Kultur | 26.01.2015

Eine Leiche im “Bestatter”

Text von Vera Probst | Bilder von Kaspar Rechsteiner
Die KreuzBar ist nur während Anlässen wie den Solothurner Filmtagen offen und demensprechend berühmt-berüchtigt. Und weil es schlicht keine Filmtage ohne KreuzBar geben kann, berichten wir täglich mit einer Kolumne. Was läuft, wen man trifft, und wer was wozu sagt.
In der Nacht ist Filmsolothurn gelb.
Bild: Kaspar Rechsteiner

Kurz vor eins verlasse ich 11:23 – 09:59 (Projekt Angst). Eine Qual. Ab in die Kreuzbar. Ich sehe Gesichter, die ich nur einmal im Jahr sehe und schnappe mir das erste Bier von einigen. Keiner meiner Freunde ist anwesend. Zwei-drei Schlucke später sagt mir mein Iphone, dass der grosse Teil meiner Bekannten an einer Party im Kino Uferbau teilnimmt. Mit der vollen Flasche in der Hand laufe ich die hundert Meter und schmeisse mich ins Getümmel. Nach genau drei Sekunden weiss ich, dass ich noch viel zu nüchtern für diese Art von Party bin. Meine Freunde haben Spass und tanzen sich die Seele aus dem Leib. Mich zieht es zurück. Zurück in die Kreuzbar.

 

 

Eine Stunde ziehen meine Freunde nach. Ein ehemaliger Arbeitskollege singt mir ein Ständchen, ein aktueller Arbeitskollege will unbedingt noch an die 50 Jahre Solothurner Filmtage Party. Ich verzichte. Zu schick für mich. Langsam leert sich die Bar, der Barkeeper im (heute grünen) Hawaiihemd sucht nach den Aschenbechern. Gerüchten zufolge sitzt ein Typ am Tresen, der mal eine Leiche im Bestatter gespielt hat. “Nein” sagt er, “das stimmt überhaupt nicht. Ich hatte sogar eine Sprechrolle!” Und Kevin ist da. Kevin heisst eigentlich gar nicht Kevin. Sein richtiger Name ist ähnlich wie Kevin, stammt aber aus einer älteren Generation. Ich komme nicht darauf.

 

 

Die Zeit beginnt zu rennen, ich muss am nächsten Tag vor zwölf in der Redaktion sein. Ob ich das schaffen werde? Das Bier fliesst, die Aschenbecher qualmen, bald darauf füllen sich die ersten Whiskygläser. Nach und nach verziehen sich meine Mittrinker ins Bett und dann sind wir nur noch zu zweit. Ein Barkeeper, ein Gast. Wir singen den Radetzky-Marsch (“tütütü tütütü tü tü tü”) und reden über österreichische Politik. Plötzlich sind die Putzfrauen da und die ersten Gäste gehen in den Saal um zu frühstücken. Mist. Redaktion. Vor zwölf Uhr. Ich habe nur noch fünf Stunden Zeit. Also verabschiede ich mich, springe auf mein Fahrrad und mache mich auf den Heimweg. Und ich habe es in die Redaktion geschafft. Um viertel vor Drei.