Kultur | 09.01.2015

Spurensuche auf dem Scheideweg

Fast jede zweite Ehe endet in der Schweiz in einer Scheidung - durchschnittlich nach 15 Jahren. Der Traum vom Familienglück weicht Zukunftsängsten, die Idylle wird verdrängt von einem Gefühl der Leere. Wann und warum ist der Bund fürs Leben frühzeitig zerbrochen? Im Kurzfilm "Furer - Soldan" versucht die Regisseurin Julia Furer, ihre Familiengeschichte um die Trennung der Eltern zu rekonstruieren.
"Furer -“ Soldan" wird am 25. und 28. Januar im Rahmen der 50. Solothurner Filmtage zu sehen sein. (
Bild: Filmstill "Furer-Soldan"/Julia Furer)

Wenn eine bestehende enge Beziehung aufgelöst wird, entstehen abstrakte Gefühle der Entfremdung. Diese Gefühle in Worte zu fassen, versuchten bereits namhafte Schriftsteller und Poeten wie Edgar Allan Poe, Antoine de Saint-Exupéry und Charles Bukowski.

 

Die 24-jährige Julia Furer wählt für die Ergründung dieser Emotionen ein anderes Stilmittel – die gebürtige Bernerin studiert Film an der Hochschule Luzern, Design & Kunst. Ihre Feder ist die Kamera, ihr Papier die Leinwand. Obwohl bereits ihr fünfter Film, ist “Furer-Soldan” ihr erstes richtiges Werk, verrät Julia, die schon als Grafikerin und Fotografin gearbeitet hat, im Interview mit Tink.ch.

 

Chronik eines angekündigten Gefühlstodes

Super8-Filme aus dem Familienarchiv zeigen die Vergangenheit, in der Gegenwart geben die Eltern Julias sehr offen Antwort auf ihre Fragen. Ummantelt werden die dokumentarischen Elemente des neunminütigen Films mit audiovisuellen Stilmitteln: Triste Kornfelder in der Gräue eines frostigen Wintermorgens vermitteln Gefühle der Trostlosigkeit und Kälte. Der ferne Wintermond im wolkenlosen pastellblauen Himmel lässt Distanz und Einsamkeit verspüren. Die filmisch hervorgerufene Empfindungsödnis legt den Grundstein für die bevorstehenden neun Minuten.

 

Julia begibt sich auf einen mühsam vorgetrampelten Pfad in ihre Vergangenheit, auf die Suche nach der Antwort auf die drängende Frage, wie es zwischen ihren Eltern so weit kommen konnte. Abkapselung und Isolation bilden dabei ihre Wegbereiter: “Ursprünglich wollte ich gar nicht die Scheidung an sich thematisieren. Eigentlich wollte ich die Nicht-Kommunikation innerhalb der Familie in den Fokus stellen, die durch verschiedene Blockaden hervorgerufen wurde und zum Nenner Scheidung geführt hat.”

 

Die Dritte im Bund

Die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Tochter schwebt wie eine unverheissungsvolle Dreifaltigkeit über dem Kurzfilm, der es Anfang November in die Auswahl des 7. Schweizer Filmschulentags der Winterthurer Kurzfilmtage geschafft hat. “In der Schnittphase war mir wichtig, dass die bewegenden und intensiven Interviews meiner Eltern wie ein Miteinander, nicht wie ein Gegeneinander wirken. Darum habe ich auch die Beziehung zu mir aufgestellt.”

 

Beide Elternteile eröffnen ihren Monolog mit dem Aspekt des Elternwerdens – Schwangerschaft, Geburt, Stillen und anfangs unsichere väterliche Fürsorge malen ein Bild einer jungen Familie, deren Liebe durch das Kinderglück neu entflammte, gleichzeitig aber auch ein Brandherd darstellte. “Wenn dein Partner oder deine Partnerin ein Leben der Unwichtigkeit lebt, dann wird es öde. Und dann beginnt man zu träumen”, meint der Vater und erzählt von seiner Liebe zu einer anderen Frau, die anfangs harzig und zögernd entstand, schnell aber absolut wurde. “Man fühlt sich extrem angegriffen, wenn eine andere Frau dir den Mann wegnimmt. Das hat dazu geführt, dass ich mich selbst in Frage gestellt habe”, kommentiert die Mutter.

 

Schall der Stille

“Durch meine Gefühle für eine andere Frau entstand nicht eine schweigende Wand zwischen uns – im Gegenteil: Wir haben enorm viel über diese Situation geredet.”

 

Das Wiedereinsetzen der Kommunikation erfolgte jedoch zu spät, wie Julia Furer in ihrem Film sowohl audiovisuell als auch textlich mustergültig illustriert. Die doppeltbeleuchteten Super8-Filme vergangener Tage werden zunehmend verschwommener, weisen bald schon die ersten Spuren von Brandflecken auf, nur um wenige Sekunden später gänzlich in Flammen aufzugehen und unerkennbar zu werden.

 

Die zweite Hälfte des Films pflückt die letzten Erträge der Nachernte. Die Eltern sprechen über den Kampf, die gemeinsamen Kinder zu sehen. Unterstellungen, den Nachwuchs gegeneinander ausgespielt zu haben, unterstreichen dabei, dass die Familienfehde mit harten Bandagen ausgetragen wurde.  Obwohl die aktive Auseinandersetzung inzwischen einer passiven Lethargie wich, sind die Wunden des Beziehungskonflikts noch nicht verheilt.

 


“Furer – Soldan” wird am 25. und 28. Januar im Rahmen der 50. Solothurner Filmtage als Vorfilm zu Mirjam von Arx-˜ “Freifall – eine Liebesgeschichte” zu sehen sein. Mehr Infos auf www.solothurnerfilmtage.ch.