Gesellschaft | 29.01.2015

Ist dein Hund gestorben?

Text von Meret Wittlin
Die Pop-Up-Ausstellung Du&Ich, welche vom 16. -18. Januar im Hotel Zum Guten Glück in Zürich-Wiedikon stattfand, zog über 350 Besucher an. Sie befasste sich mit Erinnerungen an vergangene Beziehungen.
Du&Ich zeigt eine breite Palette von Zweierbeziehungen und stellt sich die Frage: Was bleibt, wenn die Liebe weg ist?

“Ist dein Hund gestorben?”, “Wurdest du von deiner grossen Liebe verlassen?” – Diese und weitere Fragen werden dem Eintretenden schon im Treppenhaus auf Plakaten in schlichter schwarzer Schrift gestellt. Es herrscht ein reges Treiben, Alt und Jung geben sich die Türklinke in die Hand und Kunstszenekenner schreiten neben unsicher wirkenden Neulingen die Stufen hinauf. Trotz der Verschiedenheit der Besucher huscht über fast jedes der Gesichter irgendwann ein Lächeln – immer wenn sich jemand durch eines der Fragenplakate ertappt fühlt.

 

Sammlung persönlicher Erinnerungen

Die Pop-Up-Ausstellung im Zürcher Kreis 3 ist das erste gemeinsame Projekt der drei Künstlerinnen Ivana Kvesic, Simone Leibundgut und Susanne Bühler, die sich 2014 im Rahmen einer Kulturmanagement-Weiterbildung kennengelernt und darauf den Verein ahoi gründet haben. Gezeigt wird eine Sammlung von 41 persönlichen Erinnerungsstücken an vergangene Bindungen, die dem Trio von den unterschiedlichsten Menschen zur Verfügung gestellt wurden. Hier die Puppe, gezeichnet von liebevollen ersten Schminkversuchen in der Kindheit, dort die Zahnbrücke des verstorbenen Vaters, daneben die Leninbüste mit farbenfroher Kriegsbemalung.

 

Alle gezeigten Gegenstände finden liebevoll arrangiert ihren Platz in den drei Ausstellungsräumen, die normalerweise von Hotelgästen der Pension Zum Guten Glück bewohnt werden. Schlichte braune Plaketten an den Wänden erzählen die dazugehörigen Geschichten – teilweise in sich abgeschlossen, mit oder ohne Happy End, manchmal aber auch nur bruchstückhaft und mit vielen offen bleibenden Fragen.

 

Zum Schmunzeln und traurig werden

Auf einem kleinen braunen Beistelltisch liegt zum Beispiel ein beinahe schon antiker Laptop, den die Besitzerin von ihrem damaligen Freund vor einer längeren Reise als Geschenk bekommen hatte. Während sie die Welt erkundete, diente das Gerät noch als Verbindung zum Liebsten, kurz nach ihrer Rückkehr wurde sie jedoch von demselben – paradoxerweise – wegen ihres Konsumwahns verlassen. Nun hofft sie, den Laptop durch diese Ausstellung irgendwie loszuwerden: “Bei Interesse bitte an die Künstlerinnen wenden”, steht darum auf der Plakette.

 

Während diese Geschichte bei vielen unverzüglich ein Schmunzeln hervorruft, gibt es auch solche, die einen traurig werden lassen. Jene beispielsweise, die das Schildchen neben einem einzelnen Schlüssel an einer Tür erzählt. Dieser gewährte der Besitzerin Eintritt in eine kleine Hütte in einer Favela Brasiliens – dem Zuhause ihrer damaligen grossen Liebe. Trotz der zwei grundverschiedenen Welten, die in dieser Beziehung aufeinander trafen, hielt sie über längere Zeit stand. Als die Frau ihren Freund jedoch erneut besuchte, war dieser den Drogen und der Kriminalität verfallen. Und so blieb nur dieser Schlüssel als Erinnerung an den Weg, den man einmal zusammen gegangen war.

 

Grosse Emotionen und eigene Empfindungen

Trotz der zahlreichen Besucher herrscht in den Räumen eine angenehme Stille, jeder scheint seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Die Ausstellungsstücke berühren, sie animieren zum Nachdenken. Eigene Erinnerungen mischen sich mit Vorstellungen über die Personen hinter den Gegenständen. Oftmals sind die geschilderten Emotionen regelrecht spürbar, und plötzlich scheint auch die Wahl eines Hotels als Location passend: In den kargen Zimmern, Orten des stetigen Kommens und Gehens, wird die Trauer und Leere nach dem Verlust der grossen Liebe oder des verstorbenen Kindes besonders nachvollziehbar. Was Kvesic, Leibundgut und Bühler hier zeigen, ist Kunst, die bewegt und die einen noch weit über den Heimweg hinaus beschäftigen wird.

 

Wände voller farbiger Post-Its

In einem Raum, gefüllt mit grauen Heliumballonen, die irgendwie leicht wirken und trotzdem schwer von der Decke drücken, erhält jeder Besucher die Möglichkeit, Teil des Projekts zu werden. Auf Augenhöhe an Schnüren befestigt werden wiederum Fragen an das Leben gestellt. Ausschnitte aus Max Frischs “Fragebuch”, Rolf Dobellis “Fragen an das Leben”, aber auch Inputs des Künstlertrios lassen einen nachdenken. “Bin ich der beste Freund meines besten Freundes?” oder “Was macht mich glücklich?”. Wer die Antwort gefunden zu haben glaubt, kann diese auf einem orangen Post-It an der Wand verewigen.

 

Pinke Zettel zeugen von Erinnerungen an vergangene Beziehungen, die Besucher hier hinterlassen haben, grün steht für Feedbacks an die Macherinnen. Das mit den Farben scheint für einige ziemlich schwierig gewesen zu sein, aber eigentlich spielt das ja gar keine Rolle. Denn eines zeigen die Wände, voll von farbigen Zetteln, nochmals eindrücklich: Diese Ausstellung lässt niemanden kalt. Denn sie behandelt, was wir alle kennen – das stetige Gewinnen und Verlieren, das Kommen und Gehen im Leben.

 

Getreu dem Prinzip der Pop-Up-Kunst war die Dauer der Ausstellung auf zwei Tage begrenzt. Im Newsletter vom 19. Januar schliessen die drei Künstlerinnen weitere gemeinsame Projekte oder sogar eine Fortsetzung von Du&Ich jedoch nicht aus: «Nach einer Erholungszeit werden wir uns überlegen, wie wir euch wieder beglücken können.-, schreibt das Trio. Wir warten gespannt auf die neuen Ideen.

 


Weitere Infos zum Künstlertrio und zu Du&Ich unter www.ausstellungduundich.ch.