Gesellschaft | 08.11.2014

Neues Entdecken in der unteren Altstadt

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Anne-Lea Berger)
Während herkömmliche Stadtführer die untere Altstadt nur marginal beachten, setzt der neue Guide ganz auf die Nebenschauplätze unterhalb des Zytgloggeturms. Die untere Altstadt soll als lebendiger Teil der Innenstadt wahrgenommen werden, findet der Initiant des Projektes Stefan Theiler.
Stefan Theiler präsentiert mit seinem Berner Stadtführer einen alternativen Blick auf die untere Altstadt. (
Bild: Anne-Lea Berger)

Haben Sie sich auch schon gewundert, warum es die Pflastersteine in der Münstergasse immer so nass sind? Warum Sie auch bei stahlblauem Himmel dort immer das Gefühl haben, es regne? Um solche und andere Rätsel zu lösen, sei Ihnen der neue Altstadt-, Seitengassen- und Matteführer empfohlen.

 

Über 180 Orte sind im ihm eingezeichnet, eingeteilt in verschiedene Sparten wie Bücherläden, Gastro-Romantik oder Kind-Sein-Orte, wie etwa abenteuerliche Spielplätze oder ein “Bäbistubeland”. Diese sind aber nicht entlang der touristischen Hauptachse über die Kram- und Gerechtigkeitsgasse bis zur Nydeggbrücke zu finden. Der Stadtführer “Bern – der Liebe… wegen” lotst den Besucher in die ruhige, enge Brunngasse, in die Hinterhöfe der Matte oder zu den verwunschenen Häuschen der Montessorischule.

 

Kein stures Abklappern

Detaillierte Wegbeschreibungen werden allerdings nicht geboten. So lässt sich etwa die “fantastische Schaukel” auf dem Spielplatz der Sprachheilschule nur nach längerem Suchen und Nachfragen finden. Dies stört aber nicht weiter. Denn stur von Ort zu Ort zu gehen und die eingezeichneten Geschäfte und Sehenswürdigkeiten abzuklappern, ist bestimmt nicht die Idee des Stadtführers.

 

Viel eher lädt er dazu ein, mit offenen Augen, Ohren und Herzen den Charme der unteren Altstadt einzufangen und dabei bei jedem Spaziergang neue Kleinigkeiten zu entdecken. Man spähe nur einmal rechts über die Mauer der Mattentreppe und entdecke das fast schon mystische Gärtchen mit versteckten Schuhen und Spiegelwänden zwischen den Farnen und Gräsern.

 

Nicht nur Touristenführer

Entwickelt hat den Stadtführer Stefan Theiler, welcher in der Rathausgasse die Videothek “Dr. Strangelove” betreibt. Er wollte so einerseits eine Alternative zum normalen Touristenprogramm schaffen. Andererseits bietet der Guide aber auch die Möglichkeit, Tante-Emma-Läden für den Alltag zu entdecken.

 

Da wäre das “Ittume Idele”, ein winziger Lebensmittelladen in der Matte, welcher noch mit dem mattenenglischen Begriff für “Matteladen” angeschrieben ist. Ebenso finden sich eine Bäckerei, Metzgerei und Käserei auf der Liste. In den kleinen Buchhandlungen kommt man in den Genuss einer persönlichen Beratung, und beim “Mira!” in der Postgasse werden die Postkarten sogar handgefertigt.

 

“Die verlorene Zeit kehrt zurück, nimmt dich in den Arm und mit auf einen Spaziergang in die vergessene Heimat.” So setzt Stefan Theiler seinem Werk einen würdigen Titel.

 

Mangelnde Unterstützung

Noch wird der Stadtführer auf einem liebevoll zusammengerollten und mit einem Stoffbändel gebundenen Papierbogen überreicht. Bald soll aber eine detailliertere gebundene Version erscheinen, in dem die einzelnen Geschäfte jeweils noch kurz beschrieben werden. So wollen die Ladenbesitzer gemeinsam versuchen, mehr Kundschaft anzulocken.

 

Von Bern Tourismus, aber vor allem von BERNcity, dem Verein verschiedener Berner Geschäften, erfahren sie leider kaum oder gar keine Unterstützung. Stefan Theiler zeigt sich wütend, spricht von “Berncity-Mafiosos” und meint, dieser Verein “sei für gar nichts zu gebrauchen”. Auf den interaktiven Karten der genannten Organisationen wird denn auch kaum auf die Nebenschauplätze der Hauptstadt verwiesen.

 

Die vielen kleinen Hinweise machen den Stadtführer zu einem interessanten Begleiter durch Bern. Die Liebenswürdigkeit und Eigenheiten der Geschäfte in den Nebengassen der unteren Altstadt sind es allemal wert, die tausendmal-gesehenen Läden in Bahnhofsnähe zu umgehen und den etwas längeren, aber lohnenden Weg auf sich zu nehmen.

 

Das Rätsel um den Regen in der Münstergasse sei an dieser Stelle nicht verraten. Gehen Sie selber vorbei, bleiben Sie stehen und schauen Sie sich die Häuserfassaden mal genauer an…