Kultur | 31.01.2015

Star ohne Allüren

Text von Kathiana Meyer | Bilder von Caspar Urban Weber)
Seit eineinhalb Jahren ist Janet Rothe am Theater Neumarkt zu sehen, wo sie auf der Bühne Mörder, Tussis und Prostituierte verkörpert. Wer ist das 27-jährige Nachwuchstalent jenseits ihrer Rollen?
Janet Rothe als mordender Macbeth... ...und vor ihrer Wandlung. (
Bild: Caspar Urban Weber)

Über und über mit Blut bedeckt winden sich zwei schmale Hände aus dem wabernden Nebel. Es sind die Hände von Macbeth, am Neumarkt-Theater fulminant gespielt von Janet Rothe. Rothes Hände sind an diesem Montagmorgen – abgesehen vom abblätternden roten Nagellack – nicht mehr rot. Sie werden so bald wohl auch nicht mehr vor Blut triefen, denn das von Pedro Martins Beja bildgewaltig inszenierte Drama hat seine Dernière hinter sich.  Heute beginnt in den Proberäumen des Neumarkt-Theaters auf der Werdinsel die Arbeit an “Alpen”, ein Schauspiel nach dem gleichnamigen Film von Yorgos Lanthimos. Rothe verkörpert da eine Turnerin, die sich Angehörigen von Verstorbenen als menschlicher Ersatz anbietet (ab 5. Februar im Theater Neumarkt).

 

Das Glück im Theater gefunden

Die Schauspielerei war schon immer Rothes Traum: “Theater hat mich bereits als Kind glücklich gemacht.” Einst hat sie die Schauspieler vom Zuschauerraum her angehimmelt, heute steht sie selbst auf der Bühne. Direkt nach Abschluss der Schauspielschule in Berlin ist es Rothe gelungen, einen der vier begehrten Ensemble-Plätze des renommierten Neumarkt-Theaters in Zürich zu ergattern. Im harten Theaterbusiness, in welchem die Konkurrenz zahlreich und Frauenrollen eine Rarität sind, spricht ein solcher Erfolg für sich. Ist Rothe jetzt einer dieser Stars, von denen sie sich früher verzaubern liess? – “Nein, das ist ganz normal, wenn man selbst drin ist.”

 

Erfolg ohne Starallüren

Starallüren liegen der bodenständigen 27-Jährigen, deren stechend blaugrüne Augen das Gegenüber schnörkellos fixieren, tatsächlich fern. Ihr militärisch anmutender Kurzhaarschnitt, den sie sich für ihre Rolle als Macbeth zulegen musste, ist unter der Kapuze ihres Pullis versteckt. Dazu trägt sie schlabbrige Trainerhosen, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Zum Interview erscheint Rothe auf die Minute pünktlich. Über ihre Arbeit spricht sie mit Begeisterung, aber ohne Effekthascherei. Unterwegs ist sie mit dem Fahrrad, denn für Sport hat sie neben dem Job, bei dem Sechstagewochen keine Ausnahme bilden, kaum Zeit. Seit eineinhalb Jahren ist die Norddeutsche nun in Zürich. Trotz Möglichkeit auf Vertragsverlängerung zieht es sie in einem halben Jahr zurück nach Berlin, wo sie als freischaffende Schauspielerin tätig sein wird.

 

Mörder und Tussis

Die Rollen, die Janet Rothe in der letzten Spielsaison verkörpert hat, könnten unterschiedlicher nicht sein: Da wäre Macbeth, der von Machtgier getriebene Mörder, dessen Wahnsinn einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Doch auch ihre Darbietung in Martin Heckmanns Ein Teil der Gans im Haus der Lüge als kaugummikauende Tussi, deren exponierter Hintern einem zuweilen auf reizende Weise die Sicht auf den Rest des Stücks verstellt, überzeugt. “Es wäre zu diesem Zeitpunkt der Karriere natürlich vermessen zu sagen, dass ich alle Rollen spielen kann. Ich arbeite aber auf dieses Ziel hin.”

 

“Ich bin nicht so eso-mässig drauf”

Obwohl grundsätzlich alles geprobt ist, fällt jede Aufführung anders aus. Das hängt auch von der Reaktion des Publikums ab: “Ich bin nicht so eso-mässig drauf, aber es gibt definitiv Energien, die zwischen Schauspieler und Publikum fliessen.” Glücklich macht es Rothe, wenn ein Stück ankommt und die Zuschauer berührt. Umgekehrt frustriert es sie, wenn sie nicht zum Publikum vorstösst. Dies liegt im Falle des ambivalent rezipierten Macbeth kaum an Rothes Spiel, sondern an der provokativen Inszenierung: Werden Schweineköpfe mit der Axt zerteilt oder mit einem Dildo penetriert, fällt es dem Publikum schwer, sich auf ein Stück einzulassen. “Natürlich werde ich wütend, wenn Leute die Vorführung vor Schluss verlassen, aber machen kann man ja nichts.”

 

Präzise inszenierte Blutorgie

Auch kollabierende Zuschauer hat die Macbeth-Inszenierung, der Isis-Filme als Inspiration dienten, gesehen. Da braucht es als Schauspieler einige Minuten, um nach dem Unterbruch wieder in die Rolle zurückzufinden. Aus der Sicht der Schauspielerin verlieren die inszenierten Tabubrüche, die gezielt Normen durchbrechen und dadurch sichtbar machen, ihre Schockwirkung: “Wenn man sieht, wie’s gemacht ist, gruselt das nicht. Ich musste mit der Axt die Blutkapsel exakt so treffen, dass Blut in mein Auge spritzt.” Körperlich sei der Einsatz der Axt so anstrengend, dass der konzentriert-kaltblütige Mörderblick ganz automatisch komme. Beim Publikum wirkt die Illusion; als Schauspielerin hat Rothe aber keinen Menschen vor Augen, wenn sie den symbolisch für Duncan stehenden Schweinekopf malträtiert.

 

Tabubrüche als Befreiung

Viel anspruchsvoller als der Umgang mit Schweineköpfen sei die Verkörperung der Prostituierten in Lady Shiva (momentan in der Chorgasse zu sehen). Nicht wegen der Rolle, sondern aufgrund des Bühnenraums: “Dem Publikum in einem so winzigen, hell erleuchteten Raum, der keinen Schutz bietet, ausgeliefert zu sein: Da hat man das Gefühl, man kommt nicht raus.” Sich zu dritt küssen oder nackt mit Blut begossen zu werden, sei zwar bei den Proben anfangs peinlich, weil die Bewegungsabläufe noch nicht sitzen, danach sei es aber befreiend. Denn Scham ist schliesslich nur eine gesellschaftliche Konvention, für die im Theater kein Platz ist.

 

Die Frau ist der bessere Mann

Macbeth, dessen Männlichkeit im Stück wiederholt in Zweifel gezogen wird, mit einer Frau zu besetzen, erweist sich im Fall von Rothe als Glückstreffer: Es gelingt ihr, Zärtlichkeit mit kalkulierter Grausamkeit, Verletzlichkeit mit unberechenbarem Wahnsinn zu verbinden. Trotz feingliedriger Statur besticht Rothe zudem durch eine fesselnde Bühnenpräsenz. Und kann damit problemlos mit erfahrenen Kollegen mithalten: Es gibt wohl keinen Mann – ob von einer Frau geboren oder nicht – der mit mehr Recht als Janet Rothe sagen könnte: “Ich bin Macbeth.”