Gesellschaft | 05.12.2014

Zu Besuch beim Blowdoc

Unsere Freunde von mokant.at begleiten den Burn-Out-Patienten Thomas in die Praxis des Allgemeinmediziners Kurt Blaas. Ihre Mission: Cannabis auf Krankenschein.
Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt. (
Bild: flickr.com/Dank Depot)

Ein typischer Altbau in Wien Neubau. Hier befindet sich die Praxis des Allgemeinmediziners Kurt Blaas. Dieser wird von seinen Patienten auch “Blowdoc” genannt und ist seit Jahren als Verfechter der Cannabistherapie bekannt. “Cannabis, das könnte ich gut brauchen”, erklärt uns Thomas, der seit einem halben Jahr an Burn out leidet, vor dem Eingang zur Praxis. Diverse Therapien mit Antidepressiva hat der junge Sozialarbeiter aus Wien bereits hinter sich. Diese hätten aber nie zum gewünschten Erfolg geführt. Nur mit Cannabis könne er sich richtig entspannen: “Der Stress fällt einfach von mir ab, wenn ich rauche. Leider ist mir dabei aber immer bewusst, dass ich mit einem Bein im Gefängnis stehe.”

 

Zeckenschutz, Reiseapotheke oder Marijuana?

Wir betreten die Praxis und werden gleich im Eingangsbereich von einem Plakat mit der Aufschrift “Liberate Marijuana” begrüßt. Es wurde hier ganz selbstverständlich neben einer Werbung für Zeckenschutzimpfung und einer Information der Wiener Gebietskrankenkasse zum Thema Reiseapotheke auf einem Paravant befestigt. Hinter dem Paravant: die Ordinationshilfe. Für Thomas die erste Hürde. “Ich schäme mich doch ein wenig hier zu sein”, wird er uns später im Wartebereich erzählen. Doch hinter der Raumabtrennung interessiert man sich gar nicht für den Grund unseres Erscheinens. Man möchte eigentlich nur die e-card sehen.

 

Ein Blick in die etwas verstaubte Ordination verrät gleich: Blowdoc muss ganz schön herumgekommen sein. Thailändische Buddhastatuen hinter Zimmerpflanzen, afrikanische Holzschnitzereien am Fensterbrett – ein gewagter Souvenirmix zieht sich durch die gesamte Praxis. Auch das ein oder andere Duftlämpchen wird hier scheinbar ab und an in Betrieb genommen – doch heute leider nicht. Ansonsten erinnert die Praxis in puncto Möblierung und Charme eher an ein altes Amtsgebäude. Die dunklen Holzstühle mit roter Samtsitzfläche haben schon bessere Zeiten gesehen. Wir auch. Denn heute ist die Ordination ganz schön voll und wir stellen uns auf lange Wartezeiten ein.

 

Gefühlte acht Stunden und viele, viele Patienten später kennen wir den Grund für die langen Wartezeiten und die überfüllte Ordination: Dr. Blaas scheint eine große Plaudertasche zu sein. Oder ein guter Zuhörer für seine Kundschaft. Auch wenn wir den Inhalt der Unterhaltungen durch die weiß lackierte Flügeltür nicht verstehen können, liegt der Schwerpunkt hier scheinbar doch im Gespräch.Ungewöhnlich lange verbringen die Patienten hier ihre Zeit im Untersuchungszimmer.

 

Dronabinol – auch für die schmale Börse?

Endlich werden auch wir aufgerufen und betreten den Behandlungsraum. Blowdoc lugt hinter seinem Schreibtisch und einem überdimensionierten Ficus Benjamin hervor. Der blasse ältere Herr lächelt freundlich und ich stelle mich als “gute Freundin” und “Begleitperson” vor.

 

Thomas, dem zuvor noch alles höchst unangenehm war, berichtet nun unaufgefordert von seiner Erkrankung, den Symptomen und dem bisherigen Therapieverlauf. Dr. Blaas hört zu und unterbricht nur ab und zu durch ein “Aha” oder “Achso”. Nach seinem kleinen Vortrag sieht Thomas den Blowdoc erwartungsvoll an, dieser tippt aber nur langsam und ein bisschen umständlich in seinen PC. Nach einer kleinen Schweigepause versucht Thomas deutlicher zu werden: Da alle anderen Medikamente bis jetzt versagt haben, würde er es gerne mit der Cannabistherapie versuchen.

 

“Das hätten Sie mir aber gleich sagen können!”, meint der Blowdoc und sieht hinter dem Bildschirm hervor. Diesem Anliegen könne er lediglich in der Privatordination nachkommen. Thomas nickt und möchte gleich einen Termin vereinbaren. Doch so schnell geht das nicht: Zuerst müsse ein Formular auf der Homepage seiner Arbeitsgemeinschaft für “Cannabis als Medizin”(CAM) zur Terminvergabe ausgefüllt werden, erklärt Dr. Blaas. Erst danach wäre ein erstes Abklärungsgespräch möglich.

 

Mit diesen ernüchternden Worten werden wir aus der Praxis verabschiedet und finden uns eine Stunde später auf besagter Homepage wieder. Von langen Wartezeiten auf eines dieser Erstgespräche mit Dr. Blaas ist hier die Rede und von 100 Euro, die dafür zu entrichten seien. Sollte dann ein Rezept ausgestellt werden, müsse man noch einmal 20 Euro locker machen. Thomas schrecken die Kosten nicht ab. Doch leider ist es damit noch nicht getan: Droabinol – so der Name für synthetisch hergestelltes, medizinisches Cannabis – muss erst chefärztlich bewilligt werden, wenn die Kasse dafür bezahlen soll. Dafür bräuchte Thomas wiederum einige fachärztliche Gutachten über seine Beschwerden. Langsam wird das alles ein wenig kompliziert – und teuer: Denn sollte die Befürwortung des Chefarztes nicht erfolgen, sind für 10 Milliliter Dronabinol 300 Euro fällig, Kapseln gibt es in der schwächsten Dosierung ab 93,60.

 

Cannabis für Schwangere und drei Anwälte

“Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie am besten uns, weil Ihr Arzt oder Apotheker höchstwahrscheinlich keine Ahnung hat”, gibt sich die Arbeitsgemeinschaft CAM selbstsicher. Vorstandsmitglieder sind neben Dr. Blaas einige Dronabinol Patienten. Gemeinsam wurde ein möglicher “Beipacktext” für Cannabinoide erstellt: So stelle Cannabis ihrer Meinung nach ein “vergleichsweise gefahrloses Präparat dar”, wenn man zum Beispiel unter Schwangerschaftserbrechen leide und auch bei der Geburt wäre es “ausgesprochen hilfreich”. Aber auch bad news haben die Experten parat: Das High, wie man es von genussorientiertem Cannabiskonsum kennt, trete bei therapeutischem Gebrauch häufig nicht auf, weil “viele der erwünschten Wirkungen bereits bei Dosierungen unterhalb der psychotropen Schwelle eintreten.”

 

Thomas sieht man sein Burn out nun wieder deutlich an. Dass auf der Homepage nun auch noch zum Beziehen eines Rechtsbeistandes geraten wird, sollte man wegen der Cannabistherapie in Konflikt mit dem Gesetz geraten, macht Dronabinol für ihn nicht unbedingt attraktiver. Drei Anwälte kann Dr. Blaas zukünftigen Patienten besonders empfehlen, einer davon habe sogar für einen Welser AIDS- Kranken den Eigenanbau für medizinischen Bedarf durchgesetzt. Doch Thomas ist sich nun sicher: Er wird den Antidepressiva wieder eine Chance geben.