Gesellschaft | 05.12.2014

Warum ich Weihnachten hasse und Knecht Ruprecht liebe

Text von Segen Woldeyesus | Bilder von Lupo / pixelio.de)
In der ganzen Schweiz grassiert ein Virus. Das extrem ansteckende Virus, das für Übelkeit und Kaufsucht sorgt. Die Folge: Menschen blättern Tausende von Franken für unnötigen Konsum hin.
Weihnachten ist für viele nicht nur eine Zeit der Besinnlichkeit: (
Bild: Lupo / pixelio.de)

Die Saison „Lasst-uns-froh-und-munter-sein“ hat begonnen – und mit ihr der Startschuss zu Sturm und Drang. Coop und Migros sind mit Lebkuchen und Zimtsternen ganz vorne dabei. Unterstützt wird diese harmonisch-aufheiternde Stimmung mit den ersten Weihnachtsliedern von Radio Freiburg. Die ersten Stände werden aufgebaut, Lichter leuchten und hängen quer durch die Altstadt. Die Kirchen bereiten sich auf ein volles Haus vor.

 

Nur mal kurz die Welt retten?

„Rettet die Welt“ heisst es auch dieses Jahr, denn Friedensaktivisten sind wieder unterwegs. Bob Geldof und seine Band Aid-Mitglieder entpuppen sich als Wohltäter der Menschheit und singen jährlich dasselbe Gedöns. Seit 1984 fragt man schon: „Do they know it‘s Christmas time at all?“ Nach dreissig Jahren müsste auch der isolierteste Afrikaner wissen, dass Weihnachten vor der Türe steht.

 

Die Mär vom Geist der Weihnacht

Die Menschen sind vom Virus regelrecht befallen. Diesen zu bekämpfen scheint hoffnungsloser als der Kampf gegen Ebola. Ein Gegenmittel hierzu haben Forscher nämlich noch nicht finden können. Die Rede ist vom Geist der Weihnacht. Wer ist dieser Geist, der Massen in die Kirchen stürmen lässt?

 

Wer ist dieser Geist, der Menschen dazu bringt, überteuerte Geschenke zu machen? Wer ist dieser Geist, der tausende Tannen abholzen lässt?  Und wer ist dieser Geist, der aus dem Nichts Menschen zu devoten Friedensliebhabern macht?

 

Diese Fragen suggerieren, dass es sich bei dem Geist um einen religiös-fanatischen, radikal-kapitalistischen, naturzerstörerischen Pazifisten handelt. Ziemlich gegensätzlich. Dennoch: Der Geist befällt alle – egal ob Christen, Humanisten oder Atheisten und lässt diese zu Narren mutieren.

 

Kommerz-Klaus

Auch wenn Christen an Weihnachten die Geburt Jesu zelebrieren, ist der Heiland eher nebensächlich. Der Weihnachtsmann – Made in America ist zentral. In der Bibel ist dieser nicht zu finden, jedoch tauchte er in der Geschichte bereits in unterschiedlichen Formen auf, bevor er 1932 von Coca Cola unter Vertrag genommen wurde. Seither scheint es so, als könne man dem korpulenten Mann im roten Overall mit den zart-rosa Bäckchen und dem schneeweissen Zottelbart einfach nicht widerstehen. Vor allem, wenn dieser Unmengen an Geschenken mit sich trägt.

 

Dabei müsste vor allem in der Ära 2014 der Sandalenträger Jesus von Nazareth mit Bart und langem Haar auf die Hipster mehr Eindruck schinden.

 

Warum ich Knecht Ruprecht liebe

Die Saison der Heiterkeit ist eigentlich die Saison der Verzweiflung. Denn die moderne Weihnacht weicht vom ursprünglichen Geist des Festes ab. Heute sind die Feiertage eher wie primitiver Keynesianismus mit einem kurzfristig orientierten Wirtschaftsziel. Der gezwungene Austausch an Geschenken, das Tätigen einer Spende und die Heiterkeit sind das Ergebnis des artifiziell-geschaffenen Gutmenschen. Er funktioniert in seiner sozialen Ader wie ein Roboter, da es konventionell vorgeschrieben ist.

 

In Wahrheit ist das Fest der Liebe das Fest der Hiebe, denn die Rute, die geschaffen wurde, um Kinder zu gutem Benehmen zu animieren, sollte in Wahrheit an uns gehen. Obwohl Solidarität keinem wehtut, beschränken wir uns damit gerne auf diese paar Tage im Jahr. Dagegen wird an den restlichen Tagen Solidarität durch Egoismus ausgetauscht. Es scheint so, als bräuchten wir Knecht Ruprecht und Weihnachten, um Menschen an Mitmenschen in Not zu erinnern.

 

Candide und der Optimismus

Nach dem ganzen Pessimismus müsste man meinen, Weihnachten sollte boykottiert werden. Aber das ist nicht Sinn und Zweck. Jedoch sollte der Esprit der guten Seele nicht nur auf kurze Zeit beschränkt sein.

 

In Voltaire‘s Candide heisst es „Il faut cultiver notre jardin“ (zu dt. „Wir müssen unseren Garten züchten“). Dabei ist nicht die Rede von Verantwortung aller Gärten in der Welt. Würde jeder seinen Garten pflegen, hätten wir eine Welt mit vielen, kleinen, aufblühenden Gärten. Ziemlich viel Kitsch und dennoch nicht ganz falsch.

 

Wir projizieren die Not auf die Ferne. Die Probleme in der Nähe fallen uns nicht auf. Sei es der Nachbar, der Hilfe benötigt, Arme in unserer Gesellschaft, Obdachlose oder Asylanten aus den Kriegsgebieten. All diese geraten in Vergessenheit, doch sie befinden sich in unserem Garten und dürfen deshalb nicht vernachlässigt werden.