Gesellschaft | 20.12.2014

Siebenunddreissigster Brief aus Deutschland

2014 war ein bedeutendes Jahr für die Schweizerinnen und Schweizer. Seit März ist unser aller Leben anders. Was passiert ist - und wie es mit uns weitergehen wird.
Die Taube mit der frohen Botschaft kommt jede Woche zu uns. (
Bild: Katharina Good)

Liebe Schweizerinnen, liebe Schweizer,

 

Wie so vieles im Leben hat auch dieses Jahr einmal ein Ende. Nicht mehr lang und 2014 gehört der Vergangenheit an. Was bleibt? Woran werden wir uns auch in zehn Jahren noch zurückerinnern, wenn wir und Sie an dieses ereignisreiche Jahr zurückdenken?

 

An die Ukrainekrise? Gewiss nicht!

An die brutale IS? Ach was, nein!

An die Weltmeisterschaft? Blödsinn! Vor allem Sie nicht.

 

Nein, ein Datum wird vor allem den Schweizern auf ewig in Erinnerung bleiben. Und das ist der 21. März 2014. Das ist so einfach, dass wir das eigentlich gar nicht erwähnen müssten. Denn an diesem Tag erreichte der erste Brief aus Deutschland die Schweiz. Und fortan sollte sich praktisch alles verändern.

Wir blicken zurück: Bis vor kurzem war die Schweiz ein Land, das niemand mochte: Isoliert, aus allem raushaltend, verhasst und höchstens für reiche Ausländer ein attraktiver Zweitwohnsitz.

In diesem Zustand vegetierte die Schweiz jahrzehntelang vor sich hin – bis auch der große vorbildliche Nachbar aus dem Norden nicht länger zusehen konnte und intervenieren musste.

Und so begann am 21. März diesen Jahres eine neue Ära und die Schweizer lernten von nun an wöchentlich ein paar Lektionen, was sie tun müssen, um endlich ernst genommen zu werden von der Welt.Wir neigen wahrlich nicht zum Eigenlob und wollen auch weiter gewohnt bescheiden bleiben, aber wenn man die Entwicklung in der Schweiz in den vergangenen sieben Monaten einmal genau betrachtet, sieht man, was wir geschafft haben, aus dem Land zu machen. Und das nur anhand wöchentlicher kleiner Briefe.

Heute, sieben Monate später, erkennt man die Schweiz kaum noch wieder. Stattdessen ist es ein Land, das niemand mag. Isoliert, sich aus allem raushaltend, verhasst, höchstens für reiche Ausländer attraktiv und – das wissen wir nun – beratungsresistent ohne Ende!

 

Aber, gemach: wir wollen so kurz vor Weihnachten auch nicht immer nur stänkern, beleidigen, auf offensichtliche charakterliche Mängel hinweisen und auf hinterwäldlerische Bergvölker eindreschen. Nein, heute möchten wir mit Ihnen die Tassen hochleben lassen und uns feierlich auf das Fest der Liebe einstimmen. Nehmen Sie sich doch ein Stückchen Lebkuchen. Wo auch immer Sie gerade sind – im Büro, in der Uni, auf dem Arbeitsamt, auf der Straße, im Café, im Bundeshaus – machen Sie einfach mal mit!

Und einen Wein. Gerne rot, wie Ihre Flagge.

 

Und jetzt stellen wir uns gemeinsam zu einem Kreis auf, nehmen die Hände unserer Nachbarn und singen:

“Oh, du fröhliche-he

Oh, du selige-he […]” und so weiter.

Ja, das macht Laune! Machen Sie auch ruhig schon Feierabend, legen Sie Stift/Laptop/Frisierstab/Hochofen zur Seite und freuen Sie sich auf die kommenden Festtage!

 

Wir sind ja auch unter uns, deshalb: keine Scheu vor Peinlichkeiten! Wenn Ihnen danach ist: lassen Sie die Tränen kullern, oder kutschen Sie jemanden, oder – entschuldigen Sie bitte das Wort – ********** Sie mal wieder so richtig.

Und schon sieht die Welt wieder einigermaßen besser aus. Sehen Sie, so schön kann Weihnachten sein!

 

Bis nächstes Jahr,

Machen Sie es gut,

Ihr Deutschland