Gesellschaft | 14.11.2014

Zweiunddreissigster Brief aus Deutschland

Der Röstigraben ist die sinnbildliche Mauer durch die Schweiz, dass wissen sogar unsere Freunde Peer und Philipp aus Deutschland. Sie finden aber, dass eine sinnbildliche Mauer nichts ausreicht. Eine physische muss her, die trennt, was getrennt sein sollte.
Die Brieftaube hat heute schwer zu tragen, an Backsteinen und Zement.
Bild: Katharina Good

Guten Tag, sehr verehrte Nachbarn,

 

 

heute ist der 14.November 2014. Für die Schweiz ein Tag wie jeder andere, nichts Besonderes. Die Liechtensteiner kennen dieses Datum auch und finden ebenfalls nichts Auffälliges daran. Doch für uns Deutsche hat dieser Tag eine ganz besondere Bedeutung: Denn heute vor 25 Jahren und fünf Tagen, nämlich am 9. November 1989, fiel in Berlin die Mauer.

 

Jaja, werden Sie jetzt sagen, diese Geschichte kennen wir in-und auswendig und KÖNNEN sie langsam nicht mehr hören.

 

Uns geht es da ganz ähnlich. Auch wir haben das Thema Mauerfall mittlerweile mehr als satt. Dazu kommt, dass die beiden Autoren aus dem Norden Deutschlands stammen und den Osten der Republik noch nie leiden konnten. Verstehen Sie uns nicht falsch, wir freuen uns natürlich über die Wiedervereinigung und kennen genug Ostdeutsche, über die wir herzhaft lachen können, allein des Dialektes wegen. Aber können Sie sich vorstellen, wie es ist, in einem Land zu leben, das 30 Jahre lang von einer Mauer getrennt wurde?

 

Nein, können Sie nicht. Deshalb hat sich heute Morgen ein Trupp befähigter Maurer und Grenzsoldaten aus ganz Deutschland auf den Weg zu Ihnen gemacht. In wenigen Tagen schon wird die Schweiz dort eine Mauer haben, wo bislang nur der symbolische Röstigraben verläuft. Und endlich wird geteilt, was geteilt werden muss: die Westschweiz vom Rest des Landes. Wir wissen da die Begeisterung und Euphorie vieler Eidgenossen auf unserer Seite, aber keine Sorge: wir Deutschen haben dazu gelernt und werden nicht wieder dieselben Fehler machen wie damals in den 1960ern.

 

Zum Beispiel war die Mauer in Berlin viel zu durchlässig. Aber heute ist die moderne Betontechnik viel weiter; und auch die Vorteile einer lasergesteuerten Schussanlage wissen wir zu schätzen. Das haben wir uns übrigens von den Israelis abgeschaut, die sind da sehr viel bewanderter und kompromissloser als die DDR es jemals war.

 

Aber eigentlich geht es darum gar nicht. Der Hauptfehler damals war ja, dass eine Nation mit einer Sprache und einer gemeinsamen Nazivergangenheit geteilt wurde. Die Schweizer Mauer wird aber ganz natürlich das voneinander trennen, was eh nie funktioniert hat: Deutsch und Französisch. Sie werden sehen, dieser antifrankophone Schutzwall wird genau das sein, was Sie immer vermisst haben.

 

Warum keine Mauer zum Tessin, werden Sie nun fragen. Und das ist auch mehr als legitim. Aber heute kein Thema.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit,

Ihr Deutschland