Gesellschaft | 12.12.2014

Sechsunddreissigster Brief aus Deutschland

Noch letzte Woche mussten wir darum fürchten, ob die Briefe aus Deutschland weiterexistieren können. Vielleicht besser nicht, denken wir nach dem heutigen Brief. Ohne ihr geliebtes Sofa sind die beiden scheinbar nicht fähig, einen anständigen Text zu verfassen.
Die Friedenstaube hat diese Woche ganze Arbeit zu leisten. (
Bild: Katharina Good)

Mail von P. Feldhusen, 9:31 Uhr:

Hey Peer,

alles fit? Kinder zur Schule gebracht? Wie geht es deiner Frau? Ist sie wieder gesund?

Naja, wie auch immer, es ist Freitag. Zeit für den neuen Brief an die Schweiz. Ich fange gleich mal damit an, ok? Muss vorher noch ein paar Dinge erledigen.

Bis gleich.

 

Mail von P. Gahmert, 9:41 Uhr:

BITTE WAS!? DU fängst mit dem Scheißbrief an? Du hast letzte Woche schon angefangen, ich bin auch mal wieder dran! Du fängst in letzter Zeit immer an! Ich habe auch gute Ideen, Du Hund!

 

“Guten Tag, Schweiz!

 

Der Winter kommt, das haben Sie sicherlich mitbekommen. Auch bei uns hat es schon vereinzelt geschneit und gerieselt und geeist – Zeit also, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern! Wir hätten da ein paar schöne Vorschläge!

Was immer gut ankommt, sind persönliche Geschenke, die dem Beschenkten etwas bedeuten.”

 

Mail von P. Feldhusen, 9:46 Uhr:

Was soll DAS denn jetzt, Peer? Wir hatten uns doch vor zwei Tagen darauf geeinigt, dass unser dieswöchiger Brief sich mit der Frage beschäftigt, ob auch in der Schweiz zu Hause deutsch gesprochen werden muss. Oder wie die das mit ihren sechs Landessprachen regeln.

 

Also, “halli hallo liebe Schweizer,

Sie haben sicherlich mitbekommen, was da gerade in Deutschland für eine Diskussion entbrannt ist, nachdem die CSU vergangene Woche von Migranten forderte, zu Hause doch bitte Deutsch zu sprechen. Wir finden diese kleine Debatte ja sehr amüsant und fragen uns, wie Sie das bei sich eigentlich so regeln.”

 

Mail von P. Gahmert, 9:56 Uhr:

Hallo!? Was soll denn das jetzt wieder? Ich hatte auch gesagt, dass ich das Thema Deutschsprechen für die Schweiz nicht geeignet finde! Ich verstehe gerade echt nicht, was Du wieder für einen Film fährst! Aber klar, ist ja eigentlich wie immer: Der Herr Feldhusen drängt sich mal wieder in den Vordergrund. Was ist denn an Weihnachtsgeschenken jetzt auszusetzen?! Wo doch Weihnachten vor der Tür steht und in der Schweiz der alljährliche Hundebraten vorbereitet wird!

 

“Ganz Wichtig: lassen Sie sich nicht unter Druck setzen – das Geschenk muss von Herzen kommen! Sie kennen das ja selber, wenn man etwas auspackt, voller Vorfreude, und dann feststellt, dass sich niemand wirklich Gedanken über Sie macht. In Deutschland nennt man das das “Philipp-Feldhusen-Syndrom”. Es ist im Grunde nur mit dem freiwilligen Frühableben des bescheuerten Betroffenen zu lösen. Je gewaltvoller der Volltrottel ums Leben kommt, desto besser für alle.”

 

Mail von P. Feldhusen, 10:07 Uhr:

Haha, sehr witzig, Peer. Da hat der Herr Gahmert wohl wieder einen Kasper gefrühstückt, wie? Es gibt kein Philipp-Feldhusen-Syndrom, und das weißt du auch ganz genau! Was soll die Scheisse jetzt? Bist du wieder beleidigt, weil ich deine Idee abgelehnt habe und doof finde? Die Schweizer brauchen viel, aber ganz gewiss keine Geschenketipps zu Weihnachten. Idiot!

 

«Sprechen Sie zu Hause eigentlich genauso wie beim Bäcker? Oder im Supermarkt? Oder mit Freunden? Verstehen Sie sich untereinander, wenn z.B. ein Mensch aus dem französisch sprechenden Teil der Schweiz kommt und mit einem schweizerdeutsch Sprechenden zusammentrifft? Wissen Sie, bei uns versteht man viele Menschen einfach überhaupt nicht, wenn sie zu Hause in ihren eigenen vier Wänden sind und sich untereinander unterhalten. Dann wird genuschelt ohne Ende und es wird überhaupt kein Wert mehr auf einen vernünftigen Satzbau gelegt. Bei uns nennt man das peergahmern, benannt nach seinem miserablen deutsch sprechenden Erfinder –

 

Mail von P. Gahmert, 10:11 Uhr:

Junge, es gibt gerade ü-ber-haupt keinen Grund, persönlich zu werden! Wie wäre es, wenn Du einfach mal die Fresse hältst und weit wegziehst, hm? Ich kann dieses «Seht mich an, ich bin Philipp Feldhusen, der größte und beste auf Erden- nicht mehr hören! Und Deine Familie auch nicht mehr! Ja, ich habe gestern mit Deiner Frau ge– telefoniert, die überlegt, sich endlich von Dir scheiden zu lassen und —

 

Mail von P. Feldhusen, 10:12 Uhr:

Lass meine Familie da raus, die widerlicher Scheisskerl! Aber wenn du schon so anfängst, bitte! BITTE! Dann sag ich nur 18. September 2013. Ja, denk mal scharf nach! Bis heute glaubt jeder, dass es ein Unfall war. Aber ich wusste von Anfang an, dass du –

 

Mail von P. Gahmert, 10:14 Uhr:

Ach komm, jetzt lass den Scheiss und hör einfach auf zu schreiben! Also:

 

Hallo Schweiz! Weihnachten steht vor der Tür, die Berge sind schneeweiß und in irgendeiner Höhle im Engadin oder wie das heißt läuft Blut in den Schnee. Neben einem leblosen Körper liegt eine Axt und ein arroganter, kotzhässlicher Norddeutscher. Offenbar umgebracht von einem unbekannten—

 

Mail von P. Feldhusen, 10:16 Uhr:

Deine Mudda ist kotzhässlich!

 

Mail von P. Gahmert, 10:18 Uhr:

So, das reicht! Ich hol jetzt Herrn Chefredaktor Bucher dazu!

 

Mail von Sandro Bucher (tink.ch), 10:23 Uhr:

Anita, jetzt ist es schon wieder passiert. Diese zwei komischen Vögel aus Deutschland haben mir einen dieser seltsamen Briefe geschickt. Nur scheint er diese Woche noch seltsamer als sonst. Da ich sie nie lese, kannst du das aber bestimmt besser beurteilen. Magst du ihn bitte online stellen und ihnen dann sowas in der Art «Jungs, vielen Dank für den Brief! Wie immer toll geworden! Ich stelle ihn sofort rein, echt klasse gemacht! Gerne nächste Woche wieder. Ihr seid sooo lustig!« zurückschreiben? Ich ertrag das Ganze nicht mehr. Besten Dank!