Gesellschaft | 30.01.2015

Neununddreissigster Brief aus Deutschland

Den neusten Brief aus Deutschland musste Philipp Feldhusen von Eine Zeitung alleine verfassen. Er nutzte die Gunst der Stunde und legte in Abwesenheit von Peer Gahmert seine Sicht auf die Schweiz dar. Aber Obacht: Peer darf von diesem Brief keine Notiz nehmen!
Diese Woche trägt die Brieftaube eine Lo­bes­hym­ne in die Schweiz. Peer sollte sie besser nicht zu Gesicht bekommen. (
Bild: Katharina Good)

Liebe Schweizer, geehrte Schweizerinnen,

 

Heute gibt es ein kleines Novum, denn erstmals in der langjährigen Geschichte der beliebten und vielfach ausgezeichneten «Briefe an die Schweiz” wird dieser Brief von nur einem der beiden Autoren verfasst. Und das bin ich. Philipp. Guten Tag!

 

Der Grund ist ganz einfach: Peer, mein geschätzter Kollege, ist krank. Oder hat keine Lust. Das weiß ich gerade nicht so genau. Jedenfalls drängte uns wie so oft die Tink-Redaktion, schnellstmöglich den neuesten Brief aus Deutschland fertigzustellen.

 

Also muss ich nun ran.

 

Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein wenig zu erzählen, wie ich die ganze Sache mit den Briefen an die Schweizer Nation so betrachte.

 

Viele unserer Briefe können den Eindruck erwecken, wir mögen Ihr Land gar nicht. Das ist zum Teil auch richtig. Aber dieser Teil liegt derzeit krank in einem Bett in Bremen. Oder hat keine Lust. Ich weiß es wirklich nicht!

 

ICH war immer schon ein riesengroßer Fan der Schweiz. Tatsächlich habe ich 12 Jahre in Bern gelebt. Das jedoch weiß Peer nicht und das darf er auch NIEMALS erfahren.

 

Peer dagegen hasst die Schweiz wie die Pest! Als uns damals die hübsche Idee zu dieser Kolumne kam, schlug ich vor, kleine Briefe an Österreich, Schweden, Armenien, Polen, Liechtenstein oder auch Ostdeutschland zu schreiben. Aber Peer war wie besessen darauf, wöchentlich der Schweiz einen Brief voller Vorwürfe, Ratschläge und kleiner subtiler Spitzen zu schicken. Ich knickte schnell ein, was weniger an der angebotenen Gage als vielmehr an mangelnder Diskussionslust lag.

 

Peer schimpfte täglich über Schweizer Gepflogenheiten, deren Politik, das Volk, die Währung, die Sprache(n), die Form des Landes, die namen der Städte und Kantone – wirklich alles verachtete er und ich hatte große Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass unsere Briefe nicht zu lang werden dürfen, um auch noch genügend Material für die darauffolgenden Wochen zu haben.

 

Tatsächlich läuft es Woche für Woche nach demselben Schema ab: Peer und ich treffen uns, klappen unseren Laptop auf, ich frage, ob er eine Idee für einen neuen Brief hat und stelle, noch bevor ich diesen Satz beendet habe, fest, dass er bereits gedankenverloren und wie im Wahn auf die Tastatur einhaut und schreibt, was das Zeug hält.

 

Dieser Zustand hält etwa eine Dreiviertelstunde an. Danach schaue ich drüber und streiche sieben Achtel des Briefes komplett weg, ersetze allzu unflätige Bemerkungen durch etwas jugendfreundlichere Wörter und versuche, dem gesamten Brief durch eine anständige Grammatik etwas mehr Ernsthaftigkeit zu verleihen.

 

Ich persönlich verstehe nicht, wie man ein Land wie Ihres nicht mögen kann. Ich meine, wenn Sie mal alleine verfolgen, was in Deutschland gerade vor sich geht. Stichwort: Pegida. Da gehen tatsächlich wöchentlich tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Islamisierung zu demonstrieren. Fehlt nur noch, dass es bald eine Volksabstimmung über ein Minarettverbot geben wird. Sie finden das lächerlich? Ja, aber so ist Deutschland!

 

Naja, genießen Sie die Ruhe in Ihrem Land. Seien Sie froh darüber, dass Sie einander haben, erfreuen Sie sich an Ihrer eigenen Währung, die wenigstens seit Jahrhunderten stabil ist und sich nicht regelmäßig irgendeiner sinnlosen Aufwertung ausgesetzt sieht. Und machen Sie einfach so weiter wie bisher.

 

 

Ich mag Sie.

 

Ihr halbes Deutschland!