Kultur | 26.01.2015

Blumenkränze und nackte Brüste

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zVg
Alain Margots zweiter Dokumentarfilm über die feministische Protestbewegung Femen erntet an den Solothurner Filmtagen stehenden Ovationen, hinterlässt bei der Tink-Reporterin jedoch gemischte Gefühle.
Femen: Nackte Körper gegen das Patriarchat, diktatorische Verhältnisse und mangelnde Frauenrechte.
Bild: zVg

Sie protestieren lautstark auf öffentlichen Plätzen und vor Botschaften, tragen Blumenkränze im Haar, strecken Schilder mit eingängigen Aufschriften in die Höhe und präsentieren stolz ihre blossen Oberkörper, welche über und über mit Schlagworten bemalt sind. Die Botschaften sind simpel, provokativ und kompromisslos. Es sind empörte Statements wie “Ukraine is not a brothel” und Kritiken an der aktuellen politischen Lage wie “Fuck Putins Occupation”.

 

Der Körper als Waffe

Aus den skandierten Parolen und den wehenden Bannern spricht eine unverhohlene Wut: Auf das Patriarchat, diktatorische Verhältnisse im In- und Ausland, die mangelnden Rechte der Frau und die Sexindustrie. Dabei setzen die jungen Frauen ihren mehr oder weniger nackten Körper medienwirksam als Mittel des öffentlichen Widerstands in Szene. Schliesslich werden sie unter schrillem Protestgeschrei von den zuständigen Ordnungskräften in die Streifenwagen gezerrt.

 

So oder ähnlich spielen sich zahlreiche Aktionen der feministischen Bewegung Femen seit ihrer Gründung in der Ukraine im Jahr 2008 ab. An den barbusigen Demonstrantinnen scheiden sich die Geister. Ihre Auftritte überschreiten zuweilen die Grenzen des guten Geschmacks und ihre bewusst sexistische Inszenierung des weiblichen Körpers spaltet Geschlechtertheoretiker in zwei Lager.

 

Intime Einblicke zu feierlicher Kirchenmusik

Genau dieser umstrittenen Gruppe widmet der Waadtländer Regisseur Alain Margot mit Je suis FEMEN von 2014 bereits zum zweiten Mal eine Dokumentation, nach Femen: Les militantes aux seins nus von 2011 eine Dokumentation. Diese hätte eher die Gattungsbezeichnung Porträt verdient, denn sie dokumentiert weniger, als dass sie versucht, einen stark subjektiv gefärbten Eindruck des Lebens der vier Begründerinnen von Femen, allen voran Oxana Shachko, zu vermitteln.

 

Die Zuschauer werden mit Ausschnitten aus diversen Protestaktionen konfrontiert, auf welche unvermittelt Interviewsequenzen und intime Szenen aus dem Alltagsleben der vier jungen Frauen folgen. Alain Margot zeigt die Femen-Frauen dabei wie sie schreiend von der Polizei abgeführt werden und Oxana Shachko wird dabei gefilmt, wie sie ihre Mutter besucht, welche ihre Tochter stolz mit Jeanne d’Arc vergleicht, oder wie sie ihren nackten Körper in der Badewanne abbraust. Zu welchem Zeitpunkt und Zweck dies festgehalten wird müssen sich die Zuschauer selbst zusammenreimen. All dies wird auch noch strategisch wirksam untermalt durch treibende Rockmusik oder meditative Kirchengesänge.

 

Märtyrerinnen für die Sache der Frau

Je suis FEMEN wirft viele Fragen auf. Die kontroverse Figur des Viktor Sviatsky, den die australische Filmemacherin Kitty Green in ihrer Dokumentation Ukraine Is Not a Brothel von 2013 als treibende Kraft hinter der Gruppe Femen vorstellt, verkommt bei Alain Margot zu einer filmischen Fussnote, wird schlicht als “Berater” der Aktivistinnen bezeichnet. Während Kitty Green die Frauen um Femen als von Viktor Sviatsky abhängig darstellt, porträtiert Alain Margot den harten Kern von Femen als selbstbewusst und eigenständig. Er stilisiert die Gruppenmitglieder mit gefälligen Bildern zu Märtyrerinnen für die Sache der Frau. Dabei lässt er leider eine gewisse dokumentarische Objektivität vermissen. Die Sympathie des Filmemachers für die Rebellinnen ist unverhohlen und er gibt im anschliessenden Publikumsgespräch zu, sich während der dreieinhalb Jahren, die er mit der Gruppe verbracht hat, mit den Frauen angefreundet zu haben: “Nous sommes devenus amis.” Negative Stimmen beschränken sich im Film auf einige kurzen Aufnahmen zeternder Passantinnen und die mürrische Stellungnahme eines ukrainischen Polizisten, dass die Mädchen zwar gewaltig nervten, jedoch durchaus Mut besässen.

 

Überwiegend positiv fielen auch die Reaktionen der Zuschauer im Kinosaal aus. Als drei der Protagonistinnen des Films mit Blumenkränzen bekrönt, jedoch sittsam bekleidet, die Bühne betreten, werden sie sogar mit stehendem Applaus und begeisterten Pfiffen beehrt.