Gesellschaft | 07.12.2014

Widersprüche beim “Blick am Abend”

«Blick am Abend" ist allgemein nicht als eine qualitative und kompetente Zeitung bekannt. In seinen Kommentaren, die in loser Folge in der Zeitung erscheinen, beweist Chefredaktor Peter Röthlisberger diese Woche zudem wenig Feingefühl.
Eine Ausgabe lang fanden in der Berichterstattung der Pendlerzeitung "Blick am Abend" wichtige Themen wie ISIS oder Ebola keinen Platz.
Bild: Titelseite "Blick am Abend" vom 17. 10. 2014

Am vergangenen Montag startete Peter Röthlisberger, Chefredaktor vom “Blick am Abend”, eine Charmeoffensive für seine Zeitung. Neben dem auf Seite zwei veröffentlichten Kommentar wurden deswegen auch keine “harte News” platziert, sondern ein Aufruf an alle Liebespaare in der Schweiz – den Bildern zufolge werden allerdings nur heterosexuelle Paare angesprochen.

 

Die Zeitung will die Verliebten nochmals an den Ort führen, wo sie “den schönsten Moment mit Ihrem Schatz erlebt haben”. Ein kurzer Blick auf die dazugehörige Website “lovecontest.ch”, wo sich willige Paare melden können, zeigt: Wer den Wettbewerb gewinnen will, muss “sämtliche bestehende und künftige Rechte an den eingesandten Film-, Bild- und/oder Tonaufnahmen an Ringier” abtreten. Hach, wie romantisch!

 

“Genug harte News”

Der Kommentar von Röthlisberger handelt aber nicht nur von Verliebten. Weiter im Text spricht der Chefredaktor auch die neue Rubrik auf der letzten Seite an, wo Personen vorgestellt würden, die “das Wohlergehen der anderen über ihr eigenes stellen”.

 

Röthlisberger schreibt weiter: “Von Beginn an waren wir der Auffassung, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, genug harte News via Zeitung, Radio und Internet gesehen und gehört haben, wenn Sie nach getaner Arbeit heimfahren – mit unserer Zeitung.”

 

Medien würden Kobane vergessen

Eigentlich ist es nichts neues, dass sich der “Blick am Abend” als unterhaltsame Abendlektüre vertreibt. Doch nur zwei Tage nach dem Aufruf sieht sich der sonst wenig gesprächige Chefredaktor in der Pflicht, sich für die Berichterstattung über den Krieg des Westens gegen den IS einzusetzen.

 

In seiner Kritik stehen die Medien im Mittelpunkt: “Kobane findet nicht mehr statt. Aus den Schlagzeilen verbannt, die Erde dreht sich weiter. Daran sind wir Medien schuld.” Diese Aussage steht in klarem Widerspruch mit Röthlisbergers Kommentar von Montag. Doch nicht nur das.

 

Wenn ISIS und Ebola Pause machen

Erst am 17. Oktober weigerte sich die Pendlerzeitung, jegliche schlechte Nachrichten abzudrucken. “Ebola, ISIS, Börsencrash”, zählte die Boulevardzeitung auf der Titelseite auf und setzte in übergrossen Lettern nach: “Heute machen wir Pause”. Man wolle für einen Tag (oder eben Abend) den positiven News den Vorrang lassen, “über aufstrebende Menschen” oder hervorragende Wetteraussichten berichten.

 

Kritik an die falsche Adresse

Die Kritik hätte der Chefredaktor folglich an seine eigene Adresse richten müssen – doch welche Zeitung will sich schon selbst in Misskredit bringen? Bereits vor zwei Jahren sorgten drei Zeilen für mächtig Empörung (siehe weiter unten). Nur mit Mühe entschuldigte sich die Pendlerzeitung damals.

 

Manchmal wäre es angebracht, sich vor der Publikation etwas über die eigene Zeitung schlau zu machen – gerade als Chefredaktor. Denn Doppelmoral ist Gift für jede Zeitung – und bekommt so manchen Leser nicht gut. Das hätte auch Röthlisberger wissen müssen.

 

Falsche Überschrift


In seiner Ausgabe vom 30. November 2012 erschien im “Blick am Abend” unter dem Titel “60 Prozent der Asylbewerber sind HIV-positiv” ein Artikel, der von mangelnden medizinischen Tests von Asylsuchenden handelte. Im Artikel stand allerdings nichts, dass den Titel bestätigen hätte können. Später gab der zitierte Harry Witzthum gegenüber bildblog.de an, der Titel sei nicht von der Autorin gesetzt worden.

 

Trotz grosser Resonanz auf die Falschmeldung in den sozialen Medien reagierte “Blick am Abend” erst fünf Tage später: “Der Artikel mit dem Titel ’60 Prozent der Asylbewerber sind HIV-positiv’ ist inhaltlich richtig. Leider stimmt aber der Titel zum Artikel nicht”, stellte eine kleine Infobox unter dem Titel “Fairness bei Blick am Abend” auf der Seite 5 klar. “Wir entschuldigen uns für diese Unsorgfältigkeit.”

 

Unsorgfältig war der Titel allemal, schliesslich wurde eine Bevölkerungsgruppe direkt als Träger einer Krankheit beschimpft. “Wir haben in der Hitze des Blattabschlusses einen sehr ärgerlichen journalistischen Fehler begangen”, räumte Chefredaktor Peter Röthlisberger in seiner Beschwerdeantwort vom 7. Januar 2013 schliesslich ein. Auch der Presserat sieht die Ziffern 1 (Wahrheit) und 3 (Entstellung von Tatsachen) der “Erklärung” verletzt und gibt den eingereichten Beschwerden recht.