Kultur | 25.01.2015

“Und was machst Du?” – “Zu viel Bier trinken.”

Die KreuzBar ist nur während Anlässen wie den Solothurner Filmtagen offen und demensprechend berühmt-berüchtigt. Und weil es schlicht keine Filmtage ohne KreuzBar geben kann, berichten wir täglich mit einer Kolumne. Was läuft, wen man trifft, und wer was wozu sagt.
Nur zum degustieren, versteht sich. Bild. Kaspar Rechsteiner

Es ist halb zwölf. Vor einer knappen Stunde überfluteten die Besucherwellen aus dem zuendegegangenen letzten Filmblock die Hocker, Tische und Stühle. Diese unangenehmste Zeit des Tages geht zu Ende, denn um Mitternacht fahren die letzten Züge nach Zürich, Bern, Basel: Die Besetzung der Bar reduziert sich auf Leute, die grundsätzlich nicht nach Hause müssen. Gute Ausgangslage. Ein friedlicheres Bier später verlassen die Marktgänger und Morgen-Wieder-Um-9-Uhr-30-Filmbesucher die Bar.

 

Am Tresen treffe ich eine alte Schulfreundin. Wir tauschen nettes Geplänkel und ein Bier gegen fünf Franken fünfzig. “Ech liebe Zoriidütsch!” dröhnt es aus der voluminösen Frauenkehle neben mir, glücklicherweise nicht in meine Richtung. Dem bärtigen Vis-à -Vis sträubt sich der Schnauz. Hinter ihm spricht Dürrenmatt mit einem Hahn. Ob Herr Bart vielleicht auch lieber einen Hahn als Gesprächspartner hätte?

 

Nach ein Uhr reiht sich Kurioses an Nebensächliches an Schlimmes. Um viertel nach eins sind Zigaretten “plötzlich einfach verschwunden und weg!”. Oder: “Und was machst Du so?” – “Zu viel Bier trinken.” Um zwei singen drei Männer vor drei Pissoirs ein Ständchen. Ständchen ist zwar übertrieben, denn sie versuchen vier Minuten lang, den selben Ton zu treffen. Um halb drei fliegt der erste raus (keiner vom Trio). Während zehn Minuten erklärt ihm die Wirtin lautstark, dass er jetzt aber wirklich aufpassen solle. Offenbar ist sein männliches Ego durch den Wein ein bisschen gar zu prall angeschwollen. Er erklärt zwar, dass er “das es auso itz ganz nüechtern betrachtet scho eifach nid eso isch ächt itze!” Kaum verschwindet die Wirtin in der Tür, geht sein Gang zu den nächstrauchenden Damen und der Sermon beginn auf ein Neues. Das Zürideutsch trägt wohl auch nichts zur Erheiterung der Zuhörerinnen bei, genau so wenig wie der kleine Rotweinspringbrunnen in der Hand des Hinausgeworfenen.

 

Letzte Runde, halb vier. Unter Männern: “Gheimratsegge, dasch äbe scho no sexy!« – “Du, lieber uf dr Site chli weniger u ir mitti no vou, schüsch muesch när aues vor site id Mitti bürschte, aber das gseht de ersch rächt schlimm uus!” Recht hat er (Ein Hoch auf meine kleinen Geheimratsecken!, denke ich mir). “De Mike ghört sicher zu dene wo ide Mitti nümme hett, drum leit er au immer Perügge aa!” – “Aber de Mike Müller macht das nur zum Spass, nid?” – “Näi, dänk de Privat-Mike, nöd de Staats-Mike. De Shiva Mike dänk!” Währenddessen macht Willi unten die Tür zu.

 

Es verbleiben die letzten acht Gestalten. Zwei Barleute, zwei Besucher, ein Schauspieler, ein Postproduzent, eine Produktionsleiterin, ein Journalist. Der Boden ist inzwischen wieder dunkelbraun. Die weissen Flecken aus Popcorn sind im Mülleimer. Der Chef de Bar im rosa Hawaiihemd wirft vier Aschenbecher auf den Tresen und sieben Klicks kommen aus sieben Feuerzeugen. Jetz is zu. Privatparty. Und natürlich geht es weiter bergab. “Aber das waren doch auch so Wixer!” Ein paar Biere tauchen noch auf. “Aber Wixer ist doch inzwischen auch politisch inkorrekt.” Drei Gläser Whisky gesellen sich zu den Bieren – Degustation, versteht sich. “Aber wie soll man den sagen? Masturbator?” Es ist halb sechs. Ich entscheide mich, mein letztes Bier auf den Weg mitzunehmen. Mit einem Gute Nacht an die Runde verabschiede ich mich aus der Bar und schaue noch auf zwei Schlucke beim Team vorbei, das einen Stock tiefer austrinkt. Draussen schneit es wieder.

 

Sechs Stunden Kreuzbar drücken auf die die Leber, das Portemonnaie und das Niveau. Den ganzen Abend gehts bergab. Aber den ganzen Abend gehts bergauf. Nur eine Woche lang gibt es diese Bar so, wie sie ist und sein soll. Man trifft auf Ego-Zirkus, Sprüche weit unter einer Ahnung einer Gürtellinie und Leute, mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. Zum Schluss bleiben immer die, die nirgendwo anders sein wollen, als in genau dieser Bar. Vielleicht wussten sie das noch nicht, bevor sie zur Tür reinstolperten. Nichts spielt mehr eine Rolle. Wichtig ist nur, das letzte Bier nicht mehr ganz auszutrinken. Die Filmtage haben erst begonnen.