Kultur | 26.01.2015

Schweizer Kunst in der Bronx

Text von Meret Jehle | Bilder von zVg
Der Dokumentarfilm "Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument" stellt den provozierenden Schweizer Künstler vor und seine Zusammenarbeit mit den ärmeren Bewohnern New Yorks. Es ist ein Film über Menschen.
Der Schweizer Künstler erbaut das "Gramsci-Monument" gemeinsam mit Menschen aus der Bronx. Teilweise ist dies ihr erster Job.
Bild: zVg

In seinem neuen Dokumentarfilm begleitet Angelo Lüdin den Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn bei seinem Kunstprojekt in der New Yorker Bronx. Hirschhorn bezeichnet sich als Fan des Philosophen Antonio Gramsci und möchte dessen Ideen weiterleben lassen. Dies vollbringt er, indem er mit den Menschen aus einem ausgewählten Viertel der Bronx das temporäre “Gramsci Monument” aus Holz baut. Die Anlage lädt zur Lektüre, Diskussionen, Lesungen, Theateraufführungen und vielem mehr ein.

 

Die Geschichten hinter der Kunst

Der Basler Regisseur fokussiert sich auf den Aufbau des Monuments, die Menschen, die daran arbeiten, und ihr Zusammenspiel mit Hirschhorn. Er evoziert Kontraste zwischen dem sehr gut gebildeten Künstler aus der Schweiz und den Afroamerikanern der Bronx, die mit den Bauarbeiten für das Projekt teilweise ihre erste Stelle antreten. Dabei spricht Lüdin auch ihre Haltung zu Kunst und Philosophie an und verknüpft so die beiden Welten.

 

Die Geschichten dieser Menschen, ihre Arbeit und ihr Umgang miteinander werden vor allem in Dialogen und Interviews vermittelt. Trotzdem gehen die Bilder nicht in den vielen Worten unter. Durch Nahaufnahmen tragen auch Gestik und Mimik wesentlich dazu bei, die Menschen fassen zu können.

 

Zwischen Humor und Drama

Etwas unerwartet stellt sich der Film als sehr humorvoll heraus. Dies ist nicht nur den Aussagen diverser Beteiligten zu verdanken, sondern auch der Kamera und dem Schnitt, die aus mancher Szene eine Situationskomik hervorrufen. So zum Beispiel zwei ältere Damen, welche fortlaufend den Aufbau des Monuments verfolgen und zu allem und jedem ihre Kommentare abgeben. Ihr Interesse am Projekt und ihre eigenen Geschichten tragen auch als berührender Aspekt zum Film bei.

 

Trotzdem hält sich der Film stellenweise an der Grenze zwischen dem Lachen mit den Menschen und dem Lachen über die Menschen. Durch die Leichtigkeit bleiben am Ende des Films kaum mehr die Schwierigkeiten hängen, mit denen die Arbeiter des Monuments in ihren Leben zu kämpfen haben. Eine bessere Balance zwischen dem Humorvollen und der Dramatik hätte dem Film nicht geschadet.

 

Die Filmcrew und der Künstler

Trotz vieler Nebengeschichten der Menschen im Viertel bleibt Hirschhorn der Hauptprotagonist. Der Film zeigt die komplexe Persönlichkeit des Künstlers, kritisiert ihn, dessen Arbeitsweise und Haltung. Hirschhorn wiederum verweist anfangs, als er seine neuen Mitarbeiter instruiert, auf die Filmcrew und dass sie sich nicht des Film willens in die Arbeit einmischen dürften. Es ist die einzige Stelle, in der die Filmcrew angesprochen und indirekt sichtbar wird. Im Bild ist die Aufnahmesituation nie tatsächlich zu sehen. Die geringe Selbstreferenzialität lässt zwar den Fokus auf dem Gefilmten, wirft aber umgehend Fragen auf. Wie gross war die Ablenkung durch die Filmcrew? Wie viel griff sie tatsächlich in die Arbeit ein und inszenierte so stellenweise auch Situationen?

 

Lüdin präsentiert einen insgesamt interessanten und unterhaltsamen Film, den man gut auch schauen kann, wenn man sich nur wenig für Kunst und Gramsci interessiert. Denn prinzipiell handelt der Film von Menschen.