler ist ausserdem der frühe Abgang der interessantesten und zugleich merkwürdigsten Figur des Films, die bereits nach den ersten fünfzehn Minuten verschwindet. Denn der grunzende ältere Mann namens Öbi (Manfred Liechti), der den Studenten den Bunker zeigt, ist nicht nur unheimlich, sondern auch unterhaltsam.

 

Gut ins Bild gesetzt

Gefilmt wurde “11:23 – 09:59 (Projekt Angst)” von Dominik Berg. Der macht seine Arbeit sehr gut. Die obligatorischen Wackelaufnahmen wirken real, werden aber nicht übertrieben, wie es beim Blair Witch Project ab und zu der Fall war. Dazu wird der verlassene Militärbunker, der für diese Art von Film ein perfekter Handlungsort ist, wunderbar in Szene gesetzt. Aber die gute Kameraarbeit und der tolle Drehort können nicht von der etwas schwachen Story und dem mittelmässigen Schauspiel der Hauptfiguren ablenken.

 

Regisseur Stefan Jäger kann man zugutehalten, dass er mit dem Versuch, ein neues Genre in die Schweiz einzuführen, ein gewisses Risiko eingegangen ist. Dass es in Zukunft mehr Found-Footage Filme aus der Schweiz geben wird, kann man sich eigentlich nur wünschen. Aus diesem Genre können kreative und gute Filme kommen, man sollte einfach nicht die berühmten Vorgänger abkupfern.

Illusionäre Glückseligkeit in Zürich

Die Show beginnt bereits beim Einlass. Jeder Zuschauer wird in der Schiffbau/Box Zürich über die Theaterbühne geschleust und ist damit unversehens selbst mitten im Geschehen – genauer im Vergnügungspark. Es herrscht eine betriebsame Stimmung mit viel Musik und Rufen. Bevor die Zuschauer ihre Sitzplätze einnehmen, ergreift der eine oder die andere noch die Gelegenheit, sich wieder einmal eine Zuckerwatte zu gönnen. Kindheitserinnerungen werden wach.

 

Es sind denn auch Erinnerungen, von denen der Ich-Erzähler, gespielt von Nils Kahnwald, anfangs spricht. Erinnerungen an die Glückseligkeit in New York, die im Wesentlichen durch seine Nachbarin Holly Golightly geprägt war.

 

Illusion und Melancholie

Die anfänglich heitere Stimmung kippt schnell, vorbei ist es mit der scheinbaren Traumwelt. Die Jahrmarktmusik und das bunte Treiben des Vergnügungsparks sind plötzlich verstummt, das Karussell liegt in der Bühnenmitte unbeleuchtet und verlassen am Boden.

 

Die Schilderungen des Ich-Erzählers sind von Melancholie geprägt, von Erinnerungen an Holly Golightlys Erscheinung und sein unerfülltes Begehren. Diese Gefühle sind so stark, dass er im Laufe der Aufführung selbst in die Rolle seiner Muse schlüpft und zunächst in High Heels, dann mit Badetuch umwickelt die berühmte Luftschacht-Szene mimt und schliesslich im Abendkleid auf der Bühne steht. Dank der Wandelbarkeit Kahnwalds entsteht ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Realität und Illusion.

 

Doch dann betritt die echte Holly (Hanna Binder) die Bühne – glaubt man zumindest. Die Illusion nimmt ihren Lauf, indem im Laufe des Abends zwei weitere Erscheinungen von Holly (Magdalena Neuhaus, Isabelle Menke) auftreten, die in ihrer Art verschiedener nicht sein könnten. Wo liegt die Grenze zwischen Realität und Illusion? Durch die Verdreifachung von Holly  gelingt es dem 1985 geborenen Regisseur, Christopher Rüping, das Wechselspiel bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zugleich unterstreicht er damit Hollys Undurchschaubarkeit und Rätselhaftigkeit.

 

Zuschauer in der Mitmachrolle

Nicht nur beim Einlass sieht sich der Zuschauer als Teil des Geschehens. Vor allem die Männer sind gefragt: Einige von ihnen werden im Laufe des Theaterabends wieder auf die Bühne zu einem Drink eingeladen. Diese Szene soll einen der für Holly berühmten Männerabende darstellen, was allerdings aufgrund der eher zurückhaltend agierenden Zuschauer nur mässig gelingen will.

 

Und ganz zum Schluss wird das Publikum erneut involviert, der Kreis schliesst sich. Man summt gemeinsam das Lied „Somewhere over the rainbow“ mit instrumentaler Begleitung. Doch trotz dieses musikalischen Lockrufes: Holly erscheint nicht mehr auf der Bühne. Dennoch und vielleicht gerade deshalb gipfelt diese bildgewaltige Theaterinszenierung in einem stimmungsvollen und berührenden Finale.

 


Frühstück bei Tiffany läuft noch bis zum 28. Februar im Schiffbau.