27.12.2014

Kamikaze: Rock, Pop und Jazz aus Bern, Freiburg und dem Tessin

Text von David Schneider | Bilder von David Schneider
So bunt die Zusammensetzung der Schweizer Gruppe Kamikaze ist, so farbenfroh ist auch ihre Musik. Und auch wenn dies meist eher schwere, gefühlsgeladene Farben sind, so lädt das Quartett doch zum Tanzen und Mitfühlen ein. In der Turnhalle in Bern hat die Band mit dem halsbrecherischen Namen nun ihre neue CD Crestfallen getauft.
  • Sänger Fabio Pinto umhüllt von Rauch und Licht

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  • Ein Blick von oben erfasst das Gebilde hinter dem Namen Kamikaze

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  • Claire bereicherte die Musik der Schweizer Band gesanglich als auch musikalisch.

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  • Das Konzert in der Turnhalle in Bern überzeugte durch stimmiges Licht auch optisch.

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  • Ob Gitarren- oder Bassläufe: Kamikaze bietet vielfältige Melodien

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  • Claire Huguenin ergänzt mit ihrer mal sanfen mal lauten Stimme die experimentelle Musik der Band

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  • Sänger Fabio Pinto umhüllt von Rauch und Licht

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Musik in der Turnhalle

Es herrscht Sommer: Vor dem Progr in Bern sitzen die Leute auf ihren Gartenstühlen zwischen Pflanzen und Paletten und trinken gemütlich ihr Feierabendbier, diskutieren und geniessen den warmen Abend. Wer sich bei dem schönen Wetter nach drinnen verkriecht, muss echt ein Problem haben, denkt man sich. So erstaunt es nicht, dass in der Turnhalle und an deren Bar eher Ruhe herrscht. Ruhe vor dem Sturm, denn in einer Stunde wird hier eine Band über die Bühne fegen, die alleine mit ihrem Namen für ein Beben sorgt. Kamikaze, ein Vierergespann mit Musikern aus Bern, Freiburg und dem Tessin, taufen an diesem sommerlichen Abend ihr neues Kurzalbum Crestfallen und wollen mit ihrem High Energy Jazz nicht nur die Bühne zum Zittern bringen.

Leere oder Fülle

Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn lassen nur die Instrumente auf der Bühne der Turnhalle darauf schliessen, dass hier ein Konzert stattfinden soll. Der Grossteil des Publikums lässt auf sich warten, wenn denn überhaupt noch jemand kommt. Glücklicherweise sind die Hoffnungen nicht umsonst und so tröpfeln die Gäste von der Terrasse mehr und mehr in den Konzertsaal. Auch die Band ist bereit an diesem Sonnentag ein musikalisches Gewitter loszubrechen.

Musikalischer Todesflug

Und diese Energie steckt Pinto wie auch der Rest der Band direkt in ihren gefühlsgeladenen und temporeichen Jazz, der mal mehr nach Rock klingt, dann nach Synthie-Pop und auch mit Electronica-Elementen auftrumpft. Die Band eröffnet mit dem Song Tomorrow, einer der vier Tracks auf dem neuen Shortplayer, welche an diesem Abend getauft wird. Und Kamikaze lassen das Publikum nicht lange auf musikalische Ausbrüche warten. Von ruhigen Momenten bis zu monströsen Ausbrüchen sorgt Pinto mit Gitarre und Stimme für den Donner, der das Gewitter ankündigt. Vor allem bei Parallels bricht die Musik aus und fegt durch den Raum. Das Stück ist so inbrünstig, wie der darauffolgende Applaus.

Mal ruhig, mal laut

Der Kopf hinter der Musik, Fabio Pinto, begrüsst nach dem dritten Stück herzlich das Publikum, dass sich nun doch zahlreich in der Turnhalle eingefunden hat. “Wir feuen uns auf diese EP-Taufe. Seid Willkommen!”, so der Freiburger. Es folgen die Stücke Aerodrom und The Gaze vom neuen Album. Letzteres beginnt mit knackigem Schlagzeugtakt, der ungewohnt tanzbar klingt. Darüber legt sich die zarte Stimme von Claire Huguenin, welche nicht nur mit ihrer Stimme verzaubert, sondern auch durch ihr Auftreten. Es ist sie, die auch gestisch die experimentelle Jazz-Musik wiedergibt und sich zwischen den einzelnen Stücke nicht um einen Scherz zu schade ist. Neben neuen Liedern spielt die Band auch Songs von ihrem Longplayer Alpha aus dem Jahr 2012. Von Trauer über Wut bis hin zu Liebe findet sich alles wieder und so variantenreich die Gefühle hinter der Musik, so variantenreich auch die Darbietung.

Stärke im Detail

Als der Titeltrack Crestfallen folgt hüllt sich die Bühne in Rauch und rotes Licht, die Atmosphäre ist genauso angespannt wie der Song. Der Bass faucht und spuckt die Klänge aus, auf einmal setzt das Schlagzeug ein und Fabios Gesang steigt mit ein. Crestfallen zeigt eindrücklich wie energiegeladen Kamikazes Musik ist und das vor allem in den instrumentalen Teilen viel Feinfühligkeit und gleichzeitig Stärke steckt. Das Publikum goutiert die Leistung der Vier stets mit Jubel und Applaus, auch wenn die Turnhalle längstens nicht gefüllt ist. Dies lassen sich die Musiker jedoch nicht anmerken. Und so endet auch der letzte Song namens Colours wie das Konzert begonnen hat, mit dem Beben des Schlagzeug, das zum Grossumschlag ausholt, und mit verzerrt heulenden Gitarrenklängen, welche durch den Raum und ins Gehör der Zuschauer dröhnen. Kamikaze stehen zu ihrem Namen, ein musikalischer sowie halsbrecherischer Flug, der mit der Gewissheit endet, dass Jazz selten so abwechslungsreich war.