Kultur | 15.01.2015

Die tanzenden Schneeflocken

Text von Jana Neuenschwander | Bilder von Lukas Blatter)
Ein berühmtes russisches Weihnachtsmärchen wird im Theater National in Bern aufgeführt. Passend zum Fest der Liebe geht es in der Geschichte um ein Geschenk, Zauber und ein bisschen Krieg.
"Der Nussknacker" von Tschaikowsky zählt zu den berühmtesten Balletten der Welt. (
Bild: Lukas Blatter)

Das Licht wird langsam gedämpft, klassische Musik ertönt, die Spannung steigt. Hinter dem schweren, samtenen Vorhang erwartet die Zuschauenden das Ballett “Der Nussknacker”. Dieses gehört neben “Schwanensee”, das ebenfalls von Tschaikowsky komponiert wurde, zu den berühmtesten Balletten der Musikgeschichte. Da es sich beim “Nussknacker” um eine Weihnachtsgeschichte handelt, wird das Stück dementsprechend oft in der Adventszeit aufgeführt. So auch am 11. Dezember 2014 im Theater National in Bern, getanzt vom Kiew Staatsballett.

 

Fehlendes Orchester

Die Hauptrolle dieser Geschichte in zwei Akten spielt das Mädchen Clara. Am Weihnachtsabend bekommt sie von ihrem Patenonkel einen Nussknacker geschenkt. Als alle anderen schon im Bett sind, wird er lebendig und nimmt Clara mit in das Reich der Süssigkeiten. Danach wacht Clara allerdings auf und merkt, dass alles nur ein Traum war.

 

Ein Traum für die Zuschauer dagegen blieb die musikalische Begleitung durch ein Orchester. Die Musik wurde nämlich über Lautsprecher abgespielt. Da der Saal im Theater National aber eher klein ist und zu erwarten war, dass es schon nur aus Platzgründen kein Orchester geben würde, war dies keine Enttäuschung. Einzig an Stellen, an denen die Musik ihren dramatische Höhenpunkt erreichte und entsprechend laut war, liess die Qualität etwas zu wünschen übrig.

 

Glitzertraum und Mädchenherzen

Besonders auffallend waren die Kostüme der Tänzer. Diese waren liebevoll gearbeitet, mit viel Samt und Plissee in warmen Farben, dekoriert mit Strickereien und kunstvoll platzierten Glitzersteinen. Damit passten die opulenten Kostüme gut zu Weihnachten und unterstützten die Geschichte visuell. Herausgestochen sind die Kostüme beim “Pas de Deux”, das ein tänzerisches Duett bezeichnet und oft den Höhepunkt des Balletts darstellt. Im “Pas de Deux” des Nussknackers tanzt die Zuckerfee in einem bezaubernden Kleid, das sich als Glitzertraum in Weiss und Gold beschreiben lässt und wohl so manches Mädchenherz im Publikum höher schlagen liess.

 

Fast synchron

Da liess es sich auch leicht verzeihen, dass die tänzerische Technik nicht ganz einwandfrei war. Zwar wirkte der Auftritt insgesamt professionell und die Tänzer schienen sicher in der Choreographie, doch es gab einige Feinheiten, die nicht funktioniert haben. Dies wurde augenfällig, als mehrere Tänzer nur fast synchron tanzten oder einzelne Hebefiguren nicht ausgeführt werden konnten. Gerade letzteres ist ein Element, das scheinbar Perfektion verlangt, da Fehler sofort auffallen. Glänzen konnten die Tänzer vor allem im zweiten Akt, der bereits im Reich der Süssigkeiten beginnt. Von da an wurde mehr getanzt, es gab aufwändigere Formationen und auch der Tanz auf den Spitzen kam nicht zu kurz.

 

Kunstform ohne Worte

Um die Erzählform des Tanzens zu verstehen und die kreative Umsetzung einer Geschichte in die körperliche Ausdrucksweise zu würdigen, ist es empfehlenswert, sich schon vor dem Auftritt mit der Geschichte vertraut zu machen. Denn der Tanz als Kunstform kann keine komplexen Zusammenhänge erklären, kann den erzählerischen Wechsel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht wirklich darstellen. Um trotz der Absenz von Worten Verständlichkeit zu schaffen, braucht es eine Reduktion auf das Wesentliche der Dinge. Die Konzentration auf das, was Dinge, Gefühle und Menschen in ihrem Kern ausmacht. Durch diese Vereinfachung wird die Darstellung aber nicht etwa plump, es ist im Gegenteil verblüffend, wie detailreich wahrhafte Wesensmerkmale in einer körperlichen Sprache dargestellt werden können.

 

Zauberhafte Schneeflocken

So wirkten erwachsene Tänzer im ersten Akt wie Kinder, ohne dass dazu etwas anderes nötig war als Bewegung, Gestik und Mimik. Noch beeindruckender, da bedingterweise abstrakter, war die Darstellung der Schneeflocken im berühmten Schneeflocken-Walzer. Mal schienen sie vom Wind wild hin und her gewirbelt zu werden, mal schwebten sie sanft umher. Diese menschliche Darstellung eines Naturphänomens war bemerkenswert und weckt Bewunderung für diese Kunstform, die den Rezipienten, fern vom Rationalen, Erklärenden auf einer ursprünglichen Ebene des reinen Wahrnehmens anspricht.