Kultur | 31.01.2015

Sinnkrise in Solothurn

Text von David Bucheli | Bilder von zVg)
Haben die Solothurner Filmtage ihren revolutionären Gründungsgeist verloren? Nach einem halben Jahrhundert "Journées de Soleures" darf und muss diese Frage diskutiert werden.
Wozu noch Filmtage? (
Bild: zVg)

Anlässlich ihrer 50. Ausgabe führen die diesjährigen Solothurner Filmtagen nicht nur aktuelle Produktionen im Programm, es gibt auch Klassiker des Schweizer Films (neu) zu entdecken – wie zum Beispiel E Nachtlang Füürland von Clemens Klopfenstein und Remo Legnazzi. Der Film feierte schon 1981 in Solothurn Premiere und wurde nun vor spärlich besetzten Rängen im Kino Palace wiederaufgeführt.

 

Füürland spielt in einer verschneiten Neujahrsnacht und passt nicht nur angesichts der Witterungsverhältnisse perfekt ins diesjährige Programm. Als Jubiläumsfilm anlässlich des 25. Geburtstags der SRG entstanden, lässt er sich heute als Parabel auf die Filmtage selbst lesen, über deren Daseinsberechtigung zuletzt eine hitzige Kontroverse entbrannt ist.

 

Frustration zwischen Idealismus und Bünzlitum

Füürland erzählt von der Odyssee eines Alt-68ers durch die Berner Szene-Kneipen, während auf den Strassen die Jugendunruhen toben. Unterwegs schlittert Protagonist Max Gfeller (köstlich frustriert: der Berner Stadtneurotiker Max Rüdlinger) in eine Sinnkrise zwischen Jugend-Idealen und eigenem Bünzlitum. Am Ende dieser langen Nacht setzt Radio-Reporter Max zusammen mit der abenteuerlustigen Barbekanntschaft Chrige (Christine Lauterburg) ein gepfeffertes Pamphlet auf, das er noch am selben Morgen bei den Sechs-Uhr-Nachrichten über den Äther schicken will. Doch im Radiostudio verlässt ihn im entscheidenden Moment der Mut – und kurz darauf auch die enttäuschte Chrige.

 

Der Widerspruch zwischen den einstigen Gründungsidealen und gegenwärtigem Spiessertum beschäftigt auch kritische Stimmen an den Solothurner Filmtagen. Das einstige Widerstandsnest innovativer und unabhängiger Filmemacher sei zur Hochburg der politischen Korrektheit geworden, schrieb etwa “NZZ am Sonntag”-Filmredakteur Christian Jungen. Die Filmtage in ihrer heutigen Form brandmarkte er als “das entbehrlichste Filmfestival der Schweiz.”

 

Skandalöse Langeweile

Doch im Grunde war es trotz aller Polemik eine frohe Botschaft, die Jungen in der “NZZ am Sonntag” verkündet hatte: Der Schweizer Film habe sich inzwischen soweit etabliert, dass er gar keine nationale Werkschau wie die Solothurner Filmtage mehr benötige. Und wenn das Festival eben zu einer Schnarch-Veranstaltung verkommt, dann nur, weil die die interessantesten Werke schon anderswo gelaufen sind.

 

Dennoch ist die Frage berechtigt, ob die Filmtage wie Max in E Nachtlang Füürland ihren ideellen Wurzeln entwachsen sind und an der eigenen Angepasstheit scheitern. Der Schweizer Film, wie er sich seit einigen Jahren in Solothurn präsentiert, ist brav und wenig innovationsfreudig. Nicht umsonst stellte die Langweiligkeit von Akte Grüninger den einzigen echten Skandal der letztjährigen Filmtage dar.

 

“Das wäre sowas von gelogen gewesen!”

Man fragt sich daher schon, was heute noch von der just do it-Attitüde und der Wahrhaftigkeit übriggeblieben ist, wie sie beispielsweise Legnazzi und Klopfenstein in E Nachtlang Füürland an den Tag legen. Der Film lebt vom improvisierten Spiel seiner Hauptdarsteller, eingefangen mit dem hochempfindlichen Fujicolor-400-Film an Original-Schauplätzen. Dafür ging das Werk als Exempel einer fruchtbaren Annäherung zwischen Fernsehen und unabhängigen Filmemachern in die Schweizer Filmgeschichte ein.

 

Natürlich musste auch damals für so viel Natürlichkeit gekämpft werden. «Das Fernsehen hatte ganz am Anfang den Vorschlag gemacht, diese Kneipen im Studio 4 nachzubauen«, erinnert sich Klopfenstein am Einführungsgespräch vor Beginn der Projektion. “Es tschuderet mich noch heute wenn ich diesen Film [so] hätte machen müssen. Das wäre so was von gelogen gewesen!”

 

Waren früher also Filmemacher mutiger, das Kino radikaler und überhaupt alles besser? Sind die wilden Zeiten vorbei, wie sie von Filmkritikern älterer Semester so gerne nostalgisch hochgehalten werden? Und braucht es die Solothurner Filmtage noch, wenn sich die wirklich sehenswerten Werke auch ohne die angepassten Erwartungen ausserhalb dieser Wohlfühlzone behaupten können?

 

Kein Happy End, aber den Zweck erfüllt

Der Vergleich mit den ersten Filmtage-Jahrzehnten ist unfair, weil der Output der hiesigen Branche drastisch zugenommen hat und das Festival gleichzeitig gewachsen ist. Klar wird dabei auch viel Belangloses produziert und präsentiert. Wirklich alarmierend ist jedoch der nach wie vor lächerlich kleine Marktanteil von Schweizer Filmen im regulären Kinobetrieb. 2014 schrumpfte dieser sogar von 6,2 auf 5,05 Prozent. Die Branche muss aufpassen, dass sie das Publikum mit ihrer Mutlosigkeit nicht vergrault wie Max seine Chrige.

 

 

Wobei, zuletzt wollte Füürland-Co-Regisseur Legnazzi sein Filmende nicht allzu pessimistisch verstanden wissen: Auch wenn Max sein Pamphlet vor dem Radiomikrofon nicht vorzulesen wagt, bekäme es der Zuschauer schon früher im Film zuhören. “Der Zweck war erreicht, obwohl Max dann geklemmt hat.” Vielleicht verhält es sich mit den Filmtagen ähnlich: Wenn es schon wenig Innovatives zu bestaunen gibt, dann ist Solothurn zumindest einmal im Jahr der rechte Ort, um genau darüber zu diskutieren.