Kultur | 25.01.2015

Der eiserne Vorhang von Amerika

Text von Andreas Weber | Bilder von zVg/Intermezzo Films
Am südlichsten Rand der USA herrschen kriegsähnliche Zustände. Das angrenzende Mexiko wird durch einen enormen Zaun abgeschottet, die Anwohner bewaffnen sich zunehmend. Immer wieder klettern Menschen unerkannt herüber. Jeder von ihnen hat sein individuelles Schicksal, doch in den Köpfen der meisten anwohnenden US-Amerikaner bleiben sie eine dunkle, gesichtslose Bedrohung.
Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko.
Bild: zVg/Intermezzo Films

Good fences make good neighbors – Robert Frost”, steht auf einem Transparent, das zwei Männer am vier Meter hohen Zaun befestigen. Einer stellt sich daneben, der andere fotografiert ihn. Ein gelungener Gag, finden sie. Liest man allerdings das zitierte Gedicht ganz, wendet sich der Witz gegen die beiden Bürgerwehrler, die als Hobby illegale Einwanderer jagen: Mending Wall des bedeutenden US-amerikanischen Poeten Robert Frost beschreibt, wie ein Zaun das nachbarschaftliche Verhältnis zweier Farmer verunmöglicht. Beim Zaun in Broken Land handelt es sich um die Grenzmauer zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten – eine scharfe rostbraune Linie, die in der immensen offenen Wüstenlandschaft surreal anmutet. Jährlich passieren Abertausende diese Mauer unerkannt, im Schutz der Nacht und der kargen Vegetation. Die Doku zeigt US-Bürger, die in unmittelbarer Grenznähe leben und sich tagtäglich mit den illegal die Grenze Überschreitenden konfrontiert sehen; nicht von Angesicht zu Angesicht, aber doch mit deren greifbaren Spuren im Wüstensand und mit den dunklen Phantasmen im eigenen Kopf.

 

 

Die Grenze im Kopf

Mit ihrem ersten Kino-Dokumentarfilm verleihen Stéphanie Barbey und Luc Peter ihren sieben Protagonisten eine Stimme – scheinbar unzensiert, ungefiltert, ohne relativierendem Kommentar aus dem Off. So eröffnet sich ein Stimmungskalaidoskop zwischen Paranoia, Waffenkult, Rassismus, Empathie und Mitgefühl. Ein Rancher erinnert sich, wie noch vor drei, vier Jahrzehnten ein reger Austausch über die Grenze stattfand. Broken Land macht klar, wie einschneidend der seither errichtete Grenzzaun nicht nur im eindrücklichen Landschaftsbild wirkt, sondern auch in den Köpfen der in seiner Nähe wohnenden US-Amerikaner. Jenseits lauert bedrohlich das Unbekannte. Sind die Grenzüberschreiter mehrheitlich Drogenhändler oder Menschen auf der Flucht vor Armut? Offizielle Zahlen oder Statements liefert der Film nicht. Sämtliche Interviews wurden mit Menschen gemacht, die nicht staatlichen Institutionen wie Polizei oder Grenzwache angehören, sondern vielmehr mit Mitgliedern von Bürgerwehren und anderen Privatpersonen, die sich und die Nation mit ausgeklügelten Überwachungstechnologien und High-Tech-Feuerwaffen vor der unbekannten Gefahr zu schützen trachten. Aber auch mit Menschen, die Wasser, Lebensmittel und Medikamente deponieren, um die Chancen der illegalen Einwanderer in der lebensfeindlichen Wüste zu erhöhen.

 

 

Die Perspektive als Grenzziehung

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko stellt sowohl in der Fiktion wie auch im Dokumentarischen gewiss kein filmisches Neuland mehr dar. Barbey und Peter versuchen das Thema mit einer streng durchgezogenen Perspektive aufzufrischen: Die Kamera überschreitet den Zaun selbst nie, bleibt stets auf US-Boden. Dies liefert zwar zum einen ein beängstigend-faszinierendes Psychogramm des Südrandes der USA, wirkt indessen aber bedenklich einseitig, da den Grenzüberschreitern selbst weder ein Gesicht noch eine Stimme verliehen werden kann. Sie bleiben genau die dunklen Phantome, als die sie vom Grossteil der Anwohner wahrgenommen und gefürchtet werden. Leider beschränkt sich die Neugierde der Interviewer auch lediglich auf die Gedanken, Gefühle und Handlungen ihre Protagonisten, die sich konkret auf den Grenzzaun und die illegalen Einwanderer richten. So erreichen die Protagonisten von Broken Land nie eine lebensechte Plastizität. “Die spinnen, die Amerikaner”, ist man versucht zu sagen. Doch egal ob das letztlich stimmt oder nicht: Gibt es nicht schon genügend Filme, die genau das suggerieren? Das punktuell eindrückliche, doch nicht rundum gelungene Experiment von Barbey und Peter macht schliesslich deutlich, dass zu scharf gezogene Grenzen im Dokumentarischen den Facettenreichtum und die Lebendigkeit des Gegenstandes zu ersticken drohen.

 


 

Broken Land läuft noch am 26. Januar an den Solothurner Filmtagen und startet offiziell in deutschschweizerischen Kinos am 29. Januar.