Gesellschaft | 15.01.2015

“Für einen Augenblick blieb die Zeit stehen”

Einen Monat ist es her, als die australische Millionenstadt Sydney für einen Moment still stand. Wie erlebten die Einwohner die bangen Stunden und wie lebt es sich heute nach der Geiselnahme im Lindt-Café? Tink.ch sprach mit dem Ehepaar Bland aus Sydney.
Menschen gedenken den Opfern der Geiselnahme in Sydney. (
Bild: Flickr.com/Wayan Susila)

Über dreissig Grad, die Sonne brennt, Menschen verbringen ihre freien Stunden am Strand oder lassen auf einer Liege im Schatten das vergangene Jahr Revue passieren –  es ist Hochsommer in Australien. Die andauernde Hitze und die damit verbundenen Waldbrände werden an diesem Tag in den australischen Medien nur zweitrangig sein. Viel mehr gedenkt die ganze Nation am heutigen 15. Januar 2015 der tragischen Geiselnahme Mitte Dezember. Auf den Tag genau ist es einen Monat her, als Sydney Tatort eines islamistischen Terrorakts wurde. Drei Leute, unter ihnen der Geiselnehmer, verloren nach sechzehn Stunden Gefangenschaft Ungewissheit ihr Leben.

 

Penny Bland und ihr Ehemann Stan leben in Bondi Junction, einem Vorort von Sydney und nur einige Gehminuten entfernt vom berühmten Bondi Beach. Wie ein grosser Teil der australischen Einwohner ist auch das Ehepaar Bland ursprünglich nicht von hier. Penny verbrachte ihre Kindheit auf den Philippinen, Stan wuchs im englischen Exeter auf. Beide fühlen sich nach mehr als dreissig Jahren wohl auf dem orangen Kontinent. “Ich schätze den entspannten Lebensstil. Doch am meisten liebe ich die Strände – sind ja auch die schönsten der Welt!”, sagt die 50-jährige Penny lächelnd.

 

Die Stimmung in Australien ist entspannter als vor einem Monat. Trotzdem sei die Lage weiterhin kritisch. “Der Alltag holt einen ganz schnell wieder ein, doch die Ungewissheit, wie es weitergeht, bleibt”, so Stan. “Wir nehmen unsere Umgebung viel mehr in den Augenschein als vor der Geiselnahme”, fügt Penny hinzu.

 

Unfassbarkeit machte sich breit

Beide waren zum Zeitpunkt der Geiselnahme um 9:45 Uhr Ortszeit, wie viele, bereits bei der Arbeit. Pennys Arbeitsplatz ist rund zehn Minuten vom Tatort entfernt. “Als wir davon hörten, blieb für einen kurzen Augenblick die Zeit stehen. Ich war schockiert, dass so etwas in Australien passieren kann”, sagt die gebürtige Philippinerin, “kurz nach Bekanntwerden der Geiselnahme wurden wir nach Hause geschickt.” Stan war ebenfalls bestürzt, aber nicht überrascht. “Bei den vielen Verrückten auf der Welt kam dies nicht sonderlich unerwartet. Ein Terrorakt in Sydney trifft mich aber trotzdem.”

 

Es war ein langer Tag. Bis tief in die Nacht hoffte und bangte die Bevölkerung, dass sich der Geiselnehmer ergibt. Auf dem Heimweg nahm Penny die angespannte Lage viel bewusster wahr:  “Leute standen wirr in der Gegend herum, einige weinten, andere eilten nach Hause. Es herrschte ein Zustand, den ich bis anhin nicht kannte. Es war lange unklar, ob der Attentäter als Einzeltäter handelt oder ob weitere Anschläge von Komplizen verübt werden.”

 

Sicherheitsvorkehrungen erhöht

Rund zwei Wochen nach dem “Sydney siege” (übersetzt: “Die Belagerung von Sydney”), wie die Geiselnahme in den Medien genannt wurde, fand die Silvester-Show statt. Gewöhnlich strömen am letzten Tag des Jahres Tausende an die Ostküstenstadt um das eindrucksvolle Feuerwerk zu sehen. In diesem Jahr waren es jedoch deutlich weniger. “Das konstante Terror-Risiko bereitete manchen Leuten Angst, zu einem grossen Spektakel zu reisen”, erklärt die Familie Bland. “Neben dem deutlich grösseren Polizeiaufgebot verlief der Jahreswechsel aber wie üblich. Der Abend war einzigartig und die Anspannung der letzten Wochen verschwunden.”

 

“Still a lucky country!”

Wird sich etwas ändern? “Nein”, meinen beide. “Sicherheitsvorkehrungen wurden erhöht. Verrückte Menschen stoppen; das ist schwierig und fast unmöglich”, so Stan. “Trotz dieser schrecklichen Tat glaube ich weiterhin an ein sicheres und glückliches Australien. It’s still a lucky country! Ich bin zufrieden, hier zu leben”, sagt Penny mit einem zuversichtlichen Lächeln.