Gesellschaft | 05.12.2014

Fünfunddreissigster Brief aus Deutschland

Ob im Büro oder im Bunker: Der durchschnittliche Deutsche braucht nicht viel, um sich an einem Ort heimelig zu fühlen. So auch unsere Kollegen von Eine Zeitung, die auf ihrem Büro-Sofa schon so manche Sternstunde der satirischen Berichterstattung erlebten und uns daran teilhaben liessen. Doch jetzt ist das Sofa verschwunden, und damit auch ihr Esprit.
Die deutsche Friedensbrieftaube musste schon vieles mit ansehen, was auf dem Sofa passiert ist. (
Bild: Katharina Good)

Schnauze, Schweizer!

 

Ja, sorry!

 

Es wird Sie jetzt vielleicht überraschen und es tut uns auch beinahe Leid, dass Sie uns auch mal von dieser unangenehmen Seite kennenlernen, aber wir sind sauer. Richtig sauer.

Ja, wir wissen, was Sie nun denken mögen: «Ein wütender Deutscher? Ich dachte, sowas gibt es nicht!«

 

Aber wir möchten Ihnen kurz erklären, was uns so dermaßen auf die Palme bringt. Zur Entwarnung: Es hat diesmal nur am Rande mit Ihrem Land zu tun.

 

Der Grund liegt vielmehr an unserem «Büro«, in dem wir seit jeher erfolgreich arbeiten und in dem auch bisher jeder unserer Briefe an die Schweiz entstanden ist. Und noch so viele weitere Projekte, mit denen wir seit 1983 unser Geld verdienen.

Genaugenommen war unser Büro ein dunkler, verrauchter, ruhiger und sehr gemütlicher Raum in einem Bistro im Norden Deutschlands. Es war einer der wenigen Bereiche, in denen man als Deutscher noch öffentlich rauchen durfte. Wir hatten alles, was wir brauchten: Ein kühles Bier, eine Schachtel Zigaretten, unsere Schreibutensilien (anfangs ein Papierblock samt Kugelschreiber, seit 2007 dann ein Laptop und seit 2012 sogar Internet), Ruhe und ein unheimlich gemütliches Sofa, auf dem man den ganzen Abend verbringen und arbeiten konnte. Hat sich im Laufe der Zeit auch die Welt um uns herum verändert – auf unser Büro und das Sofa war stets Verlass.

 

Mehr als 250 Mal hat die Belegschaft des Bistros gewechselt. Stammgäste kamen, Stammgäste gingen. Doch selbst als der beliebte Leberkäse 2005 von der Speisekarte gestrichen und durch eine kalte Pfefferknackwurst ersetzt wurde – das Sofa blieb. Und somit auch wir.

Als letztes Jahr der Wirt hinter der Theke erschossen wurde, haben wir das gar nicht mitbekommen, so zurückgezogen ist dieser kleine süße Raum. Danach haben die Angestellten einfach aufgewischt, die Leiche entsorgen lassen und eine Lokalrunde gegeben, von der wir leider auch nichts mitbekommen haben, weil der kleine süße Raum halt so abgeschottet ist.

Oder bei der überraschenden Kernschmelze 1997 ganz in der Nähe, ja, da fanden wir in unserem kleinen Büro auf dem Sofa Schutz, während draußen die Menschen panisch umherirrten.

Dann übernahm ein gedunsener Italiener das Lokal, aber es blieb alles, wie es war. Sie sehen, einfach ein tolles Ding, dieses unser Büro!

Uns kommen beim Schreiben gerade die Tränen. Entschuldigung…!

So, geht schon wieder. Ja, uns schießt die Feuchte in die Augen, weil sich nun, ohne Vorankündigung, mit einem Mal alles geändert hat.

Es ist so: wir ahnten nichts, gingen in das Lokal (auf Nachfrage hin werden wir gerne den Namen des Etablissements nennen: schreiben Sie einfach an info@eine-zeitung.net) und trauten unseren Augen nicht: die Schweinepriester haben einfach die gemütlichen Sofas und Sessel entfernt und durch eine harte unbequeme Eckbank aus Holz und ohne Polster ersetzt. EINE ECKBANK AUS HOLZ!

OHNE POLSTER!

 

Wir haben es versucht, ja, wir haben darauf Platz genommen und versucht, professionell unserer Arbeit nachzugehen. Doch es klappte einfach nicht. Stattdessen herrschte eine bedrückende, ungewöhnlich angespannte Stimmung und die Bandscheibe von einem der Autoren sprang knallend heraus.

Nach wenigen Minuten verließen wir fassungslos den Laden und liefen schluchzend und orientierungslos durch die Straßen.

Seit mittlerweile vier Tagen sind wir auf der Suche nach einem neuen Büro.

Wir können nicht mehr.

Wir wollen nicht mehr.

Hilfe….

Deutschland