Star ohne Allüren

Über und über mit Blut bedeckt winden sich zwei schmale Hände aus dem wabernden Nebel. Es sind die Hände von Macbeth, am Neumarkt-Theater fulminant gespielt von Janet Rothe. Rothes Hände sind an diesem Montagmorgen – abgesehen vom abblätternden roten Nagellack – nicht mehr rot. Sie werden so bald wohl auch nicht mehr vor Blut triefen, denn das von Pedro Martins Beja bildgewaltig inszenierte Drama hat seine Dernière hinter sich.  Heute beginnt in den Proberäumen des Neumarkt-Theaters auf der Werdinsel die Arbeit an “Alpen”, ein Schauspiel nach dem gleichnamigen Film von Yorgos Lanthimos. Rothe verkörpert da eine Turnerin, die sich Angehörigen von Verstorbenen als menschlicher Ersatz anbietet (ab 5. Februar im Theater Neumarkt).

 

Das Glück im Theater gefunden

Die Schauspielerei war schon immer Rothes Traum: “Theater hat mich bereits als Kind glücklich gemacht.” Einst hat sie die Schauspieler vom Zuschauerraum her angehimmelt, heute steht sie selbst auf der Bühne. Direkt nach Abschluss der Schauspielschule in Berlin ist es Rothe gelungen, einen der vier begehrten Ensemble-Plätze des renommierten Neumarkt-Theaters in Zürich zu ergattern. Im harten Theaterbusiness, in welchem die Konkurrenz zahlreich und Frauenrollen eine Rarität sind, spricht ein solcher Erfolg für sich. Ist Rothe jetzt einer dieser Stars, von denen sie sich früher verzaubern liess? – “Nein, das ist ganz normal, wenn man selbst drin ist.”

 

Erfolg ohne Starallüren

Starallüren liegen der bodenständigen 27-Jährigen, deren stechend blaugrüne Augen das Gegenüber schnörkellos fixieren, tatsächlich fern. Ihr militärisch anmutender Kurzhaarschnitt, den sie sich für ihre Rolle als Macbeth zulegen musste, ist unter der Kapuze ihres Pullis versteckt. Dazu trägt sie schlabbrige Trainerhosen, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Zum Interview erscheint Rothe auf die Minute pünktlich. Über ihre Arbeit spricht sie mit Begeisterung, aber ohne Effekthascherei. Unterwegs ist sie mit dem Fahrrad, denn für Sport hat sie neben dem Job, bei dem Sechstagewochen keine Ausnahme bilden, kaum Zeit. Seit eineinhalb Jahren ist die Norddeutsche nun in Zürich. Trotz Möglichkeit auf Vertragsverlängerung zieht es sie in einem halben Jahr zurück nach Berlin, wo sie als freischaffende Schauspielerin tätig sein wird.

 

Mörder und Tussis

Die Rollen, die Janet Rothe in der letzten Spielsaison verkörpert hat, könnten unterschiedlicher nicht sein: Da wäre Macbeth, der von Machtgier getriebene Mörder, dessen Wahnsinn einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Doch auch ihre Darbietung in Martin Heckmanns Ein Teil der Gans im Haus der Lüge als kaugummikauende Tussi, deren exponierter Hintern einem zuweilen auf reizende Weise die Sicht auf den Rest des Stücks verstellt, überzeugt. “Es wäre zu diesem Zeitpunkt der Karriere natürlich vermessen zu sagen, dass ich alle Rollen spielen kann. Ich arbeite aber auf dieses Ziel hin.”

 

“Ich bin nicht so eso-mässig drauf”

Obwohl grundsätzlich alles geprobt ist, fällt jede Aufführung anders aus. Das hängt auch von der Reaktion des Publikums ab: “Ich bin nicht so eso-mässig drauf, aber es gibt definitiv Energien, die zwischen Schauspieler und Publikum fliessen.” Glücklich macht es Rothe, wenn ein Stück ankommt und die Zuschauer berührt. Umgekehrt frustriert es sie, wenn sie nicht zum Publikum vorstösst. Dies liegt im Falle des ambivalent rezipierten Macbeth kaum an Rothes Spiel, sondern an der provokativen Inszenierung: Werden Schweineköpfe mit der Axt zerteilt oder mit einem Dildo penetriert, fällt es dem Publikum schwer, sich auf ein Stück einzulassen. “Natürlich werde ich wütend, wenn Leute die Vorführung vor Schluss verlassen, aber machen kann man ja nichts.”

 

Präzise inszenierte Blutorgie

Auch kollabierende Zuschauer hat die Macbeth-Inszenierung, der Isis-Filme als Inspiration dienten, gesehen. Da braucht es als Schauspieler einige Minuten, um nach dem Unterbruch wieder in die Rolle zurückzufinden. Aus der Sicht der Schauspielerin verlieren die inszenierten Tabubrüche, die gezielt Normen durchbrechen und dadurch sichtbar machen, ihre Schockwirkung: “Wenn man sieht, wie’s gemacht ist, gruselt das nicht. Ich musste mit der Axt die Blutkapsel exakt so treffen, dass Blut in mein Auge spritzt.” Körperlich sei der Einsatz der Axt so anstrengend, dass der konzentriert-kaltblütige Mörderblick ganz automatisch komme. Beim Publikum wirkt die Illusion; als Schauspielerin hat Rothe aber keinen Menschen vor Augen, wenn sie den symbolisch für Duncan stehenden Schweinekopf malträtiert.

 

Tabubrüche als Befreiung

Viel anspruchsvoller als der Umgang mit Schweineköpfen sei die Verkörperung der Prostituierten in Lady Shiva (momentan in der Chorgasse zu sehen). Nicht wegen der Rolle, sondern aufgrund des Bühnenraums: “Dem Publikum in einem so winzigen, hell erleuchteten Raum, der keinen Schutz bietet, ausgeliefert zu sein: Da hat man das Gefühl, man kommt nicht raus.” Sich zu dritt küssen oder nackt mit Blut begossen zu werden, sei zwar bei den Proben anfangs peinlich, weil die Bewegungsabläufe noch nicht sitzen, danach sei es aber befreiend. Denn Scham ist schliesslich nur eine gesellschaftliche Konvention, für die im Theater kein Platz ist.

 

Die Frau ist der bessere Mann

Macbeth, dessen Männlichkeit im Stück wiederholt in Zweifel gezogen wird, mit einer Frau zu besetzen, erweist sich im Fall von Rothe als Glückstreffer: Es gelingt ihr, Zärtlichkeit mit kalkulierter Grausamkeit, Verletzlichkeit mit unberechenbarem Wahnsinn zu verbinden. Trotz feingliedriger Statur besticht Rothe zudem durch eine fesselnde Bühnenpräsenz. Und kann damit problemlos mit erfahrenen Kollegen mithalten: Es gibt wohl keinen Mann – ob von einer Frau geboren oder nicht – der mit mehr Recht als Janet Rothe sagen könnte: “Ich bin Macbeth.”

Sinnkrise in Solothurn

Anlässlich ihrer 50. Ausgabe führen die diesjährigen Solothurner Filmtagen nicht nur aktuelle Produktionen im Programm, es gibt auch Klassiker des Schweizer Films (neu) zu entdecken – wie zum Beispiel E Nachtlang Füürland von Clemens Klopfenstein und Remo Legnazzi. Der Film feierte schon 1981 in Solothurn Premiere und wurde nun vor spärlich besetzten Rängen im Kino Palace wiederaufgeführt.

 

Füürland spielt in einer verschneiten Neujahrsnacht und passt nicht nur angesichts der Witterungsverhältnisse perfekt ins diesjährige Programm. Als Jubiläumsfilm anlässlich des 25. Geburtstags der SRG entstanden, lässt er sich heute als Parabel auf die Filmtage selbst lesen, über deren Daseinsberechtigung zuletzt eine hitzige Kontroverse entbrannt ist.

 

Frustration zwischen Idealismus und Bünzlitum

Füürland erzählt von der Odyssee eines Alt-68ers durch die Berner Szene-Kneipen, während auf den Strassen die Jugendunruhen toben. Unterwegs schlittert Protagonist Max Gfeller (köstlich frustriert: der Berner Stadtneurotiker Max Rüdlinger) in eine Sinnkrise zwischen Jugend-Idealen und eigenem Bünzlitum. Am Ende dieser langen Nacht setzt Radio-Reporter Max zusammen mit der abenteuerlustigen Barbekanntschaft Chrige (Christine Lauterburg) ein gepfeffertes Pamphlet auf, das er noch am selben Morgen bei den Sechs-Uhr-Nachrichten über den Äther schicken will. Doch im Radiostudio verlässt ihn im entscheidenden Moment der Mut – und kurz darauf auch die enttäuschte Chrige.

 

Der Widerspruch zwischen den einstigen Gründungsidealen und gegenwärtigem Spiessertum beschäftigt auch kritische Stimmen an den Solothurner Filmtagen. Das einstige Widerstandsnest innovativer und unabhängiger Filmemacher sei zur Hochburg der politischen Korrektheit geworden, schrieb etwa “NZZ am Sonntag”-Filmredakteur Christian Jungen. Die Filmtage in ihrer heutigen Form brandmarkte er als “das entbehrlichste Filmfestival der Schweiz.”

 

Skandalöse Langeweile

Doch im Grunde war es trotz aller Polemik eine frohe Botschaft, die Jungen in der “NZZ am Sonntag” verkündet hatte: Der Schweizer Film habe sich inzwischen soweit etabliert, dass er gar keine nationale Werkschau wie die Solothurner Filmtage mehr benötige. Und wenn das Festival eben zu einer Schnarch-Veranstaltung verkommt, dann nur, weil die die interessantesten Werke schon anderswo gelaufen sind.

 

Dennoch ist die Frage berechtigt, ob die Filmtage wie Max in E Nachtlang Füürland ihren ideellen Wurzeln entwachsen sind und an der eigenen Angepasstheit scheitern. Der Schweizer Film, wie er sich seit einigen Jahren in Solothurn präsentiert, ist brav und wenig innovationsfreudig. Nicht umsonst stellte die Langweiligkeit von Akte Grüninger den einzigen echten Skandal der letztjährigen Filmtage dar.

 

“Das wäre sowas von gelogen gewesen!”

Man fragt sich daher schon, was heute noch von der just do it-Attitüde und der Wahrhaftigkeit übriggeblieben ist, wie sie beispielsweise Legnazzi und Klopfenstein in E Nachtlang Füürland an den Tag legen. Der Film lebt vom improvisierten Spiel seiner Hauptdarsteller, eingefangen mit dem hochempfindlichen Fujicolor-400-Film an Original-Schauplätzen. Dafür ging das Werk als Exempel einer fruchtbaren Annäherung zwischen Fernsehen und unabhängigen Filmemachern in die Schweizer Filmgeschichte ein.

 

Natürlich musste auch damals für so viel Natürlichkeit gekämpft werden. „Das Fernsehen hatte ganz am Anfang den Vorschlag gemacht, diese Kneipen im Studio 4 nachzubauen“, erinnert sich Klopfenstein am Einführungsgespräch vor Beginn der Projektion. “Es tschuderet mich noch heute wenn ich diesen Film [so] hätte machen müssen. Das wäre so was von gelogen gewesen!”

 

Waren früher also Filmemacher mutiger, das Kino radikaler und überhaupt alles besser? Sind die wilden Zeiten vorbei, wie sie von Filmkritikern älterer Semester so gerne nostalgisch hochgehalten werden? Und braucht es die Solothurner Filmtage noch, wenn sich die wirklich sehenswerten Werke auch ohne die angepassten Erwartungen ausserhalb dieser Wohlfühlzone behaupten können?

 

Kein Happy End, aber den Zweck erfüllt

Der Vergleich mit den ersten Filmtage-Jahrzehnten ist unfair, weil der Output der hiesigen Branche drastisch zugenommen hat und das Festival gleichzeitig gewachsen ist. Klar wird dabei auch viel Belangloses produziert und präsentiert. Wirklich alarmierend ist jedoch der nach wie vor lächerlich kleine Marktanteil von Schweizer Filmen im regulären Kinobetrieb. 2014 schrumpfte dieser sogar von 6,2 auf 5,05 Prozent. Die Branche muss aufpassen, dass sie das Publikum mit ihrer Mutlosigkeit nicht vergrault wie Max seine Chrige.

 

 

Wobei, zuletzt wollte Füürland-Co-Regisseur Legnazzi sein Filmende nicht allzu pessimistisch verstanden wissen: Auch wenn Max sein Pamphlet vor dem Radiomikrofon nicht vorzulesen wagt, bekäme es der Zuschauer schon früher im Film zuhören. “Der Zweck war erreicht, obwohl Max dann geklemmt hat.” Vielleicht verhält es sich mit den Filmtagen ähnlich: Wenn es schon wenig Innovatives zu bestaunen gibt, dann ist Solothurn zumindest einmal im Jahr der rechte Ort, um genau darüber zu diskutieren.

Neununddreissigster Brief aus Deutschland

Liebe Schweizer, geehrte Schweizerinnen,

 

Heute gibt es ein kleines Novum, denn erstmals in der langjährigen Geschichte der beliebten und vielfach ausgezeichneten „Briefe an die Schweiz” wird dieser Brief von nur einem der beiden Autoren verfasst. Und das bin ich. Philipp. Guten Tag!

 

Der Grund ist ganz einfach: Peer, mein geschätzter Kollege, ist krank. Oder hat keine Lust. Das weiß ich gerade nicht so genau. Jedenfalls drängte uns wie so oft die Tink-Redaktion, schnellstmöglich den neuesten Brief aus Deutschland fertigzustellen.

 

Also muss ich nun ran.

 

Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein wenig zu erzählen, wie ich die ganze Sache mit den Briefen an die Schweizer Nation so betrachte.

 

Viele unserer Briefe können den Eindruck erwecken, wir mögen Ihr Land gar nicht. Das ist zum Teil auch richtig. Aber dieser Teil liegt derzeit krank in einem Bett in Bremen. Oder hat keine Lust. Ich weiß es wirklich nicht!

 

ICH war immer schon ein riesengroßer Fan der Schweiz. Tatsächlich habe ich 12 Jahre in Bern gelebt. Das jedoch weiß Peer nicht und das darf er auch NIEMALS erfahren.

 

Peer dagegen hasst die Schweiz wie die Pest! Als uns damals die hübsche Idee zu dieser Kolumne kam, schlug ich vor, kleine Briefe an Österreich, Schweden, Armenien, Polen, Liechtenstein oder auch Ostdeutschland zu schreiben. Aber Peer war wie besessen darauf, wöchentlich der Schweiz einen Brief voller Vorwürfe, Ratschläge und kleiner subtiler Spitzen zu schicken. Ich knickte schnell ein, was weniger an der angebotenen Gage als vielmehr an mangelnder Diskussionslust lag.

 

Peer schimpfte täglich über Schweizer Gepflogenheiten, deren Politik, das Volk, die Währung, die Sprache(n), die Form des Landes, die namen der Städte und Kantone – wirklich alles verachtete er und ich hatte große Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass unsere Briefe nicht zu lang werden dürfen, um auch noch genügend Material für die darauffolgenden Wochen zu haben.

 

Tatsächlich läuft es Woche für Woche nach demselben Schema ab: Peer und ich treffen uns, klappen unseren Laptop auf, ich frage, ob er eine Idee für einen neuen Brief hat und stelle, noch bevor ich diesen Satz beendet habe, fest, dass er bereits gedankenverloren und wie im Wahn auf die Tastatur einhaut und schreibt, was das Zeug hält.

 

Dieser Zustand hält etwa eine Dreiviertelstunde an. Danach schaue ich drüber und streiche sieben Achtel des Briefes komplett weg, ersetze allzu unflätige Bemerkungen durch etwas jugendfreundlichere Wörter und versuche, dem gesamten Brief durch eine anständige Grammatik etwas mehr Ernsthaftigkeit zu verleihen.

 

Ich persönlich verstehe nicht, wie man ein Land wie Ihres nicht mögen kann. Ich meine, wenn Sie mal alleine verfolgen, was in Deutschland gerade vor sich geht. Stichwort: Pegida. Da gehen tatsächlich wöchentlich tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Islamisierung zu demonstrieren. Fehlt nur noch, dass es bald eine Volksabstimmung über ein Minarettverbot geben wird. Sie finden das lächerlich? Ja, aber so ist Deutschland!

 

Naja, genießen Sie die Ruhe in Ihrem Land. Seien Sie froh darüber, dass Sie einander haben, erfreuen Sie sich an Ihrer eigenen Währung, die wenigstens seit Jahrhunderten stabil ist und sich nicht regelmäßig irgendeiner sinnlosen Aufwertung ausgesetzt sieht. Und machen Sie einfach so weiter wie bisher.

 

 

Ich mag Sie.

 

Ihr halbes Deutschland!

Ist dein Hund gestorben?

“Ist dein Hund gestorben?”, “Wurdest du von deiner grossen Liebe verlassen?” – Diese und weitere Fragen werden dem Eintretenden schon im Treppenhaus auf Plakaten in schlichter schwarzer Schrift gestellt. Es herrscht ein reges Treiben, Alt und Jung geben sich die Türklinke in die Hand und Kunstszenekenner schreiten neben unsicher wirkenden Neulingen die Stufen hinauf. Trotz der Verschiedenheit der Besucher huscht über fast jedes der Gesichter irgendwann ein Lächeln – immer wenn sich jemand durch eines der Fragenplakate ertappt fühlt.

 

Sammlung persönlicher Erinnerungen

Die Pop-Up-Ausstellung im Zürcher Kreis 3 ist das erste gemeinsame Projekt der drei Künstlerinnen Ivana Kvesic, Simone Leibundgut und Susanne Bühler, die sich 2014 im Rahmen einer Kulturmanagement-Weiterbildung kennengelernt und darauf den Verein ahoi gründet haben. Gezeigt wird eine Sammlung von 41 persönlichen Erinnerungsstücken an vergangene Bindungen, die dem Trio von den unterschiedlichsten Menschen zur Verfügung gestellt wurden. Hier die Puppe, gezeichnet von liebevollen ersten Schminkversuchen in der Kindheit, dort die Zahnbrücke des verstorbenen Vaters, daneben die Leninbüste mit farbenfroher Kriegsbemalung.

 

Alle gezeigten Gegenstände finden liebevoll arrangiert ihren Platz in den drei Ausstellungsräumen, die normalerweise von Hotelgästen der Pension Zum Guten Glück bewohnt werden. Schlichte braune Plaketten an den Wänden erzählen die dazugehörigen Geschichten – teilweise in sich abgeschlossen, mit oder ohne Happy End, manchmal aber auch nur bruchstückhaft und mit vielen offen bleibenden Fragen.

 

Zum Schmunzeln und traurig werden

Auf einem kleinen braunen Beistelltisch liegt zum Beispiel ein beinahe schon antiker Laptop, den die Besitzerin von ihrem damaligen Freund vor einer längeren Reise als Geschenk bekommen hatte. Während sie die Welt erkundete, diente das Gerät noch als Verbindung zum Liebsten, kurz nach ihrer Rückkehr wurde sie jedoch von demselben – paradoxerweise – wegen ihres Konsumwahns verlassen. Nun hofft sie, den Laptop durch diese Ausstellung irgendwie loszuwerden: “Bei Interesse bitte an die Künstlerinnen wenden”, steht darum auf der Plakette.

 

Während diese Geschichte bei vielen unverzüglich ein Schmunzeln hervorruft, gibt es auch solche, die einen traurig werden lassen. Jene beispielsweise, die das Schildchen neben einem einzelnen Schlüssel an einer Tür erzählt. Dieser gewährte der Besitzerin Eintritt in eine kleine Hütte in einer Favela Brasiliens – dem Zuhause ihrer damaligen grossen Liebe. Trotz der zwei grundverschiedenen Welten, die in dieser Beziehung aufeinander trafen, hielt sie über längere Zeit stand. Als die Frau ihren Freund jedoch erneut besuchte, war dieser den Drogen und der Kriminalität verfallen. Und so blieb nur dieser Schlüssel als Erinnerung an den Weg, den man einmal zusammen gegangen war.

 

Grosse Emotionen und eigene Empfindungen

Trotz der zahlreichen Besucher herrscht in den Räumen eine angenehme Stille, jeder scheint seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Die Ausstellungsstücke berühren, sie animieren zum Nachdenken. Eigene Erinnerungen mischen sich mit Vorstellungen über die Personen hinter den Gegenständen. Oftmals sind die geschilderten Emotionen regelrecht spürbar, und plötzlich scheint auch die Wahl eines Hotels als Location passend: In den kargen Zimmern, Orten des stetigen Kommens und Gehens, wird die Trauer und Leere nach dem Verlust der grossen Liebe oder des verstorbenen Kindes besonders nachvollziehbar. Was Kvesic, Leibundgut und Bühler hier zeigen, ist Kunst, die bewegt und die einen noch weit über den Heimweg hinaus beschäftigen wird.

 

Wände voller farbiger Post-Its

In einem Raum, gefüllt mit grauen Heliumballonen, die irgendwie leicht wirken und trotzdem schwer von der Decke drücken, erhält jeder Besucher die Möglichkeit, Teil des Projekts zu werden. Auf Augenhöhe an Schnüren befestigt werden wiederum Fragen an das Leben gestellt. Ausschnitte aus Max Frischs “Fragebuch”, Rolf Dobellis “Fragen an das Leben”, aber auch Inputs des Künstlertrios lassen einen nachdenken. “Bin ich der beste Freund meines besten Freundes?” oder “Was macht mich glücklich?”. Wer die Antwort gefunden zu haben glaubt, kann diese auf einem orangen Post-It an der Wand verewigen.

 

Pinke Zettel zeugen von Erinnerungen an vergangene Beziehungen, die Besucher hier hinterlassen haben, grün steht für Feedbacks an die Macherinnen. Das mit den Farben scheint für einige ziemlich schwierig gewesen zu sein, aber eigentlich spielt das ja gar keine Rolle. Denn eines zeigen die Wände, voll von farbigen Zetteln, nochmals eindrücklich: Diese Ausstellung lässt niemanden kalt. Denn sie behandelt, was wir alle kennen – das stetige Gewinnen und Verlieren, das Kommen und Gehen im Leben.

 

Getreu dem Prinzip der Pop-Up-Kunst war die Dauer der Ausstellung auf zwei Tage begrenzt. Im Newsletter vom 19. Januar schliessen die drei Künstlerinnen weitere gemeinsame Projekte oder sogar eine Fortsetzung von Du&Ich jedoch nicht aus: “Nach einer Erholungszeit werden wir uns überlegen, wie wir euch wieder beglücken können.-, schreibt das Trio. Wir warten gespannt auf die neuen Ideen.

 


Weitere Infos zum Künstlertrio und zu Du&Ich unter www.ausstellungduundich.ch.

Eine Leiche im “Bestatter”

Kurz vor eins verlasse ich 11:23 – 09:59 (Projekt Angst). Eine Qual. Ab in die Kreuzbar. Ich sehe Gesichter, die ich nur einmal im Jahr sehe und schnappe mir das erste Bier von einigen. Keiner meiner Freunde ist anwesend. Zwei-drei Schlucke später sagt mir mein Iphone, dass der grosse Teil meiner Bekannten an einer Party im Kino Uferbau teilnimmt. Mit der vollen Flasche in der Hand laufe ich die hundert Meter und schmeisse mich ins Getümmel. Nach genau drei Sekunden weiss ich, dass ich noch viel zu nüchtern für diese Art von Party bin. Meine Freunde haben Spass und tanzen sich die Seele aus dem Leib. Mich zieht es zurück. Zurück in die Kreuzbar.

 

 

Eine Stunde ziehen meine Freunde nach. Ein ehemaliger Arbeitskollege singt mir ein Ständchen, ein aktueller Arbeitskollege will unbedingt noch an die 50 Jahre Solothurner Filmtage Party. Ich verzichte. Zu schick für mich. Langsam leert sich die Bar, der Barkeeper im (heute grünen) Hawaiihemd sucht nach den Aschenbechern. Gerüchten zufolge sitzt ein Typ am Tresen, der mal eine Leiche im Bestatter gespielt hat. “Nein” sagt er, “das stimmt überhaupt nicht. Ich hatte sogar eine Sprechrolle!” Und Kevin ist da. Kevin heisst eigentlich gar nicht Kevin. Sein richtiger Name ist ähnlich wie Kevin, stammt aber aus einer älteren Generation. Ich komme nicht darauf.

 

 

Die Zeit beginnt zu rennen, ich muss am nächsten Tag vor zwölf in der Redaktion sein. Ob ich das schaffen werde? Das Bier fliesst, die Aschenbecher qualmen, bald darauf füllen sich die ersten Whiskygläser. Nach und nach verziehen sich meine Mittrinker ins Bett und dann sind wir nur noch zu zweit. Ein Barkeeper, ein Gast. Wir singen den Radetzky-Marsch (“tütütü tütütü tü tü tü”) und reden über österreichische Politik. Plötzlich sind die Putzfrauen da und die ersten Gäste gehen in den Saal um zu frühstücken. Mist. Redaktion. Vor zwölf Uhr. Ich habe nur noch fünf Stunden Zeit. Also verabschiede ich mich, springe auf mein Fahrrad und mache mich auf den Heimweg. Und ich habe es in die Redaktion geschafft. Um viertel vor Drei.

Blumenkränze und nackte Brüste

Sie protestieren lautstark auf öffentlichen Plätzen und vor Botschaften, tragen Blumenkränze im Haar, strecken Schilder mit eingängigen Aufschriften in die Höhe und präsentieren stolz ihre blossen Oberkörper, welche über und über mit Schlagworten bemalt sind. Die Botschaften sind simpel, provokativ und kompromisslos. Es sind empörte Statements wie “Ukraine is not a brothel” und Kritiken an der aktuellen politischen Lage wie “Fuck Putins Occupation”.

 

Der Körper als Waffe

Aus den skandierten Parolen und den wehenden Bannern spricht eine unverhohlene Wut: Auf das Patriarchat, diktatorische Verhältnisse im In- und Ausland, die mangelnden Rechte der Frau und die Sexindustrie. Dabei setzen die jungen Frauen ihren mehr oder weniger nackten Körper medienwirksam als Mittel des öffentlichen Widerstands in Szene. Schliesslich werden sie unter schrillem Protestgeschrei von den zuständigen Ordnungskräften in die Streifenwagen gezerrt.

 

So oder ähnlich spielen sich zahlreiche Aktionen der feministischen Bewegung Femen seit ihrer Gründung in der Ukraine im Jahr 2008 ab. An den barbusigen Demonstrantinnen scheiden sich die Geister. Ihre Auftritte überschreiten zuweilen die Grenzen des guten Geschmacks und ihre bewusst sexistische Inszenierung des weiblichen Körpers spaltet Geschlechtertheoretiker in zwei Lager.

 

Intime Einblicke zu feierlicher Kirchenmusik

Genau dieser umstrittenen Gruppe widmet der Waadtländer Regisseur Alain Margot mit Je suis FEMEN von 2014 bereits zum zweiten Mal eine Dokumentation, nach Femen: Les militantes aux seins nus von 2011 eine Dokumentation. Diese hätte eher die Gattungsbezeichnung Porträt verdient, denn sie dokumentiert weniger, als dass sie versucht, einen stark subjektiv gefärbten Eindruck des Lebens der vier Begründerinnen von Femen, allen voran Oxana Shachko, zu vermitteln.

 

Die Zuschauer werden mit Ausschnitten aus diversen Protestaktionen konfrontiert, auf welche unvermittelt Interviewsequenzen und intime Szenen aus dem Alltagsleben der vier jungen Frauen folgen. Alain Margot zeigt die Femen-Frauen dabei wie sie schreiend von der Polizei abgeführt werden und Oxana Shachko wird dabei gefilmt, wie sie ihre Mutter besucht, welche ihre Tochter stolz mit Jeanne d’Arc vergleicht, oder wie sie ihren nackten Körper in der Badewanne abbraust. Zu welchem Zeitpunkt und Zweck dies festgehalten wird müssen sich die Zuschauer selbst zusammenreimen. All dies wird auch noch strategisch wirksam untermalt durch treibende Rockmusik oder meditative Kirchengesänge.

 

Märtyrerinnen für die Sache der Frau

Je suis FEMEN wirft viele Fragen auf. Die kontroverse Figur des Viktor Sviatsky, den die australische Filmemacherin Kitty Green in ihrer Dokumentation Ukraine Is Not a Brothel von 2013 als treibende Kraft hinter der Gruppe Femen vorstellt, verkommt bei Alain Margot zu einer filmischen Fussnote, wird schlicht als “Berater” der Aktivistinnen bezeichnet. Während Kitty Green die Frauen um Femen als von Viktor Sviatsky abhängig darstellt, porträtiert Alain Margot den harten Kern von Femen als selbstbewusst und eigenständig. Er stilisiert die Gruppenmitglieder mit gefälligen Bildern zu Märtyrerinnen für die Sache der Frau. Dabei lässt er leider eine gewisse dokumentarische Objektivität vermissen. Die Sympathie des Filmemachers für die Rebellinnen ist unverhohlen und er gibt im anschliessenden Publikumsgespräch zu, sich während der dreieinhalb Jahren, die er mit der Gruppe verbracht hat, mit den Frauen angefreundet zu haben: “Nous sommes devenus amis.” Negative Stimmen beschränken sich im Film auf einige kurzen Aufnahmen zeternder Passantinnen und die mürrische Stellungnahme eines ukrainischen Polizisten, dass die Mädchen zwar gewaltig nervten, jedoch durchaus Mut besässen.

 

Überwiegend positiv fielen auch die Reaktionen der Zuschauer im Kinosaal aus. Als drei der Protagonistinnen des Films mit Blumenkränzen bekrönt, jedoch sittsam bekleidet, die Bühne betreten, werden sie sogar mit stehendem Applaus und begeisterten Pfiffen beehrt.

Wahlen sind 2015 das Kernthema beim SRF

Die Berichterstattung über die Nationalratswahlen wird in diesem Jahr auf ein erträgliches Niveau zurückgeschraubt. Bei den letzten Wahlen vor vier Jahren hatte man den Berner Bundesplatz zum „Treffpunkt Bundesplatz“ erklärt. Schlussendlich war diese Marke, welche damals in fast allen Programmen der gesamten SRG ausgestrahlt wurde, aber nur eine zu gross geratene Weiterentwicklung von „Jeder Rappen zählt“. Sämtliche Wahl-Sendungen kamen damals vom Berner Bundesplatz und mussten sich der Dachmarke unterordnen.

 

Das Herzstück in diesem Jahr sind die klassischen Informationssendungen im Fernsehen, die mit Spezialausgaben und wahlspezifischen Themen auf Zuschauerjagd gehen dürfen. Beim Radio wurden die zum Inventar gehörenden Präsidentengespräche speziell hervorgehoben. Diese werden im Herbst im Morgenprogramm „Präsidenten-Z’Morge“ von Radio SRF 1 ausgestrahlt. In diesem Gefäss werden die Präsidenten der grossen Parteien zu Gast sein.

 

Stolz ist man darauf, dass das Bundeshaus am Wahltag besser in die Wahlberichterstattung miteinbezogen wird, so werden die Gespräche mit Parteichefs und ihren Parteistrategen in die Wandelhalle verlegt. Die Kritiker, die lieber die Stadt Bern als Hauptaustragungsort der zwölfstündigen Wahlsendung sehen möchten, werden nicht zufriedengestellt, das Rechenzentrum sowie die Schaltzentrale der Sendung bleiben in Zürich.

 

Mona Vetsch chauffiert Politiker

Lange wurde in der Branche gemutmasst, welche Aufgaben die seit Jahren für das SRF tätige Journalistin Mona Vetsch bekommen wird. Während sie auf der Radioseite seit Ewigkeiten für SRF 3 tätig ist, ist sie beim Fernsehen vor kurzem von ihrer Tätigkeit als Club Moderatorin zurückgetreten und wieder der Dok-Redaktion beigetreten.

 

Vetsch feierte als Mitarbeiterin in ebenjener Redaktion und als Reisejournalistin in den Neunzigern und Anfang der 2000 Jahre ihre grössten Erfolge. Mit dem neuen Projekt dürfte sie ihre Fähigkeiten ideal vereinigen und bei guter Umsetzung an ihre erfolgreichen Zeiten anknüpfen. Mona Vetsch wird Politiker im Auto zu Terminen und Wahlveranstaltungen chauffieren und sie so ganz nah kennenlernen. So dürfte ein wichtiges Gesicht des SRF endlich wieder einmal mehr Beachtung finden.

 

Herbstevent noch unklar

Das Hauptthema im Bereich Show ist die Castingshow „Die grössten Schweizer Talente“,  welche von Februar bis April mit der dritten Staffel zurückkehrt. Dies hat SRF aber schon vor längerer Zeit bekannt gegeben. Bezüglich des sogenannten Herbstevents im Show Bereich, letztes Jahr war dies die Fernsehsendung „Kampf der Chöre“, hüllen sich die Verantwortlichen noch in Schweigen.

Was jedoch feststeht ist, dass das SRF weiterhin am Konzept der Event-Programmierungen festhält. Eine fixe zweite Unterhaltungssendung, sozusagen ein Nachfolger des abgesetzten „Benissimo“, sei auch weiterhin nicht geplant, so Sven Saarbach.

 

Sechs neue Filme müssen reichen

In Sachen Fiktion wird in ähnlichem Umfang wie im vergangenen Jahr produziert. Sechs neue SRF-Fernsehfilme sollen dieses Jahr ausgestrahlt werden. Darunter dürfte wohl aber keine so herausragende Produktion mehr sein, wie dies mit dem ursprünglich als Fernsehfilm geplanten „Akte Grüninger“ im letzten Jahr der Fall war. Bis 2016 will das SRF die nächste Mini-Serie in die Hand nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass diese als Ergänzung zum Bestatter gedacht ist und nicht als Nachfolge-Serie.

Schweizer Kunst in der Bronx

In seinem neuen Dokumentarfilm begleitet Angelo Lüdin den Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn bei seinem Kunstprojekt in der New Yorker Bronx. Hirschhorn bezeichnet sich als Fan des Philosophen Antonio Gramsci und möchte dessen Ideen weiterleben lassen. Dies vollbringt er, indem er mit den Menschen aus einem ausgewählten Viertel der Bronx das temporäre “Gramsci Monument” aus Holz baut. Die Anlage lädt zur Lektüre, Diskussionen, Lesungen, Theateraufführungen und vielem mehr ein.

 

Die Geschichten hinter der Kunst

Der Basler Regisseur fokussiert sich auf den Aufbau des Monuments, die Menschen, die daran arbeiten, und ihr Zusammenspiel mit Hirschhorn. Er evoziert Kontraste zwischen dem sehr gut gebildeten Künstler aus der Schweiz und den Afroamerikanern der Bronx, die mit den Bauarbeiten für das Projekt teilweise ihre erste Stelle antreten. Dabei spricht Lüdin auch ihre Haltung zu Kunst und Philosophie an und verknüpft so die beiden Welten.

 

Die Geschichten dieser Menschen, ihre Arbeit und ihr Umgang miteinander werden vor allem in Dialogen und Interviews vermittelt. Trotzdem gehen die Bilder nicht in den vielen Worten unter. Durch Nahaufnahmen tragen auch Gestik und Mimik wesentlich dazu bei, die Menschen fassen zu können.

 

Zwischen Humor und Drama

Etwas unerwartet stellt sich der Film als sehr humorvoll heraus. Dies ist nicht nur den Aussagen diverser Beteiligten zu verdanken, sondern auch der Kamera und dem Schnitt, die aus mancher Szene eine Situationskomik hervorrufen. So zum Beispiel zwei ältere Damen, welche fortlaufend den Aufbau des Monuments verfolgen und zu allem und jedem ihre Kommentare abgeben. Ihr Interesse am Projekt und ihre eigenen Geschichten tragen auch als berührender Aspekt zum Film bei.

 

Trotzdem hält sich der Film stellenweise an der Grenze zwischen dem Lachen mit den Menschen und dem Lachen über die Menschen. Durch die Leichtigkeit bleiben am Ende des Films kaum mehr die Schwierigkeiten hängen, mit denen die Arbeiter des Monuments in ihren Leben zu kämpfen haben. Eine bessere Balance zwischen dem Humorvollen und der Dramatik hätte dem Film nicht geschadet.

 

Die Filmcrew und der Künstler

Trotz vieler Nebengeschichten der Menschen im Viertel bleibt Hirschhorn der Hauptprotagonist. Der Film zeigt die komplexe Persönlichkeit des Künstlers, kritisiert ihn, dessen Arbeitsweise und Haltung. Hirschhorn wiederum verweist anfangs, als er seine neuen Mitarbeiter instruiert, auf die Filmcrew und dass sie sich nicht des Film willens in die Arbeit einmischen dürften. Es ist die einzige Stelle, in der die Filmcrew angesprochen und indirekt sichtbar wird. Im Bild ist die Aufnahmesituation nie tatsächlich zu sehen. Die geringe Selbstreferenzialität lässt zwar den Fokus auf dem Gefilmten, wirft aber umgehend Fragen auf. Wie gross war die Ablenkung durch die Filmcrew? Wie viel griff sie tatsächlich in die Arbeit ein und inszenierte so stellenweise auch Situationen?

 

Lüdin präsentiert einen insgesamt interessanten und unterhaltsamen Film, den man gut auch schauen kann, wenn man sich nur wenig für Kunst und Gramsci interessiert. Denn prinzipiell handelt der Film von Menschen.

“Und was machst Du?” – “Zu viel Bier trinken.”

Es ist halb zwölf. Vor einer knappen Stunde überfluteten die Besucherwellen aus dem zuendegegangenen letzten Filmblock die Hocker, Tische und Stühle. Diese unangenehmste Zeit des Tages geht zu Ende, denn um Mitternacht fahren die letzten Züge nach Zürich, Bern, Basel: Die Besetzung der Bar reduziert sich auf Leute, die grundsätzlich nicht nach Hause müssen. Gute Ausgangslage. Ein friedlicheres Bier später verlassen die Marktgänger und Morgen-Wieder-Um-9-Uhr-30-Filmbesucher die Bar.

 

Am Tresen treffe ich eine alte Schulfreundin. Wir tauschen nettes Geplänkel und ein Bier gegen fünf Franken fünfzig. “Ech liebe Zoriidütsch!” dröhnt es aus der voluminösen Frauenkehle neben mir, glücklicherweise nicht in meine Richtung. Dem bärtigen Vis-à -Vis sträubt sich der Schnauz. Hinter ihm spricht Dürrenmatt mit einem Hahn. Ob Herr Bart vielleicht auch lieber einen Hahn als Gesprächspartner hätte?

 

Nach ein Uhr reiht sich Kurioses an Nebensächliches an Schlimmes. Um viertel nach eins sind Zigaretten “plötzlich einfach verschwunden und weg!”. Oder: “Und was machst Du so?” – “Zu viel Bier trinken.” Um zwei singen drei Männer vor drei Pissoirs ein Ständchen. Ständchen ist zwar übertrieben, denn sie versuchen vier Minuten lang, den selben Ton zu treffen. Um halb drei fliegt der erste raus (keiner vom Trio). Während zehn Minuten erklärt ihm die Wirtin lautstark, dass er jetzt aber wirklich aufpassen solle. Offenbar ist sein männliches Ego durch den Wein ein bisschen gar zu prall angeschwollen. Er erklärt zwar, dass er “das es auso itz ganz nüechtern betrachtet scho eifach nid eso isch ächt itze!” Kaum verschwindet die Wirtin in der Tür, geht sein Gang zu den nächstrauchenden Damen und der Sermon beginn auf ein Neues. Das Zürideutsch trägt wohl auch nichts zur Erheiterung der Zuhörerinnen bei, genau so wenig wie der kleine Rotweinspringbrunnen in der Hand des Hinausgeworfenen.

 

Letzte Runde, halb vier. Unter Männern: “Gheimratsegge, dasch äbe scho no sexy!“ – “Du, lieber uf dr Site chli weniger u ir mitti no vou, schüsch muesch när aues vor site id Mitti bürschte, aber das gseht de ersch rächt schlimm uus!” Recht hat er (Ein Hoch auf meine kleinen Geheimratsecken!, denke ich mir). “De Mike ghört sicher zu dene wo ide Mitti nümme hett, drum leit er au immer Perügge aa!” – “Aber de Mike Müller macht das nur zum Spass, nid?” – “Näi, dänk de Privat-Mike, nöd de Staats-Mike. De Shiva Mike dänk!” Währenddessen macht Willi unten die Tür zu.

 

Es verbleiben die letzten acht Gestalten. Zwei Barleute, zwei Besucher, ein Schauspieler, ein Postproduzent, eine Produktionsleiterin, ein Journalist. Der Boden ist inzwischen wieder dunkelbraun. Die weissen Flecken aus Popcorn sind im Mülleimer. Der Chef de Bar im rosa Hawaiihemd wirft vier Aschenbecher auf den Tresen und sieben Klicks kommen aus sieben Feuerzeugen. Jetz is zu. Privatparty. Und natürlich geht es weiter bergab. “Aber das waren doch auch so Wixer!” Ein paar Biere tauchen noch auf. “Aber Wixer ist doch inzwischen auch politisch inkorrekt.” Drei Gläser Whisky gesellen sich zu den Bieren – Degustation, versteht sich. “Aber wie soll man den sagen? Masturbator?” Es ist halb sechs. Ich entscheide mich, mein letztes Bier auf den Weg mitzunehmen. Mit einem Gute Nacht an die Runde verabschiede ich mich aus der Bar und schaue noch auf zwei Schlucke beim Team vorbei, das einen Stock tiefer austrinkt. Draussen schneit es wieder.

 

Sechs Stunden Kreuzbar drücken auf die die Leber, das Portemonnaie und das Niveau. Den ganzen Abend gehts bergab. Aber den ganzen Abend gehts bergauf. Nur eine Woche lang gibt es diese Bar so, wie sie ist und sein soll. Man trifft auf Ego-Zirkus, Sprüche weit unter einer Ahnung einer Gürtellinie und Leute, mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. Zum Schluss bleiben immer die, die nirgendwo anders sein wollen, als in genau dieser Bar. Vielleicht wussten sie das noch nicht, bevor sie zur Tür reinstolperten. Nichts spielt mehr eine Rolle. Wichtig ist nur, das letzte Bier nicht mehr ganz auszutrinken. Die Filmtage haben erst begonnen.